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Eintracht rumpelt ins Halbfinale

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Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

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Alex Meier im Zweikampf mit Bielefelds Julian Boerner.
Alex Meier im Zweikampf mit Bielefelds Julian Boerner. © RALPH ORLOWSKI (X00960)

Die Rückkehr von Marco Russ und das Weiterkommen gegen Bielefeld übertünchen eine erschreckend schwache Leistung.

Für den mit Abstand bewegendsten und schönsten Augenblick des ansonsten tristen Abends hatten sich die Frankfurter bis zur 93. Minute Zeit gelassen. 20 Minuten nach acht war es am Dienstag, als sich alle Besucher von den Sitzen erhoben und Ovationen im Stehen darbrachten. Es war ein Gänsehaut-Moment. Mit der sportlichen Leistung hatte das große Gefühlskino allerdings herzlich wenig zu tun, es war die Rückkehr von Marco Russ, die die Zuschauer rührte.

Knapp zehn Monate nach seiner Krebsdiagnose feierte der Frankfurter Junge gestern Abend im Viertelfinale des DFB-Pokals gegen Arminia Bielefeld sein Comeback. Einen Ball berührte er während seines 60-Sekunden-Einsatzes zwar nicht mehr, aber dafür wird seine Rückkehr mit dem Einzug ins Halbfinale in Verbindung gebracht werden. Denn der hessische Bundesligist schaffte es, erstmals nach zehn Jahren wieder das Semifinale zu erreichen, das am 25. und 26. April ausgetragen wird. 1:0 (1:0) hieß es am Ende durch ein frühes Tor von Danny Blum (6.) gegen den abstiegsbedrohten Zweitligisten aus Ostwestfalen, und das mit einer Leistung, die mit grottenschlecht nicht mal besonders drastisch beschrieben ist. Die Hessen konnten sich bei Torwart Lukas Hradecky bedanken, der sie mit einigen Paraden alleine im Spiel hielt und vor einer drohenden Verlängerung bewahrte. „Das war eine überragende Torwart-Leistung“, sagte Trainer Niko Kovac, der über den erstaunlich schlappen und insgesamt sehr bedenklichen Auftritt den Mantel des Schweigen legte. „Es zählt nur das Weiterkommen. Die Art und Weise ist mir egal, das lasse ich links liegen.“ So kann man es natürlich auch halten.

Deutlicher wurden da die Spieler, Kapitän Alexander Meier etwa sah sein Team „fußballerisch sehr schwach“. Mehr noch: „Bielefeld war besser als wir.“ Torwart Hradecky senkte ebenfalls den Daumen: „Das war zweitklassig.“ Und damit meinte er nicht die braven Bielefelder, die zum Beispiel mehr Torschüsse als die Frankfurter abgegeben hatten. „Das war eine schwache Vorstellung“, fand der Torwart. Für die kommenden Aufgaben sieht er fast schon schwarz: „So können wir nicht weiterspielen, sonst kassieren wir weitere Niederlagen.“

In diese Kerbe schlug auch Sportdirektor Bruno Hübner, der sich aber etwas differenzierter äußerte und auf die Schnelle mit einer klugen Analyse aufwartete. „Wir haben es uns selbst extrem schwer gemacht“, sagte er. „Mit dem Führungstor haben wir die Leichtigkeit verloren. Wir haben Angst gehabt, etwas zu verlieren. Man hat der Mannschaft die extreme Last angemerkt.“ Anders lasse sich solch eine dürftige Vorstellung nicht erklären. Im Grunde habe dieser Abend lediglich „drei positive Dinge“ gebracht: Der Einzug unter die letzten Vier (und 2,55 Millionen Euro TV-Geld), Fans, die nicht müde wurden, die Heimmannschaft anzufeuern, und das Comeback von Marco Russ, zählte Hübner auf.

Die Gastgeber ließen im Grunde spielerisch alles vermissen, „fußballerisch war das sehr schlecht“, meinte Meier. Bei der Eintracht war nichts zu erkennen von einer Spielidee, von einem Plan, wie man eine massiert stehende Zweitligamannschaft in Verlegenheit bringen könnte. Nach dem 1:0 haben „wir den Faden verloren“, sagte Kovac matt.

