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Neuzugänge bei Eintracht Frankfurt: Roadrunner trifft Eisenbieger

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Von: Ingo Durstewitz

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Will eigentlich nur Fußball spielen: Mario Götze.
Will eigentlich nur Fußball spielen: Mario Götze. © Imago

Die neuen Spieler der Frankfurter Eintracht im FR-Check: Starspieler Mario Götze absorbiert das Licht, Stürmer Lucas Alario trifft wie Alex Meier und hinten wird es ganz schön rustikal.

Frankfurt – Es gibt schon einiges, auf was sich die Frankfurter Mannschaft im brütend heißen Sommer 2022 zurückziehen kann. Die, die schon länger im Kreise der Eintracht dabei sind, wissen, wie der Hase zu laufen hat, sie kennen die Abläufe und Anforderungen. Die, die erst kürzlich dazustießen, müssen noch etwas nacharbeiten.

„Die Neuen müssen lernen, wie wir agieren wollen“, sagt Trainer Oliver Glasner: „Wie verhalten wir uns bei Ballbesitz des Gegners, wie laufen wir an, welche Lösungen haben wir bei eigenem Ballbesitz?“ Das werde von Tag zu Tag klarer, aber es gebe noch immer Luft nach oben. Generell aber hält der Coach fest: „Es ist unglaublich, wie schnell die Jungs hier integriert werden. Das ist etwas Besonderes.“ Wie aber schlagen sich die Zugänge im Einzelnen, wer ist nah dran an der ersten Elf und wer muss sich noch strecken? Die FR hat genau hingesehen.

Eintracht Frankfurt: Neuzugänge im Check

Mario Götze: Virtuose am Ball, der den Unterschied machen kann. Ab und an zeigt der 30-Jährige, weshalb er mal als Ausnahmetalent galt, als Wunderkind und Weltfußballer. „Mario spielt Pässe, die sieht fast niemand sonst“, sagt Torwart Kevin Trapp beinahe ehrfürchtig über seinen aus Eindhoven gekommenen Mitspieler. In den beiden Testspielen gegen Linz (0:0) und Turin (3:1) streute der Kreativkopf in seinen 75 Spielminuten vier Pässe ein, die höchsten Ansprüchen genügen, ansatzlos, direkt, perfekt getimt in die Tiefe. Allesamt wurden brandgefährlich für den Gegner, einer führte gegen Turin zum Tor durch den stark auftrumpfenden Jesper Lindström. Zuspiele dieser Art sind selten geworden im Profifußball, in dem jeder Raum verdichtet und von maschinenartigen Athleten zugelaufen wird. Es sind Momente, die von Genialität zeugen, Pässe, die sich nicht erlernen lassen, die hat man drin im Repertoire oder nicht. Götze hat sie drin. Alles in allem aber ist der Ex-Nationalspieler dann auch oft nicht zu sehen, in den Trainingsspielen fällt er selten auf, eher unauffällig bewegt sich der Leisetreter über den Platz. Weitestgehend fit wirkt er aber, seine zwickende Muskulatur hat er in den Griff bekommen, im Trainingslager stand er bei jeder Einheit auf dem Platz. Den Superstar lässt der geläuterte Mann nicht raushängen, im Gegenteil, er fügt sich ein, ordnet sich ein, ist ein ganz normaler Teil der Mannschaft. Das will er genau so, er will doch nur spielen. Nahbar für die Fans, für Autogramme und Selfies nimmt er sich Zeit. Könnte was werden mit Super-Mario, vielleicht nicht gleich zu Saisonbeginn, aber ein Anfang ist gemacht. Wird viel Licht absorbieren und Blicke auf sich ziehen. Damit muss man umgehen können, nicht nur er, auch die Mitspieler. Normalität und Augenmaß wären wünschenswert, auch in der medialen Ausleuchtung. Es gibt noch andere Spieler, außer Götze. Die haben sogar den Europapokal gewonnen.

Lucas Alario hat in den ersten Wochen bei Eintracht Frankfurt seine Stärke gezeigt: Toreschießen

Lucas Alario: Lange hat Sportboss Markus Krösche um den Argentinier gekämpft, vor einem Jahr wollte er ihn schon aus Leverkusen holen, im Winter dann auch noch mal. Im dritten Anlauf hat es nun geklappt, für fünf Millionen Euro (exklusive Boni). Der 29-Jährige hat in seinen ersten Wochen gezeigt, was seine größte Stärke ist: Toreschießen. Ohne Wenn und Aber. Das kann er, mit recht, links, mit dem Kopf. Auch technisch nicht schlecht. Ansonsten taucht er gerne mal ab, erinnert so ein bisschen an Alex Meier, nicht von seiner Statur, aber der Fußballgott war ja auch so ein Phantom: Lange nicht zu sehen, dann schlug er eiskalt zu. Gute Chancen auf einen Platz in der Anfangsformation, aber sicher auch als Joker eine Option.

Schießt Tore mit allen Körperteilen: Lucas Alario.
Schießt Tore mit allen Körperteilen: Lucas Alario. © Imago

Randal Kolo Muani: Schnell wie der Roadrunner, mit ungeheuerlichem Antritt und Topspeed. Sehr viele Spieler werden dieses Tempo nicht halten können, gegen Turin flog der 23-Jährige an seinen Bewachern förmlich vorbei. Mit dem Ball am Fuß sieht das Ganze noch etwas unkonventionell aus, nie weiß man so recht, was herauskommt und was er vorhat – vielleicht weiß er das zuweilen selbst nicht. Oft genug klappt es aber. Vor dem Tor könnte der Neue aus Nantes ein wenig mehr Kaltschnäuzigkeit vertragen. Gute Chancen, als zweite Spitze aufzulaufen, kann um den Mittelstürmer herumspielen, aber auch über Außen kommen. Verheißungsvoller Einstand.

