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Mario Götze: Der Fixstern im Kosmos von Eintracht Frankfurt

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Von: Ingo Durstewitz

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Hat die Lust am Fußball wieder entdeckt: Mario Götze.
Hat die Lust am Fußball wieder entdeckt: Mario Götze. © IMAGO/Ulrich Hufnagel

Starspieler von Eintracht Frankfurt, Mario Götze, ist der Schlüssel für fast alles, spielt bei Hansi Flick aber kaum eine Rolle.

Frankfurt - Im Netz kursiert ein drolliges Kurzvideo, das Mario Götze mit dem kleinen Sohnemann Rome zeigt, der es sich auf dem Schoß des Herrn Papa gemütlich gemacht hat. Die beiden schauen im fernen Dubai wie elektrisiert auf einen Bildschirm, Fußball offenbar, und als es dann vollbracht ist, Messi und seine wilde argentinische Bande den WM-Pokal dingfest gemacht haben, da ballt Super-Mario die Fäuste und freut sich augenscheinlich, und auch der zwei Jahre alte Filius strahlt übers ganze Gesicht und zeigt eine gut ausgebildete Reihe weißer Beißerchen.

Ja, Mario Götze kennt sich aus mit diesen Toren für die Ewigkeit, die einen selbst und ein ganzes Land in den Orbit schießen, er weiß, wie es sich anfühlt, der Held einer Nation zu sein. Er weiß, dass solch ein Tor ein Segen sein kann. Und ein Fluch. Bei ihm sehr wahrscheinlich sehr viel mehr Fluch als Segen.

Eintracht Frankfurt: Mario Götze hat bei der SGE zu sich gefunden

Die Geschichte des gefallenen Stars ist auserzählt, doch sie gehört zu Mario Götze nun mal wie die deutsche Einheit zu Helmut Kohl. Klar ist sie längst umgeschrieben, neue Kapitel sind angefügt, ein nicht ganz unwichtiges seit Beginn dieser Saison, die Rückkehr des Kreativspielers nach Deutschland in die Bundesliga zu Eintracht Frankfurt. Denn seitdem hat sich der gefallene Star doch wieder ganz schön aufgerichtet.

Mario Götze, der Held von Rio, hat in Frankfurt zu sich gefunden, er scheint im Gleichgewicht, ruht in seiner Mitte. Der gebürtige Allgäuer, auch schon 30, ist deutlich gereift, abgeklärt und locker. Er tritt völlig ohne Allüren auf, schleppt die Tore, ist integrativ am Start, einer wie du und ich. Zudem ist er extrem wissbegierig, versucht, den Eintracht-Kosmos zu verstehen, der intelligente Professoren-Sohn durchdringt viele Materien, die für andere auf ewig Böhmische Dörfer bleiben.

Eintracht Frankfurt: Mario Götze gibt dem Spiel „den Ursprung zurück“

Aber, vor allem: Er geht einfach nur seiner Passion nach, Fußball, das, was er am besten kann, das, was er besser kann als die meisten anderen. Mario Götze ist eine Gabe in die Wiege gelegt worden, die ihn vorschnell zum Wunderkind hat aufsteigen lassen, die ihn in eine eigene Umlaufbahn katapultiert hat, aus der er irgendwann wieder ausgespuckt wurde, samt harter Landung. Alles zu viel. Zu viel Hype, zu viel Erwartung, zu viel Kritik. Irgendwann war Fußball nur noch lästig, der Spaß auf der Strecke geblieben. Daran kann man auch zerbrechen, zumal wenn man eher feinfühlig ist.

Mario Götze hat die Lust am Fußball wieder entdeckt, er lässt das Spiel leicht aussehen, er hat die Deutungshoheit, „er gibt dem Spiel“, wie die FR schrieb, „seinen Ursprung zurück.“ Das sieht Markus Krösche ganz ähnlich. „Mario ist ein außergewöhnlicher Spieler“, sagt der Eintracht-Sportvorstand. Der Manager war es, der die Idee hatte, den früheren Dortmunder aus der Versenkung in Eindhoven zu holen. Das Risiko war gering, Götze kostete nur drei Millionen Euro, sein Vertrag orientiert sich stark an dem, was er leistet. Das ist eine Menge. Hätte aber auch anders laufen können.

Mario Götze ist der Fixpunkt der SGE-Offensive geworden

Der Memminger ist der Fixpunkt in der Eintracht-Offensive, wird gesucht und gefunden. „Er ist magisch“, findet Stürmer Randal Kolo Muani. Jesper Lindström sieht in Götze „den Schlüsselspieler, er weiß alles, findet immer den richtigen Moment, ihn kannst du immer anspielen“. Was Götze abgeht: große Torgefahr.

