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Am Boden: Patrick Ochs.

Bittere Heimpleite

Eintracht steht vor dem Abstieg

Nur noch ein fußballerisches Wunder kann Eintracht Frankfurt vor dem vierten Abstieg bewahren. Gegen den 1. FC Köln unterliegen die Hessen und stürzen auf den vorletzten Tabellenplatz ab. Die Eintracht steht vor einem Scherbenhaufen.

Von Thomas Kilchenstein und Ingo Durstewitz

Eine knappe dreiviertel Stunde nach dem schweren Genickschlag, der den Abstieg aus der Fußball-Bundesliga nahezu besiegelt hat, mussten die Spieler von Eintracht Frankfurt wieder raus auf den Rasen. Auf den Rasen, auf dem sie zuvor in den 90 Minuten keine einzige Torchance herausgespielt hatten, auf dem sie nie ihre bis unters Tribünendach zu spürende Verunsicherung ablegen konnten, mussten wieder auf den Rasen, auf dem sie wohl ihre Bundesliga-Zugehörigkeit verspielten: Die Fans, wütend, aufgebracht, enttäuscht, forderten ihren Tribut. Sie schrieen die Versager an, brüllten ihre Wut heraus, pöbelten aus tiefer, tiefer Enttäuschung. Ioannis Amanatidis, Halil Altintop und Chris in zivil wagten sich an den Zaun, dann wurden die Fluchttore geöffnet, Christoph Daum, der so entsetzlich hilflose Trainer, war Mittelpunkt einer großen Fan-Traube. Viele Anhänger hatten die Zäune überklettert. Inmitten des ganzen Chaos standen da, heulend wie Schoßhündchen, die Spieler Sebastian Jung und Patrick Ochs, der den Klub am Saisonende zum VfL Wolfsburg verlassen wird und nach der ersten Enttäuschung von den Fans sogar umarmt wurde. „Es waren gute Gespräche“, sollte Daum später seltsam abgehoben in der Pressekonferenz sagen.

Unmittelbar nach Spielende, als die 0:2-Keule feststand, hatten gewaltbereite Anhänger den Platz gestürmt. Die Spieler flüchteten im Sprint in die Katakomben. Die Polizei setzte Tränengas-Spray ein, die Situation drohte zu entgleisen , eine 600.000 Euro teure Fernsehkamera ging zu Bruch, es gab drei Festnahmen und es wird Stadionverbote geben.

Es war Peter Fischer, der Präsident, auch den Tränen nah, der die Lage entspannte. Er trat allein den Enttäuschten und Wütenden entgegen, schnappte sich ein Mikrofon. „Lasst uns gemeinsam: ,Wir sind all Frankfurter Jungs singen.“ Die Reaktion war Schweigen. Und doch schaffte er es, die Fans dazu zu bewegen, in den Block zurückzugehen. Auch die Polizei, in Hundertschaften vor Ort, zog sich zurück, wirkte damit deeskalierend. Peter Fischer, ebenso frustriert wie die Fans, hat mit seinem couragierten Auftreten Schlimmeres verhindert, „er hat die Situation gerettet“, zollte Vize-Präsident Axel Hellmann dem präsidialen Auftritt Lob, „sonst hätte ich für nichts garantieren können.“ Nach Auskunft von Polizeisprecher Jürgen Linker wurde niemand verletzt.

Der vierte Abstieg der Frankfurter Eintracht, der nur noch nicht rechnerisch besiegelt ist, gehört ohne Zweifel in die Kategorie der sinnlosesten und überflüssigsten in der Geschichte der Abstiege. Wie man es schaffen kann, einen in der Winterpause noch sportlich wie finanziell pumperlgesunden Klub, der mit mehr als einem Auge in Richtung der Europa-League-Plätze schielt, binnen dreieinhalb Monaten nahezu in Schutt und Asche zu legen, ist schon beeindruckend. Und jetzt, da der sportliche Gau bis auf eine Resthoffnung im Promille-Bereich Realität ist, stehen die Verantwortlichen da und vergießen bittere Tränen.

Klubchef Heribert Bruchhagen, auch er nur mit Mühe des Sprechens mächtig, sprach von einer „bitteren Stunde“. Es sei alles „sehr deprimierend und wir sind alle tief enttäuscht“. Ob Bruchhagen weiter in Personalunion den Vorstandsvorsitz und die sportlichen Leitung inne haben wird, ist eher unwahrscheinlich. Zwar hat Bruchhagen am Freitag in der Aufsichtsratssitzung angeboten, weiterzumachen – obwohl er keinen Vertrag für die zweite Liga hat. „Ein einfach weiter so, wird es nicht geben“, hieß es aus dem Aufsichtsrat. Die Räte haben sich intern klar darauf verständig, dass ein neuer Sportmanager installiert werden muss in Frankfurt. Ob Bruchhagen diese Kröte schluckt, ist ungewiss. In der Vergangenheit hat er sich klar positioniert. „Ich bin Fußball-Manager.“ Er muss sich bewegen, wenn er seine Ankündigung wahr machen will, die Scharte auszuwetzen. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass Bruchhagen am Sonntag den Bettel hinwirft. Er weiß natürlich am besten, dass er als Chef des Ganzen die Zeichen nicht erkannt hat und die bodenlose Talfahrt wie paralysiert nicht aufhalten konnte. Er ist – politisch - verantwortlich für diesen Abstieg.

