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Eintracht: Schwach, um stark zu sein

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Von: Ingo Durstewitz

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Schwebt über den Singen, weil er es kann: Filip Kostic in Barcelona.
Schwebt über den Singen, weil er es kann: Filip Kostic in Barcelona. © IMAGO/NurPhoto

Eintracht Frankfurt schenkt die Liga ab, um international groß aufzutrumpfen und den Titel zu holen.

Es ist noch nicht so furchtbar lange her, da versuchte der alte Fahrensmann Heribert Bruchhagen die damals traditionell zum Schluss hin austrudelnde Saison zu retten, indem er an die ominöse Fernsehgeldtabelle erinnerte. Zumeist stand die Eintracht irgendwann zwischen Baum und Borke, so mittendrin halt, abgesichert nach unten, chancenlos nach oben. Doch es ging ja immerhin noch um ein paar Milliönchen über das TV-Ranking, und die Mannschaft, fand Bruchhagen, sei in der Pflicht, noch mal alles zu geben, um das Budget und also den finanziellen Spielraum wachsen zu lassen.

So weit die Theorie. In der Praxis aber interessierte das die Herren Profispieler bei weitem nicht so sehr wie ihren Vorgesetzten, der natürlich völlig Recht hatte, aber nicht so wirklich durchdringen konnte zu jenen Angestellten, die ja ihr schon damals üppiges Salär pünktlich bezogen. Die Folge waren meist noch ein paar Niederlagen und Remis’ zum Kehraus und eine Platzierung im unteren Mittelfeld. Heribert Bruchhagen hat das schon ein wenig geärgert. Ändern konnte er es nicht.

In diesem Jahr ist das nicht anders, für die Eintracht geht es in der Bundesliga auch jetzt nur noch um die Goldene Ananas, zurzeit liegt sie auf Rang zwölf – elf Punkte vor dem Relegationsrang, elf Punkte hinter dem letzten Europapokalplatz. Graues Mittelmaß. Dabei geht es, damals wie heute, um bares Geld, das dem Verein in der kommenden Saison fehlen könnte, wenn das Team auch das letzte Spiel in Mainz (15.30 Uhr/Sky) verlieren und die Konkurrenz punkten würde. Der „Kicker“ hat errechnet, dass noch 5,5 Millionen Euro auf dem Spiel stehen. Das sind keine Peanuts.

Bestenfalls könnten die Frankfurter die Spielzeit im TV-Tableau auf Rang fünf beschließen, was aber nicht mehr sonderlich realistisch erscheint. Im schlechtesten Fall wird es Rang acht – das macht, siehe oben, eben 5,5 Millionen Euro aus. Die Konkurrenten sind Borussia Mönchengladbach, das laut Fachmagazin in der echten Tabelle aber zwei Plätze hinter der Eintracht einlaufen müsste. Auch die TSG Hoffenheim scheint beim Fernsehgeld vorbeizuziehen, sie dürfte nur zwei Ränge vor den Hessen liegen. Vor dem SC Freiburg würde die Eintracht landen, wenn die Breisgauer maximal sieben Plätze vor den Hessen liegen, beim VfL Wolfsburg würde es reichen, wenn die Frankfurter einfach vor den Niedersachsen ins Ziel kommen. Klingt ganz schön komplex, ist es aber gar nicht.

Und: Im Grunde interessiert es in Frankfurt bis auf einige Funktionäre um Finanzwart Oliver Frankenbach nicht mehr allzu viele Leute. Denn die Bundesliga ist für die Eintracht seit einigen Wochen abgehakt, lästiges Beiwerk, Pflichterfüllung eben. Fünf Millionen hin oder her. Die Prioritäten haben sich verschoben – hin zur Europa League. Was Wunder?

Erstmals seit 42 Jahren steht die Eintracht wieder in einem internationalen Finale, sieht man mal vom prestigeträchtigen Antalya-Cup ab, als das von Michael Skibbe angeleitete Team den 1. FC Köln im Januar 2011 im rein deutschen Duell im Elfmeterschießen besiegte. Bar jeder Ironie: Das Endspiel am Mittwoch in Spanien gegen die Glasgow Rangers stellt natürlich alles in den Schatten, lässt die Bundesliga verblassen. Diese Partie ist ein Meilenstein für die Eintracht, ein Turbobooster.