Der Offensivkünstler leitet viele Tore mit geschickten, kurzen, zuweilen genialen Zuspielen ein, sechs vorletzte Pässe stehen in der Statistik, auch den letzten Treffer in diesem Kalenderjahr bereitete er mit einem Geniestreich vor: perfekter Pass in den Lauf von Kolo Muani, 1:1-Ausgleichstreffer beim schwierigen Spiel in Mainz.

FR-Zwischenzeugnis, letzter Teil

Europa-League-Triumphator , Champions-League-Achtelfinalist, Tabellenvierter in der Bundesliga mit so vielen Punkten nach 15 Spieltagen wie seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr – Eintracht Frankfurt blickt auf ein außergewöhnliches, ja historisches Jahr zurück, das beste und schönste seit einer ganzen Ewigkeit. Grund genug, die Mannschaft zu würdigen, die ein Zwischenzeugnis mit der Note eins erspielt hat.

Das große Klassenbuch der Eintracht zum ersten Saisonteil in Serienform, Spieler für Spieler im Einzelporträt – vom Musterschüler bis hin zu jenen mit einem Blauen Brief. Heute der letzte Teil: Mario Götze. Alle Spielerbewertungen unter: fr.de/eintracht-zeugnis

Direkt danach ging es für den Routinier ab in die Wüste, WM in Katar, die für ihn persönlich eher unbefriedigend und für Deutschland im großen Desaster enden sollte. Auch das ist so ein Kapitel für sich. Denn natürlich kam Bundestrainer Hansi Flick an Mario Götze nicht vorbei, zu konstant hochwertig waren seine Vorstellungen in der Bundesliga und der Königsklasse. Also, Rückkehr in den erlauchten Kreis.

Mario Götze bei Eintracht Frankfurt oben auf – im DFB-Team war er jedoch kein Faktor

Vieles drehte sich um die Frage, ob er das eigentlich machen sollte, ob es gut für ihn wäre, jetzt, da er endlich Frieden geschlossen hat mit Fußballgott und Fußballwelt. Doch Götze ist eben auch Leistungssportler durch und durch, die Aussicht auf die Nationalelf trieb ihn an, stärker, als man es erahnen konnte.

Das Comeback nach einer halben Ewigkeit ging ohne Brimborium, erstaunlich geräuschlos über die Bühne. Okay, zu Beginn hagelte es Fragen, Götze hier und da, doch während des Turniers ebbte das Interesse ab, Mario Götze war gar kein Faktor. Das lag, logisch, daran, dass er nicht mitspielen durfte, oder nur kurz. Eingewechselt bei der Auftaktpleite gegen Japan, Bankdrücker beim besten Spiel gegen Spanien, eingetauscht im abschließenden Spiel gegen Costa Rica. Doch da war Deutschland faktisch schon ausgeschieden.

Hat Hansi Flick den Zeitpunkt verpasst, Mario Götze einzubauen?

Die Frage bleibt, weshalb Hansi Flick den erstarkten Raumdeuter überhaupt mitgenommen hat, wenn er nicht auf ihn bauen wollte. Zumal generell nicht jeder verstehen konnte, weshalb der Coach nicht auf jene Spieler setzte, die aus der Liga eine gute Form mitbrachten, nicht nur Götze, auch Niclas Füllkrug oder Matthias Ginter. Alldieweil: Eingewöhnungs- oder Vorbereitungszeit gab es nicht bei diesem Turnier.

Vielleicht hat Hansi Flick einfach den Zeitpunkt verpasst, Mario Götze einzubauen – wenngleich es einen besseren Zeitpunkt als die Costa-Rica-Partie eigentlich nicht geben konnte: Lösungen gegen tiefstehende Gegner sind das Spezialgebiet des Ex-Münchners. Zur Wahrheit gehört freilich auch, dass Bayern-Senkrechtstarter Jamal Musiala auf der Götze-Position restlos überzeugte, mit Abstand bester Deutscher war. Doch warum nicht mal beide probieren, mit entsprechender Absicherung? Muss man halt wollen, davon muss man überzeugt sein. Flick war es nicht. So lief der Wüsten-Trip für Götze genauso, wie es sich viele vorher gedacht hatten: Er war dabei, aber irgendwie auch nicht. Hätte man sich auch sparen können.

Der Spieler selbst empfindet das ganz anders. „Es gibt nichts zu bereuen. Ich war froh, wieder dabei zu sein.“ Das Ausscheiden an sich sei „umso ärgerlicher und enttäuschender“, doch für „mich persönlich war es ein tolles Gefühl, wieder Deutschland zu vertreten. Vor meinem Sohn bei einer WM zu spielen, macht mich extrem stolz und hat eine Erinnerung geschaffen, die ich nie vergessen werde.“

Am 3. Januar geht es in Frankfurt weiter. Mario Götze brennt darauf. Er ist noch nicht fertig.

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