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Eintracht jetzt im Rocky-Stil

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Von: Ingo Durstewitz, Daniel Schmitt

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Machte weiter, obwohl er fast nichts mehr sah: Evan Ndicka, Verteidiger mit Turban.
Machte weiter, obwohl er fast nichts mehr sah: Evan Ndicka, Verteidiger mit Turban. © Imago

Der blutender Verteidiger Evan Ndicka als Sinnbild für widerstandsfähige Frankfurter, die nach oben kraxeln.

Ungefähr so wie Oliver Glasner muss jemand aussehen, der sein inneres Gleichgewicht gefunden hat. Zumindest an jenem Samstagnachmittag in Bad Cannstatt. Rundweg zufrieden stand er da, der Eintracht-Trainer, selig lächelnd, glücklich im Hier und Jetzt. Seine Mannschaft bedachte er nach dem 3:1 (1:0)-Sieg beim VfB Stuttgart mit einer wahren Eloge. „Wahnsinn. Unglaublich. Riesenrespekt.“ Worte der Hochachtung, und nur ein kleiner Auszug. Und dann, als Oliver Glasner quasi schon weg war, entdeckte er noch diese leckeren Käsespätzle im Presseraum, da konnte er nicht widerstehen. „Die gibt’s bei uns auf der Hütt’n immer“, rief der entzückte Österreicher aus. „Aber da komme ich ja nie hin.“ So endete ein perfekter Tag im Leben des Oliver Glasner mit einer ordentlichen Portion Spätzle, freundlicherweise sicher verpackt zum Mitnehmen.

Der 48-Jährige wirkte – jenseits der kulinarischen Entdeckung – gerade deshalb so gelöst, weil er die schwierige Partie bei den im Keller steckenden Schwaben zum Charaktertest ausgerufen hatte. Die Strapazen waren ja enorm in den vergangenen Wochen, „fünf Spiele in 14 Tagen“, zählt Glasner auf, dazu noch die anstrengende Reise nach Südfrankreich unter der Woche mit den verstörenden Erlebnissen im Hexenkessel von Marseille. Da lässt man Körner, das geht an die Substanz.

Makoto Hasebe, der wieder einmal sehr umsichtig auftretende Methusalem in der Abwehr, fasste des Coaches Ansprache mit einem spitzbübischen Lächeln zusammen: „Der Trainer hat uns gesagt, dass alle denken, wir seien müde“, erzählte der 38-Jährige. „Und dann hat er gesagt: Aber wir sind nicht müde, wir sind Eintracht Frankfurt.“ Merke: Der Geist beflügelt den Körper. Mit einiger Genugtuung hat sich Glasner daher die Statistik zum Spiel angesehen: „Wir sind sechs Kilometer mehr gelaufen als der VfB – und das nachdem wir am Dienstag 122 Kilometer in Marseille abgespult haben. Großes Kompliment. Ich weiß, was die Jungs geleistet haben.“

Überraschenderweise war sein Team in fast allen anderen Erhebungen nur zweiter Sieger, Zweikämpfe (41 zu 59 Prozent), Pässe (78 zu 81), Ballbesitz (45 zu 55). Doch so können Zahlen eine Partie verwässern, denn der limitierte VfB hatte im Grunde keine Chance, dieses fehlerbehaftete Spiel zu gewinnen. Die Eintracht-Mannschaft hat sich akkurat an den ausbaldowerten Plan gehalten, der vorsah, den Kontrahenten kommen zu lassen und die Räume im eigenen Distrikt zu verdichten. „Die Jungs haben alles umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben“, lobte Glasner.

In der Fremde ist die Eintracht eine Macht: fünf Spiele, vier Siege (4:0 in Magdeburg, 4:3 in Bremen, 1:0 in Marseille, 3:1 in Stuttgart) sowie ein Remis (1:1 in Berlin) stehen zu Buche. Das ist kein Zufall. Sie mag es lieber, das Spiel nicht selbst machen zu müssen. Weiß man inzwischen.

