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Eintracht in Europa: Als die weiße Feder sticht und Yeboah viermal trifft

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Von: Thomas Kilchenstein

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19. Mai 1960: Das größte Spiel, das 3:7 im Finale des Europapokals der Landesmeister gegen Real Madrid - mit Egon Loy im Tor.
19. Mai 1960: Das größte Spiel, das 3:7 im Finale des Europapokals der Landesmeister gegen Real Madrid - mit Egon Loy im Tor. © imago images/ZUMA Press/Keystone

Von Real Madrid über Tottenham Hotspurs, Inter Mailand und den FC Chelsea - die bemerkenswerten, aber nicht immer siegreichen Spiele von Eintracht Frankfurt in Europa.

Natürlich wird Egon Loy an diesem besonderen Tag im Stadion sein, in der Loge, dort wo die 59er-Meistermannschaft immer sitzt. Er wird ein Spiel genießen, das in Frankfurt „Jahrhundertspiel“ genannt wird, aber es wird schwerlich an jenes heranreichen, in dem Egon Loy einst stand: Vor 62 Jahren spielte der mittlerweile bald 91-Jährige mit der Eintracht im Endspiel um den Europapokal der Landesmeister in Glasgow gegen Real Madrid - es war das Finale im höchsten Wettbewerb und nicht das Viertelfinale in einer Europa League. Und doch spürt auch der sehr rüstige einstige Torwart mit Schiebermütze den herausragenden Stellenwert dieser beiden Spiele, es brummt und summt seit Tagen in der Stadt, die Strahlkraft des Namen FC Barcelona ist außergewöhnlich. Der Bogen lässt sich leicht schlagen von 1960 zu 2022, von Real Madrid zum FC Barcelona - und immer ist Eintracht Frankfurt mit von der Partie.

Egon Loy kennt sich aus mit großen Tieren, er rät seinen Nachfolgern eines: Mutig sein, ins Risiko gehen, stören, Mann gegen Mann attackieren. „Wenn Barca erst mal sein Tiki-Taka-Spiel aufzieht, wird es schwer“, sagt Loy. „Aber eine Chance hat man immer.“ Hatte ja auch die Eintracht anno 1960, sie führte gegen die Übermannschaft aus Madrid mit Gento, Puskas, di Stefano sogar mit 1:0 und hatte die Chance auf ein 2:0, durch Erich Meier, „Flutlicht-Meier“, wie er gerufen wurde. Dann aber fegte der spanische Wundersturm über die Hessen hinweg, 3:7 stand es am Ende. Unterschätzt, darauf legt Egon Loy großen Wert, hatte Real die Eintracht nicht, Emilo Österreicher, seinerzeit einer der mächtigsten Manager, hatte die Eintracht eingehend beobachtet, etwa im Halbfinale gegen Glasgow Rangers. „Die haben uns nicht für voll genommen“, sagt Loy jetzt der FR, zwei glorreiche Siege, 6:1 und 6:3, später, wussten die Schotten, was Sache ist. Eines weiß der Torwart: „Die wenigen Chancen, die man hat, muss man dann auch kaltschnäuzig und konsequent nutzen.“

Das torreichste Spiel

So etwa wie seinerzeit gegen Widzew Lodz, mit 9:0 fegten die Frankfurter in der ersten Runde im Uefa-Pokal über die Polen hinweg, 6:0 stand es an jenem 30. September 1992 im Stadion schon zur Pause, Anthony Yeboah erzielte vier Tore, Axel Kruse drei und der Zigarillo von Dragoslav Stepanovic auf der Trainerbank dampfte gemütlich vor sich hin. Es war auch spielerisch eine traumhafte Vorstellung, Uwe Bein hatte seine helle Freude und Lodz, das im Rückspiel noch ein 2:2 erzwang, wurde nach allen Regeln der Kunst ausgespielt. Dummerweise war in der nächsten Runde schon Feierabend, nach 0:0 und 0:1 gegen Galatasaray Istanbul, trainiert von Kalli Feldkamp. Ein Jahr später, unter Trainer Klaus Toppmöller, zeigten die Frankfurter ihren Fußball 2000 in Moskau, 6:0 gewannen sie bei Dynamo, und konnten sich eine 1:2-Heimniederlage locker leisten. Endstation war dann Casino Salzburg (siehe „hässlichstes Spiel“).

