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Eintracht überrollt Leverkusen: Im Stile eines Spitzenteams

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Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

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Eintracht Frankfurt zündet gegen eine völlig überforderte Werkself ein Feuerwerk und untermauert mit 5:1 die eigenen Ansprüche.

Frankfurt - Nach dem Parforceritt gegen eine in Trümmern liegende Werkself kam die Sprache der Eintracht-Spieler immer wieder auf ihren merkwürdig schlaffen Auftritt vor Wochenfrist beim Prügelknaben der Liga. Sie berauschten sich nicht am eigenen Tun, wozu sie nach dem furiosen 5:1 (1:0) gegen Bayer Leverkusen einigen Grund gehabt hätten, sondern fuhren gedanklich zurück zu dieser 0:3-Abreibung im Herzen des Ruhrpotts im Spiel zuvor. Bochum, immer wieder Bochum. „Wenn du nicht bei 100 Prozent bist, wenn du nicht diese Power entwickelst, wenn du im Kopf nicht bereit bist, kriegst du auf die Fresse“, sagte Christopher Lenz. „Wie in Bochum.“ Oder Djibril Sow: „Der Schlüssel war die Energie und die Aggressivität. Wenn wir die nicht auf den Platz bringen, geht es aus wie in Bochum. Daraus müssen wir lernen.“ Bochum also, der Letzte.

Sollte diese Züchtigung in Westdeutschland für Eintracht Frankfurt tatsächlich so etwas wie der ultimative Weckruf gewesen sein, ein Knackpunkt, ein einschneidendes Erlebnis, das die Sinne geschärft hat, um das Leistungsniveau auf einem konstant hohen Level zu halten?

Da kann selbst Lukas Hradecky nur staunen: Jesper Lindström und sein frecher Lupfer zum 3:1.
Da kann selbst Lukas Hradecky nur staunen: Jesper Lindström und sein frecher Lupfer zum 3:1. © dpa

Ein Ergebnis, das die Kräfteverhältnisse nicht mal richtig widerspiegelt

Um das seriös zu beantworten, ist es viel zu früh, das kann sogar der selbsternannte Divenzüchtiger Oliver Glasner nicht, aber es ist schon mal ein gutes Zeichen, wenn die Spieler nach einem Glanzstück wie jenem vom Samstag sich nicht automatisch für die Größten halten, sondern sich bewusst darüber sind, was die Basics für solche Erfolge sind und was passiert, wenn diese nicht abgerufen werden. Bochum halt.

Das ist alles in allem eine Frage der Einstellung und der Bereitschaft, das ist klar, also eine mentale Geschichte. Wie so vieles im Sport, erst recht auf diesem Niveau. Bringt die Eintracht, auch dies ist eine aktuelle Lehre, all ihre Tugenden aufs Feld, ist sie zumindest von den meisten Bundesligisten schwer zu besiegen. Trifft sie dann auch noch auf einen angeknockten, pomadigen und erschreckend leblosen Kontrahenten wie jenen aus Leverkusen, dann kann es schon mal so enden wie jetzt im Waldstadion: mit einer deftigen Packung für den fast schon bemitleidenswerten Widersacher: fünf zu eins.

Ein Ergebnis, das die Kräfteverhältnisse nicht mal richtig widerspiegelt, die Rheinländer hätten auch acht oder neun Stück kassieren können und hätten sich nicht beschweren dürfen oder können sich, andersherum, bei ihrem noch stark haltenden Torwart Lukas Hradecky bedanken. Der Ex-Frankfurter konnte seine Bilanz an alter Wirkungsstätte nicht aufbessern, die Eintracht hat ihre letzten fünf Heimspiele gegen die Bayer-Elf für sich entschieden und dabei 17 Tore geschossen. Nicht schlecht. „Auch in der Höhe verdient“, bemerkte Sportvorstand Markus Krösche nüchtern und bemängelte sogar noch die Chancenverwertung. Absichtlich wehtun wollte er den armen Leverkusenern nicht.