Was nun freilich nicht bedeuten soll, dass die Hessen in Stuttgart die Sterne vom Himmel gespielt hätten, weit gefehlt, das alles war sehr unruhig, ungenau und zerfasert, zeitweise wie am Flipperautomaten. Und doch stellten sie das abgebrühtere Team, waren qualitativ den biederen Stuttgartern einfach überlegen. Kapitän Sebastian Rode (6.), Daichi Kamada (55.) und Kristijan Jakic (88.) entschieden die Begegnung bei einem Gegentreffer von Tiago Tomas (79.). Die Eintracht, erkannten die Unterlegenen neidlos an, sei nun mal nicht die Kragenweite des VfB. „Das ist eine Champions-League-Mannschaft, die hier verdient gewonnen hat“, räumte Sportdirektor Sven Mislintat ein.

Dieser schnöde Pflichtsieg darf sehr wohl als Beleg einer gewissen Klasse und Reife gesehen werden, in der Vergangenheit kam es nicht selten vor, dass genau solche Spiele gegen solche Gegner nicht gewonnen, vielleicht sogar verloren wurden. Für Glasner war dieser Wille, die Partie unter allen Umständen zu gewinnen, das entscheidende Kriterium. „Wir waren sehr leidenschaftlich, haben eine unglaublich gute Mentalität gezeigt. Unwahrscheinlich, mit welcher Energie wir gespielt haben.“ Mal platt gesagt: Die Eintracht wollte den Sieg mehr als der VfB. Auch das ist ein Qualitätsmerkmal.

Als Sinnbild für den Fighting-Spirit und die Widerstandsfähigkeit nannte Glasner den Verteidiger Evan Ndicka, dessen Wunde am Kopf aus dem Marseille-Spiel wieder aufgeplatzt war und der mit Turban einfach immer weiterspielte – so lange, bis sein Auge zugeschwollen war. „Er sah aus wie Rocky Balboa zu seinen besten Zeiten“, scherzte Glasner. Auch der für Ndicka eingewechselte Hrvoje Smolcic habe sich in seinem erst zweiten Spiel nahtlos eingefügt. „Zwei wichtige Zweikämpfe gewonnen, toll gemacht.“

Glasner freute sich auch deshalb über den Auftritt seines Teams, weil es gerade im Vergleich zu dem so deprimierenden Wolfsburg-Spiel (0:1) einen großen Schritt nach vorne gemacht habe. „Es geht immer um die Frage, wie wir auftreten“, führte der Coach aus. Gegen Wolfsburg habe man sich in Quergeschiebe und brotlosen Ballstafetten verstrickt, „da haben wir wenig auf den Endzweck gespielt“. In Stuttgart sei das ganz anders gewesen. „Wir haben nicht verwaltet, wir wollten hier gewinnen. Das hat die Mannschaft verinnerlicht, sie hat schnell gelernt – innerhalb von nur einer Woche.“ Doch ist das Ensemble wirklich vor solchen Rückschlägen wie gegen Wolfsburg gefeit? Man wird es sehen, nach der Bundesligapause gibt es genügend Bewährungschancen, es geht Schlag auf Schlag weiter – ab 1. Oktober stehen 13 Spiele in 44 Tagen an, dann ist WM. Ein Mammutprogramm.

Umso wichtiger, dass die Eintracht nach allerlei Schwankungen und auch Spannungen die Kurve erst einmal bekommen hat. „Wir sind einigermaßen im Soll“, sagte Sportvorstand Markus Krösche am Samstag, dem Tag seines 42. Geburtstages, den Betreuer- und Trainerteam in den Katakomben mit einem Ständchen abrundeten. In der Bundesliga, findet der Manager, habe man so manchen Punkt liegengelassen, „aber wir wollten Kontakt nach oben herstellen, das haben wir geschafft. Die Richtung stimmt.“

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