Der Verein, die Stadt, die gesamte Region sind wie elektrisiert und fiebern dem Finale entgegen. Die Begeisterung ist unbeschreiblich, mehr als 100 000 Ticketwünsche haben die Eintracht erreicht, nicht mal ein Zehntel der Menschen davon wird sie beglücken können. „Wir haben mit einer großen Anfragewelle gerechnet, doch dieses Interesse innerhalb von 48 Stunden ist schlicht gigantisch und hat unsere Vorstellungen übertroffen“, sagte Vorstandssprecher Axel Hellmann. Selbst das Public Viewing im Waldstadion ist ausverkauft. Verrückte Zeiten, schöne Zeiten.

Generalprobe in Mainz

Die Eintracht hat in Europa für Furore gesorgt, ein Statement abgegeben. Mit diesem Klub ist in Zukunft zu rechnen. Vor allem dann, wenn er den Pott nach Frankfurt holen und damit auch einen Startplatz in der Champions League sicher haben würde. Ein Quantensprung – emotional, imagemäßig, aber auch wirtschaftlich. Es wird wohl eher nicht mehr passieren, dass Verantwortliche wie die des FC Barcelona mit den Schultern zucken, wenn ihnen Eintracht Frankfurt zugelost wird. Jeder weiß nun, was auf ihn zukommt, wenn die Eintracht international aufläuft.

Und doch darf diese märchenhafte Reise über den Kontinent nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Eintracht ihr Saisonziel in der Liga klar verfehlt hat. Die internationalen Plätze sind weit entfernt, sollte das Finale verloren gehen, würde sie in die Röhre schauen in der neuen Saison. Gerade die Rückrunde war eine zum Vergessen, 14 Punkte sind die Ausbeute eines späteren Absteigers. Und auch die Heimbilanz ist desaströs. Da rangieren die Frankfurter auf Rang 15 mit nur vier Siegen und 19 Punkten. Da wird sich etwas ändern müssen in der neuen Spielzeit – gerade wenn der Verein um Europa mitspielen will.

Zufall ist das dürftige Abschneiden in der heimischen Arena aber nicht, gegen die Kellerkinder hat die Eintracht nämlich nur drei Punkte geholt. Das ist eine lachhafte Ausbeute. Aber auch das ist erklärbar, denn die Mannschaft von Oliver Glasner schafft es nur allzu selten, einen massiert in der eigenen Hälfte verteidigenden Kontrahenten aus den Angeln zu heben. „Gegen tiefstehende Gegner tun wir uns schwer“, sagt Sportvorstand Markus Krösche. „Das ist nichts Neues.“ Da fehlen die Lösungen, die Ideen, die Kreativität. Das Team ist fußballerisch nicht gut genug. Die beste Phase hatten die Frankfurter, als Altmeister Makoto Hasebe von hinten die Fäden zog. Doch der Japaner darf inzwischen nur noch in den unbedeutenden Spielen ran.

Glasner hat es in diesem Jahr nicht geschafft, seine Spieler zu verbessern und ihnen das Rüstzeug an die Hand zu geben, um die Aufgaben bewältigen zu können. Viele Spiele liefen nach dem immer gleichen Schema ab, eben schablonenhaft und statisch. Dabei wollte die Eintracht genau das Gegenteil davon sein, nämlich unberechenbar und spitzfindig. Auch hat der Coach seinen Worten keine Taten folgen lassen können, wonach die vielen Trainingseinheiten zu besseren Leistungen führen würden und sich seine Mannschaften in der Regel in der Rückrunden verbesserten. Beides ist nicht eingetreten – klammert man die fulminanten europäischen Auftritte aus. Offenbar muss diese Truppe an ihrem Limit spielen oder sogar über die Grenze gehen, um Großes zu erreichen. Das geht punktuell, aber nicht über 34 Spiele hinweg. Am Samstag nun steht das letzte an, beim Nachbarn in Mainz. Es soll die Generalprobe werden – für das Jahrhundertspiel in Sevilla.

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