Eintracht Frankfurt war zwei Nummern zu groß für Leverkusen

Die Eintracht war zwei Nummern zu groß für die Werkself, gerade in der Offensive fackelten die Platzherren ein Feuerwerk ab, die schnellen Stürmer Randal Kolo Muani und Jesper Lindström waren nie zu halten, dahinter zogen der gute Mario Götze und der überragende Daichi Kamada die Fäden und bestimmten den Takt, glänzten immer wieder mit Schnittstellenpässen in die tiefen Läufe der pfeilschnellen Angreifer. Die Spielfreude war ansteckend. Insgesamt 21 Tore haben die Hessen nun bereits erzielt (aber auch schon 17 kassiert, davon erstaunlich viele nach Standards), das sind die zweitmeisten der gesamten Liga.

Die Eintracht-Spieler in der Einzelkritik: Kamada eiskalt, Kolo Muani nicht zu halten

„Leverkusen hatte Probleme mit unserer Intensität und unserem Umschaltspiel“, fasste Djibril Sow zusammen. „So sind wir schwer zu bespielen. Dass wir das drin haben, sehe ich jeden Tag im Training. Wir müssen jetzt dranbleiben.“ Heißt: Nicht wieder zurückfallen in alte Muster, sondern diese Energie, Bedingungslosigkeit und Bereitschaft in jedem Spiel einbringen – auch am Dienstag (18 Uhr/Sky) in der zweiten Runde des DFB-Pokals beim Oberligisten Stuttgarter Kickers. Keine besonders hohe Hürde, aber vielleicht gerade deshalb ein Stolperstein? Ganz sicher nicht, wenn die Frankfurter das Spiel ernst nehmen.

Die Eintracht hat sich am Samstag auch nicht aus der Ruhe bringen lassen, als Randal Kolo Muani gleich mehrere gute Chancen versiebte und auch nicht, als Piero Hincapie (56.) die Führung durch einen Elfmeter von Kamada (45.) ausglich. „Das hat mich beeindruckt, dass wir danach die Schlagzahl und Offensivpower noch mal erhöht haben“, analysierte Coach Glasner. „Denn das war mental schwierig, da kann das Spiel auch schnell kippen.“ Aber nicht an diesem Tage, an dem die Eintracht den überforderten Gegner nach allen Regeln der Kunst auseinandernahm und förmlich auffraß.

Eintracht Frankfurt, ein Spitzenteam?

Kolo Muani mit einem wuchtigen Kopfball (58.), Lindström mit einem frechen Lupfer (65.), Kamada per Strafstoß (72.) und schließlich der eingewechselte Lucas Alario nach uneigennütziger Vorarbeit von Rafael Borré (86.) schossen Bayer 04 ab. In dieser Verfassung muss sich die Eintracht nicht vor vielen Mannschaften verstecken. Die Eintracht, ein Spitzenteam? „Wenn es so läuft, auf jeden Fall“, antwortete der agile und kraftvolle Chris Lenz. „Wir haben die Messlatte jetzt sehr hoch gelegt.“

Und das mit einer Mannschaft, die in dieser Besetzung noch nie zusammengespielt hat. Auf der rechten Außenbahn verdingte sich etwa Eric Dina Ebimbe und machte seine Sache gut, in der Dreierkette verteidigte auf einmal Kristijan Jakic zentral. Ein Novum. „Er hat das sehr seriös gemacht“, lobte Kollege Sow zu Recht. Und für den Chef war es keine Überraschung, dass der eigentliche Mittelfeldspieler nun als Libero seinen Mann stand und seine Aufgabe „sehr gut“ gelöst habe. „Die gelernten Sechser können es am besten spielen“, erklärte Oliver Glasner. „Makoto Hasebe war ja früher auch Mittelfeldspieler.“ Zur Wahrheit gehört auch: Jakic wurde nicht mal richtig gefordert.

Sportvorstand Markus Krösche sieht sich in der Zusammenstellung des Aufgebots bestätigt: „Der Kader ist breiter geworden, wir brauchen jeden Spieler, und jeder ist in der Lage, gute Spiele abzuliefern.“ Manchmal sogar mehr als das. (Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein)

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