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Eintracht very Matsch

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Von: Thomas Stillbauer

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Tänzelnd auch im tiefsten Matsch: West-Ham-Star Trevor Brooking (links) entgeht dem Frankfurter Roland Weidle.
Tänzelnd auch im tiefsten Matsch: West-Ham-Star Trevor Brooking (links) entgeht dem Frankfurter Roland Weidle. © imago sportfotodienst

Wenn das Trikot aus Schlamm besteht, bringt farbiges Fernsehen auch nichts. Muss der ehemals Elfjährige erkennen, wenn er an 1976 zurückdenkt. Und an das Spiel der Eintracht im Upton Park. Und an Trevor Brooking. An den aber nicht so gerne.

Über die Schlammschlacht im Upton Park am 14. April 1976 haben die Kollegen ja schon alles Wissenswerte geschrieben. Danke, Kollegen. Nur eines nicht: Welch ein traumatisches Erlebnis das für einen Elfjährigen war, dieses Spiel zwischen West Ham United und Eintracht Frankfurt.

Keine Ahnung, warum der Knirps damals so lang aufbleiben durfte. Andererseits war er zu jener Zeit bereits Weltmeister (Grabowski, Hölzenbein) und Doppelpokalsieger (’74, ’75). Und es waren Osterferien. Wer also hätte ihm bitte verbieten können, das Rückspiel im Halbfinale um den Europapokal der Pokalsieger im Fernsehen zu schauen? Ach richtig: meine Mama hätte können. Es gab damals Fernseher mit abziehbarem Einschaltknopf, einer Art Vor-Ort-Verschlüsselung, und wenn sie gewollt hätte ... wollte sie aber nicht. Danke, Mama.

Der Fernseher hatte sogar eine Fernbedienung mit vier, fünf Tasten – und einem Kabel vom Gerät bis zum Sofa. Bald hatte er keine Fernbedienung mehr, weil das Kaninchen namens Hoppel besonders gern Fernbedienungskabel nagte. Immerhin: Hoppel überlebte. Der Fernseher hatte auch eine Bildröhre, die mehr erlaubte als Schwarzweiß wie Schnee. Erstmals erschloss sich dem jungen Publikum, wieso die Mainzelmännchen freudestrahlend „In Faaarbe“ plärrten, während bis dahin alles optisch beim Alten, also beim Farblos-Mattscheibenhaften geblieben war. Plötzlich wurde alles bunt. Deshalb spielte die Eintracht ja auch plötzlich in gelben Trikots. Na ja, vielleicht doch nicht nur, weil beim kleinen Weltmeister und Doppelpokalsieger daheim das Farbfernsehen Einzug hielt.

Ehrlich gesagt erinnert sich der einst Elfjährige nicht mehr so ganz genau, ob er das Spiel live gesehen hat oder ob es eine Zusammenfassung nach der Partie war. Aber eine Szene steht dem just wieder auf Fußballschuhgröße 37 geschrumpften Fan noch glasklar vor Augen.

Nicht sehr geschmeidig

Steilpass in der 77. Minute auf Trevor Brooking. Der läuft aufs Frankfurter Tor zu. Tanzt, knietief im Morast, mit der allergrößten Leichtigkeit einen Eintracht-Verteidiger aus. Auf den alten Videos ist unmöglich die Rückennummer des gelben Adlerträgers zu erkennen. HD war damals nicht sehr verbreitet, aber vor allem bestand das Trikot in der 77. Minute längst zum weitaus geringeren Teil aus Textil, dafür überwiegend aus Schlamm. Dem Verteidiger wird es recht sein. Er sieht da nicht gerade geschmeidig aus. Auch Doktor Peter Kunter, der fliegende Zahnarzt im Eintracht-Tor, ist geschlagen, aber was soll er machen. Da kann er nix machen. Dreinull für West Ham. Thank you very Matsch.

Dass Beverungen später nur noch das Ehrentor gelingt: schade. Dass die Eintracht ausscheidet: traurig. Aber das ist alles nicht das Traumatische an der Sache. Das Traumatische kommt jetzt. Der Reporter. Im deutschen Fernsehen. Sagt, und zwar voller Begeisterung: „Hat er das gut gemacht, der Trevor Brooking?!“

Auch der Name des Reporters ist dem Elfjährigen von einst nicht mehr gegenwärtig, diesmal ist es weniger der Schlamm auf dem Trikot als der Nebel der Jahrzehnte. Eins muss man ihm lassen: Hat er wirklich gut gemacht, der Trevor Brooking. Gut, dass er heute nicht mitspielt.

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