Das Initiationsspiel

Der Europapcup mit Frankfurter Beteiligung wurde neu erfunden in Bordeaux, Ende November 2013 war das, als sich etwa 12 000 größtenteils in orange gekleidete Eintracht-Fans auf den Weg nach Bordeaux machten und überall in der Stadt bald sichtbar waren. Abends erzielte dann Martin Lanig vor der eigenen Kurve das entscheidende 1:0 gegen Girondins, ein Moment, den der Mittelfeldspieler bis heute gespeichert hat. Später ging dann Trainer Armin Veh raus vor die Fans, schwengte eine riesige blaue Europa-Fahne und hatte vor Rührung Tränen in den Augen. Das war der Moment, als der Funke übersprang, als das Europacup-Fieber auf Eintracht Frankfurt übergriff, die Initiation. Erst der FC Porto war dann nach zwei überragenden Spielen Endstation. 2:2 in Portugal und 3:3 zu Hause - die Europapokalregelung zu Ungunsten der Eintracht.

Die englischen Spiele

Was für ein Matsch. Damals, Mitte April 1976, Pokal der Pokalsieger, im Upton Park gegen West Ham United. Und was für ein Torwart. Dr. Peter Kunter hielt in diesem Spiel alles, was zu halten war. Reichte nur nicht, weil die Londoner aus einem 1:2 im Hinspiel, schnell ein 3:0 gemacht hatten. Sie fanden sich auf dem tiefen, regennassen Geläuf deutlich besser zurecht als Holz, Grabi und Nickel, Körbel und Willi Neuberger. Beverungen war es, der drei Minuten vor Schluss verkürzte, ehe der Ball endgültig im Schlamm versank. Vier Jahre zuvor, 1972, war in der ersten Runde des Uefa-Cups Schluss, gegen den FC Liverpool, 0:0 in Frankfurt, 0:2 an der Anfield Road, trotz Kliemann, Grabi, Lutz und Horst Hesse.

(Fast) alle Spieler sind fit

Mit einer Videoanalyse begann die Eintracht am Dienstag ihre Vorbereitung auf das Viertelfinalhinspiel der Europa League gegen den FC Barcelona. Trainer Oliver Glasner hatte dafür im Vorfeld extra einen Vertrauten ins Camp Nou geschickt, um die Katalanen am Sonntag gegen den FC Sevilla beobachten zu lassen. Am gestrigen Vormittagstraining nahmen mit Ausnahme von Christopher Lenz (Wadenverletzung) alle Frankfurter Fußballer teil. (FR)

Und noch einmal London, März 1982, Viertelfinale der Pokalsieger, bei Tottenham unterlagen die Frankfurter noch 0;2, zu Hause schafften sie lediglich ein 2:1. Dabei führten sie nach einer Viertelstunde bereits 2:0, Ronny Borchers und Bum-kun Cha hatten getroffen, das Tor von Glen Hoddle (80.) zerstörte alle Hoffnungen.

Und ja, wir müssen über Chelsea reden. Halbfinale, jeder kennt die Bilder. Ein untröstlicher Hinteregger sucht Trost in den Armen eines untröstlichen Fans, ein Bild, das Geschichte schrieb, ein Bild, das auch im Hause Hinteregger seinen festen Platz hat. Und ein Torwart, der im allerletzten Augenblick beim Elfmeterschießen die Beine zusammen bekommt, sonst wäre der Strahl des Österreichers hindurch gesaust. Kaum einer spricht von Azpilicueta oder David Luiz, die in der Verlängerung Bälle von Sebastien Haller von der Linie gekratzt hatten. So nah stand die Eintracht lange nicht mehr vor dem Finaleinzug. Das Endspiel in Baku gegen Arsenal hätte die Frankfurter Elf mit ihrer Büffelherde gewonnen. Wie dann in der Saison 2019/2020 - 2:1 in London.

