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Einer von beiden wird das Eintracht-Tor hüten: Felix Wiedwald (rechts) oder Jan Zimmermann.

Europa League

Eintracht Frankfurt in Tallin: Warnungen aus der Vergangenheit

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Eintracht Frankfurt will wieder unvergessliche Momente in Europa erleben. Die  Vergangenheit sollte man deshalb tunlichst nicht außer Acht lassen.

Für einen kurzen Moment schnellte der Puls bei den Fußballprofis von Eintracht Frankfurt nach oben. Zwei, drei Sekunden lang krallten sich die Fingernägel in den Armlehnen fest, als die Chartermaschine nach Tallinn just vor der Landung doch noch von einer kräftigen Böe erwischt wurde. Die Ostsee hatte ihre Winde über die estnische Hauptstadt geschickt, der Flieger sackte einige Meter ab, die kickenden Insassen quittierten das Luftloch mit einem langgezogenen Ohhh. Ist ja alles gutgegangen.

Denn ansonsten war die Anreise der Hessen zum ihrem ersten Europa-League-Qualifikationsspiel (19 Uhr/RTL Nitro) sowie das anschließende Training im Stadion des Gegners FC Flora Tallinn nicht mehr und nicht weniger als Alltag. Das hatten die Bundesligaprofis schon vergangene Saison mitgemacht, da waren sie ja sogar bis ins Halbfinale des Wettbewerbs vorgedrungen.

Negativbeispiel Mainz 05

Und doch sollten vor dem Duell gegen den estnischen Tabellenführer die Sinne geschärft sein. Dass das nicht immer eine leichte Sache gegen solch einen Underdog ist, dafür gibt’s genügend Anschauungsmaterial. Zum Beispiel in Mainz. 2011 und 2014 scheiterten die Nullfünfer je in den Qualifikationsrunden. Das sich anschließende Geschrei lärmte laut, zumindest für die ansonsten stillen Mainzer Verhältnisse. Die Nullfünfer stolperten jeweils in der dritten Qualifikationsrunde über Metan Medias aus Rumänien aus und gegen Asteras Tripolis aus Griechenland.

Überhaupt mühten sich die deutschen Vertreter in dieser frühen Saisonphase, die ja eigentlich noch eine Vorbereitungsphase ist, fast schon traditionell. RB Leipzig machte vergangene Saison den Einzug in die Gruppenphase erst durch ein Elfmetertor in der 90. Minute gegen Sarja Lugansk aus der Ukraine dingfest. 2017 schied der SC Freiburg aus, ein Jahr zuvor die Hertha aus Berlin, 2013 der VfB Stuttgart. Warnende Beispiele gibt es für die Frankfurter also genug, und die Beteiligten haben sie wahrgenommen. Zumindest behaupten sie das. „Wir müssen professionell arbeiten, konzentriert sein“, sagt Stürmer Goncalo Paciencia. Sportdirektor Bruno Hübner ergänzt: „Die Videoanalyse zeigt, dass Tallinn Qualitäten mitbringt. Sie haben sich nicht zufällig gegen Nis durchgesetzt.“ Informiert sind sie also die Frankfurter, dann kann ja nichts mehr schiefgehen.

Frederik Rönnow fällt verletzt aus

Oder doch? Zumindest auf der Torhüterposition sind die Hessen alles andere als optimal aufgestellt. Die letztjährige Nummer eins, der deutsche Nationalkeeper Kevin Trapp, weilt mit Paris Saint-Germain zurzeit in China, ob und wann er nach Frankfurt zurückkehrt, ist unklar. Auch sein Platzhalter Frederik Rönnow stieg nicht in den Flieger gen Nordosten. Der Däne ist bereits am Samstag beim Training mit Torwartcoach Moppes Petz unglücklich auf die linke Schulter gefallen und klagt seitdem über Schmerzen. Die Eintracht rechnet mit einer Ausfallzeit von mindestens zwei Wochen, eher drei, vier. Genau abzuschätzen ist das bei dieser für einen Ballfänger besonders heiklen Problemzone nicht.

Für Rönnow ist die Zwangspause äußerst bitter, kostete ihn doch schon in der vergangenen Saison eine Knieblessur die Möglichkeit eines Stammplatzes. Durch die erneute Verletzung sinken seine ohnehin nur minimalen Chancen wieder gen Null, ob Trapp oder ein anderer Mann für den Kasten kommt. Die Eintracht wird die Suche nach einem neuen Torhüter intensivieren, diese Position ist in der Prioritätenliste rasch sehr weit nach oben geflutscht. „Wir werden warten, wie es mit Kevin aussieht“, zeigt sich Trainer Hütter äußerlich gelassen, „wir bleiben ruhig und geduldig“. Im Coach könnte es da schon ganz anders aussehen. Für die Spiele gegen Tallinn kann Hütter nun zwischen Felix Wiedwald, 29 Jahre alt, und Jan Zimmermann, 33, wählen.