Aufsichtsratschef Wilhelm Bender gab schon die Losung aus: „In der zweiten Liga müssen wir ganz schnell am Aufstieg arbeiten. Und es ist normal, dass wir neue Strukturen bereden.“ Eintracht Frankfurt sei handlungsfähig, bis zum 30. Juni liefen die Kontrakte der drei Vorstände Bruchhagen, Thomas Pröckl und Klaus Lötzbeier, „danach sind noch zwei im Job.“

Das Problem ist: Der Eintracht läuft die Zeit davon. Die Bundesliga-Saison endet am 14. Mai (mit dem Spiel beim Deutschen Meister Borussia Dortmund), die zweite Liga startet früher als die erste Liga, nämlich schon am 15. Juli. Das erste Training der Eintracht soll am 4. Juni sein. Das sind ziemlich genau drei Wochen, in dem der Klub sich völlig neu aufstellen muss. Es gibt womöglich einen neuen Vorstandsvorsitzenden, mit Sicherheit einen neuen Trainer und eine neue Mannschaft. Das ist eine Herkulesaufgabe, zumal unklar ist, wer die Weichen für die zweite Liga stellen soll.

Wer bleibt, ist völlig offen. Allerdings haben immerhin Ioannis Amanatidis und Pirmin Schwegler, zwei Schwergewichte, klar gesagt, weiter für die Eintracht zu spielen. Der Schweizer war noch zwei Stunden nach dem Spiel völlig entgeistert, auch ihm schoss im Interview das Wasser in die Augen. Der Nationalspieler, der sich mit Wechselabsichten trug, machte nun die Kehrtwende, dieses Fiasko will er so nicht stehen lassen, er will auf jeden Fall bleiben. „Ich bin verantwortlich“, presste er hervor. „Ich würde diesen Fehler gerne selbst ausbügeln. Ich würde gerne dafür gerade stehen.“ Bemerkenswerte Worte in einer schwarzen Stunde. Auch Amanatidis will mithelfen, den direkten Wiederaufstieg zu schaffen: „Das ist mein Verein, hier gehöre ich her.“ Benjamin Köhler sah es ähnlich: „Man hat auch eine Verpflichtung dem Verein gegenüber.“

Wer wirklich bleiben darf, wird die neue sportliche Führung entscheiden. „Zweite Liga ist eine andere Spielweise. Wir werden nicht automatisch die übernehmen, die auch einen Vertrag für die zweite Liga haben.“ Im Unterhaus wird der Gesamtetat bei rund 40 Millionen Euro liegen, das Personal-Budget indes wird nur 15 bis 17 Millionen betragen.

Definitiv nicht in die zweite Liga geht auch Trainer Christoph Daum. Das hat er vor Wochen bereits angekündigt. Das kam bei vielen nicht gut an. Für Daum war die Episode mit der Eintracht auch ein persönliches Desaster. Daum, man muss das so sagen, ist grandios in Frankfurt gescheitert. Als er kam, lag die Eintracht auf Platz 14 mit vier Punkten Vorsprung auf einen Relegationsplatz, er hat sie in die zweite Liga geführt. Drei Punkte aus sechs Spielen ist eine armselige Bilanz. Daum hat sich als Auslaufmodell erwiesen, seine motivatorischen Sprüche kamen nicht an, er schürte allenfalls ein kurzes Strohfeuer, nachhaltige Spuren hat er nicht hinterlassen. Seine Sprüche („Denkgefängnis, drittes Bein, neurolinguistische Programme“) entpuppten sich als reines Dampfgeplauder, als nichts als heiße Luft. Seine Zeit ist vorbei in der Bundesliga, abgelaufen, er hat sich überholt. Aber selbst jetzt, da alles vorbei war, konnte er es nicht lassen: Er sprach davon, dass es nur einmal Klick machen müsse, dann wäre die Blockade gelöst.

Und beim samstäglichen 0:2 gegen Köln hat er auch fachlich und taktisch versagt. Die Aufstellung war schon suboptimal, das Vierer-Mittelfeld mit den Edelreservisten Heller und Caio sowie Schwegler und Ochs funktionierte nicht, dazu hätte er zur Halbzeit, spätestens nach 60 Minuten zudem erkennen müssen, dass Heller und Caio überfordert waren. Und warum Theofanis Gekas volle 90 Minuten durchspielen durfte, der kaum einen Ball bekam, bleibt allein Daums Geheimnis.

Und Daum schaffte es, im alles entscheidenden Spiel bei einem 0:1-Rückstand und einem abermals grottenschlechten Spiel mit der ersten Auswechslung bis zur 75. Minute zu warten (und dann nahm er in Fenin auch noch den falschen Mann vom Platz, die Fans pfiffen bei seiner Auswechselung). Und brachte es tatsächlich fertig, erst in der 90. Minute erneut zu wechseln – und dann brachte er auch noch Halil Altintop.

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