Dabei begannen die Frankfurter recht forsch, gleich ihr erster rasch vorgetragener Angriff war von Erfolg gekrönt. Ante Rebic hatte Linksverteidiger Taleb Tawatha freigespielt, dessen flache Hereingabe verlängerte Arminia-Profi Stephan Salger freundlicherweise vor die Füße von Danny Blum, der die Nerven und die Übersicht bewahrte und die Kugel mit links ins Netz zimmerte (6.). Blum war einer von fünf Neuen in der Startformation der Hessen, die kurzfristig auf Bastian Oczipka (Sprunggelenksverletzung) und Makoto Hasebe (Fieber) verzichten mussten. Und Blum, der erst zum zweiten Mal von Anfang an spielte, war der mit Abstand agilste Feldspieler der Eintracht, entsprechend wurde er zum Man of the Match gewählt. „Man darf keine Angst vor Fehlern haben“, sagte er hinterher. Der Trainer habe ihm mit auf dem Weg gegeben, Eins-gegen-Eins-Situationen zu suchen. Das hat Blum beherzigt.

Die frühe Führung sollte der in der Liga ein wenig in die Bredouille geratenen Eintracht doch Sicherheit und Zutrauen geben, doch das Gegenteil war der Fall. Peu à peu gaben die Hessen das Spiel aus der Hand. Es fehlte die rechte Spannung, die Präzision und Konzentration. Gut zu erkennen war das bei Ante Rebic, zuletzt stetig der beste Frankfurter, der ordentlich begann, aber dann immer schlampiger agierte, sein Spiel zerfasern ließ. Das Mittelfeld war ohnehin der Schwachpunkt: Omar Mascarell spielt sowieso fast ausschließlich quer oder zurück, Mijat Gacinovic reihte die nächste schlappe Darbietung an seine vielen matten Vorstellungen, er verlor so gut wie jeden Ball, und auch Aymen Barkok brachte selten etwas Produktives zustande. Seine Unbekümmertheit ist irgendwo auf der Strecke geblieben.

Und so rumpelte sich die Eintracht weiter in Richtung Pausenpfiff, nicht ohne gänzlich die Kontrolle über die Partie zu verlieren. Nichts wollte mehr gelingen, die einfachsten Bälle versprangen, kaum eine unfallfreie Kombination über mehrere Stationen klappte noch. Spielerisch war es erschreckend harmlos und einfallslos, was die Frankfurter anboten. Womöglich sitzt die kollektive Verunsicherung doch tiefer als angenommen.

Im zweiten Abschnitt wurde es noch schlimmer. Die Bielefelder, mit der zweifelhaften Referenz der schlechtesten Auswärtsmannschaft der zweiten Liga in den Stadtwald gekommen (drei Pünktchen in elf Spielen), witterten ihre Chance, und sie kamen zu einer prima Doppelchance. Andreas Voglsammer prüfte Hradecky, der zur Ecke klärte (50.). Längst hatte die Arminia ihre Zurückhaltung aufgegeben, längst war es ein offenes Spiel zwischen dem Sechsten der ersten Liga und dem Sechzehnten der zweiten. Klos (80.) und Nöthe (85.) scheiterten freistehend vor Hradecky, der die Eintracht rettete und im Alleingang ins Semifinale führte.

Es war eine bedenkliche Leistung der Frankfurter Mannschaft, fast schon blamabel, der schlechteste Auftritt von einigen schlechten zuletzt, es war kein Mutmacher für die schweren Aufgaben in der Bundesliga. Eher das genaue Gegenteil. Nur der Einzug ins Halbfinale und die Rückkehr von Marco Russ konnten das triste Bild aufhellen. „Es war ein sehr emotionaler Moment“, sagte Russ, der Töchterchen Vida nach dem Abpfiff auf dem Arm vor die Fankurve trug.

Die Tränen der Rührung von Ehefrau Janina waren da noch nicht getrocknet.

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