In der vergangenen Saison waren sie in der Hierarchie die Torhüter Nummer drei und vier. Während Zimmermann zudem große Teile der Vorbereitung verpasste, weil sich die Geburt seines Kindes länger als erwartet hinzog, wurde Wiedwald zum Zweitligisten MSV Duisburg verliehen. Dort konnte er immerhin Spielpraxis sammeln, ein Punkt der gewiss heute Abend für einen Einsatz des Blondschopfes spricht. Hütter ließ die Besetzung des Kastens dagegen noch offen: „Einer von beiden wird spielen.“

Europa-League im TV: So können Sie die Eintracht in Tallin live verfolgen

Unvergessliche Momente an der Stamford Bridge: Filip Kostic (re.) im Zweikampf mit Cesar Azpilicueta.

Ebenfalls nicht zum 21-köpfigen Reisetross der Eintracht zählten übrigens Marc Stendera, Nicolai Müller und Gelson Fernandes. Während der Schweizer Fernandes Vaterfreuden entgegenfiebert, spielen die beiden Erstgenannten schlicht keine Rolle mehr in den Planungen von Hütter.

Unabhängig von der Aufstellung will die Eintracht unbedingt wieder in der Gruppenphase dabei sein. Der Einzug ins Halbfinale des Wettbewerbs hat süchtig gemacht, solche Erlebnisse vor ausverkauften Zuschauerrängen gegen namhafte Kontrahenten wie Inter Mailand, Benfica Lissabon oder den späteren Cup-Sieger FC Chelsea wirken nach. „Das möchte natürlich jeder wieder erreichen“, sagt Marco Russ, „entsprechend haben wir von Beginn der Vorbereitung an auf einen Leistungsstand hingearbeitet, um in der Qualifikation konkurrenzfähig zu sein.“ Bald-Papa Fernandes warnte seine Mitspieler noch vor dem Abflug aber eindringlich davor, zu viel in der Vergangenheit zu schwelgen. „Wir sind nicht mehr Pokalsieger oder Europapokal-Halbfinalist, deshalb müssen wir jetzt auf ein Neues Geschichte schreiben.“ 1800 Fans werden die Eintracht dabei in Talinn unterstützen.

Adi Hütter und die schwere Vorbereitung

Nun geht es ja erst einmal darum, überhaupt die Voraussetzung für eine neue Erfolgsgeschichte in Europa zu schaffen. Die Vorbereitung dafür war nicht einfach. Trainer Hütter musste die Körper der Profis derart in Schuss bringen, dass sie eine lange Bundesligarunde durchstehen, zeitgleich konnte er mit Blick auf die früh startenden Pflichtspiele aber nicht überziehen. „Jeder in Frankfurt ist hungrig auf die Europa League. Aber es wird nicht auf Anhieb alles klappen, wir müssen auch Fehler verzeihen und uns in das Spiel reinkämpfen.“ Tallinn habe eine Mannschaft beisammen, die kompakt verteidige und selbst bei Standards gefährlich sei. „Wir müssen spielerische Lösungen finden“, fordert Hütter. Und voll konzentriert sein, wie Russ betonte. Es werde sicher viel über die richtige Einstellung geregelt werden müssen, vermutet der Abwehrmann. Russ: „Wir möchten so schnell wie möglich das Gesicht zeigen, das uns über weite Strecken der vergangenen Saison ausgezeichnet hat: Aggressiv auftreten, unangenehm sein, resolut in der Abwehrarbeit und kaltschnäuzig vor dem Tor. Aber ich weiß auch, dass das erste Spiel immer schwierig ist.“

Mal sehen, ob die Eintracht ihren hehren Worten auch Taten folgen lässt. Eine erste kleine Aufregung in luftiger Höhe hat sie jedenfalls schon einmal locker gemeistert.

Drei weitere Jahre

Kaderplaner Ben Manga hat seinen Vertrag bei der Eintracht um drei Jahre bis 2023 verlängert. Der 45-Jährige, der seit 2016 für die Hessen arbeitet und das volle Vertrauen seines Chefs, Sportvorstand Fredi Bobic, genießt, gilt unter anderem als Entdecker von Profis wie Luka Jovic oder Sebastien Haller, die gerade mit viel Gewinn an andere Klubs verkauft wurden. „Ben hat ein sehr gutes Auge, ein unheimlich gutes Netzwerk und arbeitet akribisch. Für die Eintracht ist sein Verbleib ein wichtiger Baustein“, sagte Bobic. Manga, der fast ausschließlich im Hintergrund wirkt, ergänzte: „Das entgegengebrachte Vertrauen weiß ich sehr zu schätzen.“

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