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Eintracht-Slapstick in Leipzig

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Von: Ingo Durstewitz

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Bedient: Jesus Vallejo (li.), Omar Mascarell (Mitte) und Ersatztorhüter Heinz Lindner (re.) nach dem Eigentor zum 0:3.
Bedient: Jesus Vallejo (li.), Omar Mascarell (Mitte) und Ersatztorhüter Heinz Lindner (re.) nach dem Eigentor zum 0:3. © AFP

Skurrile Einlagen und die kurioseste Rote Karte der Saison: In Leipzig erlebt Eintracht Frankfurt einen rabenschwarzen Abend. Ein Hauptdarsteller ist ausgerechnet der sonst so bärenstarke Torhüter Lukas Hradecky.

Es gibt Tage, an denen hätte man besser darauf verzichtet, das Haus zu verlassen und seinem Job nachzugehen. An Tagen wie diesen hätte der Arbeitgeber sogar Verständnis gehabt, vielleicht sogar eine Sonderprämie ausgelobt. So genau weiß man das nicht.

An Tagen wie diesen wollen nicht mal die einfachsten Sachen klappen, sogar das Schuhebinden fällt schwer, von solch schwierigen Sachen wie Fußballspielen mal ganz zu schweigen. An Tagen wie diesen sollte man einfach zu Hause bleiben und nichts tun – wenn man doch vorher nur wüsste, wann diese Tage sind, an denen nichts klappen, dafür alles, aber wirklich alles schiefgehen soll.

Aus, Ende, Feierabend

Am Samstagabend haben einige Fußballprofis der Frankfurter Eintracht solch einen rabenschwarzen Tag erlebt. Mal bei Jesus Vallejo nachfragen, den tapferen und hochgelobten spanischen Innenverteidiger. Im mit Spannung erwarteten Auswärtsspiel bei RB Leipzig wollte dem 20-Jährigen nichts gelingen, rein gar nichts, und die Bemühungen, das Beste zu erreichen, mit der Folge, alles nur noch schlimmer zu machen, waren fast schon skurril.

Nehmen wir die 67. Spielminute: Da rennt Vallejo an der Außenlinie nach einem hohen Ball erst Mitspieler Bastian Oczipka über den Haufen, rappelt sich auf, rennt zurück, nur um sich an der Torauslinie von Davie Selke ausspielen zu lassen. Der fleißige Abwehrmann will seine Fehler ausbügeln, das eigene Tor verteidigen, er sprintet vor den eigenen Kasten, doch den anschließenden Schuss von Marcel Halstenberg kann er nicht mehr von der Linie kratzen, er schubst ihn irgendwie ins eigene Tor. Dumm gelaufen. 0:3. Aus, Ende, Feierabend. Da, dies nur mal zur korrekten Einschätzung, war die Messe aber schon gelesen.

Ausgerechnet Hradecky

Denn Vallejo hatte zwar sicher einen schlechten Tag erwischt, aber beileibe nicht den größten Bock geschossen. Nein, es war ausgerechnet der ansonsten so bärenstarke Lukas Hradecky, der die Eintracht im ersten Spiel nach der Winterpause mit der kuriosesten Roten Karte in dieser Saison auf die Verliererstraße brachte.

Nach genau 131 Sekunden berechnete der Schlussmann einen langen Ball erst falsch und rutschte zu allem Überfluss dann auch noch aus, ein paar Meter vor dem eigenen Strafraum. Hradecky lag flach auf dem Boden, sah den an ihm vorbeilaufenden Ball – und packte herzhaft zu. Das ist nicht erlaubt und wird trotz aller ersponnenen Regeländerung der Fifa auch in Zukunft nicht erlaubt sein. Rote Karte. Die zweitschnellste in der Geschichte der Bundesliga und die erste Hinausstellung für einen Eintracht-Keeper seit Andreas Köpke anno 1995. Eine Slapstick-Nummer erster Güte.

Ersatzmann Heinz Linder kam also zu seinem Debüt in der Bundesliga, für ihn musste Stürmer Branimir Hrgota vom Feld. Lindner parierte den nachfolgenden Freistoß von Halstenberg unter Aufbietung aller Kräfte, doch der Ball fiel blöderweise Marvin Compper vor die Füße, der zum 1:0 für RB Leipzig einschob. Im Grunde war diese letzte Hinrundenpartie im neuen Jahr also schon nach sechs Minuten entschieden. Mit einem Mann weniger und so früh in Rückstand – das konnte nichts mehr werden.

Der nächste Keulenschlag

„Es tut mir leid“, sagte Hradecky mit einem süßsaurem Lächeln. „Das sah natürlich doof aus.“ Der Keeper wusste, dass er seinem Team einen Bärendienst erwiesen hatte. „Ich hätte den Ball laufen lassen sollen“, sagte er. Dann hätte der  heranstürmende Bernardo zwar mit Sicherheit das 1:0 erzielt, aber die Eintracht zumindest nicht das gesamte Spiel in Unterzahl bestreiten müssen und eine reelle Chance gehabt, denn die Sachsen spielten an diesem Abend nun auch nicht gerade die Sterne vom Himmel.

Doch es war ein Reflex. „Als Torwart kann ich den Ball nicht einfach reinlassen“, begründete Hradecky. Das ist im Blut. Auch von den Verantwortlichen gab es keine Schuldzuweisungen. „Da gibt es keinen Vorwurf“, sagte Sportvorstand Fredi Bobic. „Ich habe ihm gesagt, das passiert dir nur einmal in deiner Karriere. Klar hätte er ihn laufen lassen können, aber es war ein Reflex, er musste im Bruchteil einer Sekunde entscheiden.“

Ersatzmann Lindner machte ein gutes Spiel, bewahrte die Eintracht gerade in den Minuten nach dem ersten Nackenschlag vor dem frühen K.o, als er zweimal herausragend rettete. Doch auch er konnte das 0:2 von Timo Werner Sekunden vor dem Pausenpfiff nicht verhindern. Der nächste Keulenschlag.

Das 0:3 war nicht mehr  relevant – zu diesem Zeitpunkt war schon klar, dass die Frankfurter nichts mehr würden mitnehmen können aus Leipzig. Die größte Chance vergab der agile, aber auch wieder unsauber spielenden Ante Rebic (25.). Rebic war dennoch der auffälligste und beste Eintracht-Spieler. Gegen Schalke am Freitag fehlt er wegen seiner fünften Gelben Karte dennoch. Genauso wie Lukas Hradecky.

Dort wird Heinz Linder seinen Mann stehen müssen. „Ich habe mir mein Debüt anders vorgestellt“, sagte der Österreicher, „aber grundsätzlich bin ich mit meiner Leistung zufrieden.“

Die Toppartie in Leipzig, die aufgrund dieser Umstände eine Begegnung mit ungleichen Waffen war, sollten die Hessen schnell abhaken, denn es war kein Spiel, das man ernsthaft bewerten kann, es steht außerhalb der Maßstäbe. „Schade“, fand Fredi Bobic. „Ich hätte mich gefreut, wenn wir elf gegen elf gespielt hätten: Das wäre richtig spannend geworden.“ So aber wurde es ein Slapstick-Abend ohne lachende Frankfurter.

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