Das hässlichste Spiel

Hatte im März 1994 nichts mit dem Ausscheiden gegen Casino Salzburg zu tun: Es war das Hinspiel, das im Wiener Ernst-Happel-Stadion gespielt wurde und in dem die österreichischen Fans Anthony Yeboah rassistisch beleidigten, bei jedem Ballkontakt Affenlaute von sich gaben. Es war so schlimm, dass später aufgebrachte Bürger in der FR vor dem Rückspiel eine Anzeige schalteten. Tenor: „Wir haben nichts gegen Österreicher, aber was gegen Rassisten“. In Wien unterlag die Eintracht mit 0:1 - das Tor erzielte übrigens ein gewisser Adi Hütter. 14 Tage später schaffte es die Toppmöller-Elf nicht, mehr als ein 1:0 (Maurizio Gaudino) zu erzielen, obwohl Salzburg eine Halbzeit mit zehn Mann spielte, Peter Artner war vom Platz gestellt worden. Im Elfmeterschießen verschoss Gaudino entscheidend. Hütter hatte da auch verwandelt, gegen Uli Stein.

Die italienischen Spiele

Lazio Rom, Inter Mailand - das waren in der grandiosen Europa League-Saison ebensolche Erfolge. Gerade in Mailand, beim 1:0 (Torschütze Luka Jovic), gewannen die Hessen hochverdient, ja sie hätten die Partie auch 2:0 oder 3:0 für sich entscheiden können. Im Hinspiel, beim 0:0, wehrt Kevin Trapp einen Strafstoß (von Marcelo Brozovic) ab. Und Lazio Rom ist gleich zweimal, 4:1 und 2:1, in die Schranken gewiesen worden.

Und dann gab es noch, in der Uefa-Cup-Saison 1993/94 die Spiele gegen den SSC Neapel, die beide mit 1:0 gewonnen wurden, am Fuß des Vesuvs traf übrigens Ralf Falkenmayer. Und im Rückspiel in Frankfurt sah der spätere Weltmeister Fabio Cannavaro die Rote Karte. Und gegen Juventus Turin. Da war die Eintracht chancenlos, im Hinspiel schafften sie noch ein 1:1, Ralf Weber machte da ein überragendes Spiel Jan Furtok traf. Im Rückspiel spulte Juve locker ihren Part herunter, Conte, Ravanelli, „die weiße Feder“, und del Piero erzielten die Tore. Trainer Jupp Heynckes schaffte es tatsächlich, Jay-Jay Okocha beim Stand von 0:1 auszuwechseln, just als der begnadete Techniker einen Eckball schlagen wollte.

Das ungewöhnlichste Spiel

Das ist natürlich die Partie gegen Dinamo Bukarest, als Bernd Hölzenbein, typisch, in allerletzter Sekunde das die Verlängerung bringende 2:0 erzielt, und zwar per Kopf im Sitzen. Nach einer an sich harmlosen Flanke rutscht dem Bukarester Torhüter der Ball durch die fangbereiten Arme und auf den auf dem Hosenboden sitzenden Holz. Nickel erzielte in der Verlängerung das 3:0, die Eintracht war weiter und wird am 21. Mai 1980 erstmals Uefa-Pokal-Sieger. Noch so ein bedeutsames Spiel, wenn auch nur gegen den Bundesligarivalen Mönchengladbach.

28. November 2013: Der Beginn der Euphorie - Armin Veh mit Fahne.
28. November 2013: Der Beginn der Euphorie - Armin Veh mit Fahne. © imago sportfotodienst
9. Mai 2019: Tragischer Held von Chelsea - Martin Hinteregger.
9. Mai 2019: Tragischer Held von Chelsea - Martin Hinteregger. © imago images / Jan Huebner

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