Läuft den meisten Gegnern einfach davon: Randal Kolo Muani.
Läuft den meisten Gegnern einfach davon: Randal Kolo Muani. © Imago

Eintracht Frankfurt: Talent Alidou, Smolcic als kompromisloser Innenverteidiger

Faride Alidou: Auch er hat Power in den Oberschenkeln, flink unterwegs. Hat sich sehr manierlich eingeführt, sein Talent aufblitzen lassen. Frech ist er, verspielt auch. Taktisch muss der seit Montag 21-Jährige noch zulegen, da hat er Nachholbedarf, auch wenn er Glasner positiv überrascht hat. „Defensiv macht er es sehr ordentlich.“ Das hatte der Trainer so nicht erwartet. Wird den Spagat schaffen müssen: taktisch diszipliniert sein, aber seine Unbekümmertheit beibehalten. Das ist die große Kunst. Wird behutsam aufgebaut, sicher keiner, der sich gleich in der Nähe der Anfangself bewegt. Doch nach der schweren Zeit im letzten halben Jahr in Hamburg taut der Flügelspieler auf, die Luftveränderung tut ihm gut. Bursche mit Perspektive.

Hrvoje Smolcic: Erinnert aus der Ferne so ein bisschen an Martin Hinteregger, ähnliche Körperhaltung, stämmiger Kerl. Guter linker Fuß. Macht keine Kompromisse, fegt als Innenverteidiger ordentlich dazwischen, der Eisenbieger aus dem kroatischen Rijeka. Senste jetzt im Testspiel gegen Turin gleich zweimal seinen Gegenspieler um, wäre in der Bundesliga schon nahe dran gewesen am Platzverweis. Erst 21, aber schon ganz schön erwachsen, bei Ex-Klub HNK Rijeka in jungen Jahren Kapitän. Zuweilen Probleme mit dem höheren Tempo. Noch keine Option für die Startelf, doch perspektivisch kann er den Sprung schaffen und sich in der Bundesliga behaupten. „Wenn er so weit ist, werfen wir ihn ins kalte Wasser“, sagt Coach Glasner Schwimmen muss er dann selbst, der gute Hrvoje, heißt: der Kroate.

Neuzugänge bei Eintracht Frankfurt: Onguene hat noch Nachholbedarf

Jerome Onguene: Mächtiger Typ, imposante Erscheinung. Keiner, der zurückzieht, furchtlos. Gute Grundschnelligkeit. Aber auch mit einigen Wacklern und Abstimmungsproblemen. Nicht immer sattelfest. Auch seine Abspiele sind von einer gewissen Streuung geprägt, gerade bei den längeren Diagonalbällen. Sollte sich vielleicht erst einmal auf die Basics beschränken. Wie gegen Turin, seine bisher beste Leistung. Hat generell Nachholbedarf. Was Wunder, die 24 Jahre alte Abwehrkante hat in diesem Jahr nicht viel gespielt, exakt sieben Minuten für seinen Ex-Verein Salzburg, das war Mitte März gegen den Wolfsberger AC. Muss Spielpraxis sammeln, das wird erst einmal schwierig. Noch keine Option für die Startformation.

Marcel Wenig: Cleveres Kerlchen. Schaut über den Tellerrand hinaus, hat sein Abi in der Tasche – ist nach der Jugendzeit beim FC Bayern jetzt bereit, voll anzugreifen in seinem ersten Jahr Männerfußball. Hat sich da als 18-Jähriger gleich mal eine schöne Herkulesaufgabe aufgeladen: Es gibt leichtere Jobs, als beim Europa-League-Sieger durchstarten zu wollen. Wird sich gedulden müssen und die Liga eher nicht im Sturm erobern. Das ist schon jetzt zu erkennen. Spielt zwar im Mittelfeld gut mit, hat Übersicht und ein gutes Auge, aber Glasner sieht noch Potenzial in der Ballmitnahme und auch in der Anpassung an die Intensität und das Tempo. Ist im defensiven Mittelfeld mit hohem Gegnerdruck und wenig Zeit zum Handeln noch mal eine Spur schwieriger als auf anderen Positionen. Die U21 in der Hessenliga könnte ihm bei der Akklimatisierung helfen – auch wenn er sich diesen Umweg lieber sparen würde.

Eintracht Frankfurt-Neuzugang Aurelio Buta kann sich noch nicht beweisen

Aurelio Buta: Verteidiger von trauriger Gestalt. Während die Kollegen auf dem Platz im Trainingslager dem Ball nachjagten, saß der 25-Jährige in der Eistonne oder schwitzte im Kraftraum. Alleine. Kommt über die Rolle des Zuschauers nicht hinaus, leidet noch an den Folgen einer nicht ganz so prächtig verlaufenen Knieoperation. War zwecks Integration im Trainingscamp dabei, keine schlechte Idee, Gute-Laune-Bär Timothy Chandler frisierte dem Rechtsverteidiger zum Spaß erst einmal die Haare. Dennoch: Ein richtiges Zugehörigkeitsgefühl entwickelt sich so erst mal nicht. Wird einen langen Atem brauchen, der Zugang aus Antwerpen. Vielleicht muss er sogar bis zum Herbst warten– und dann ist ja schon bald WM.

Muss wohl noch etwas auf seine Chance warten: Aurelio Buta.
Muss wohl noch etwas auf seine Chance warten: Aurelio Buta. © Imago

(Ingo Durstewitz)

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