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Die Stadt ist leer, aber im „Backstage“ im Nordend haben sich die daheimgebliebenen Eintracht-Fans zusammengerottet.

Inter Mailand - Eintracht Frankfurt

Die Eintracht gewinnt in Mailand – und ganz Frankfurt scheint vor Ort zu sein

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Gespensterstadt Frankfurt: Im „Backstage“ rotten sich die wenigen Daheimgebliebenen zum Fußballgucken zusammen.

Es gibt kein Bier in Mailand. Nicht im Stadion, nicht in der Innenstadt. Und trotzdem scheint es so, als seien so ziemlich alle, die man kennt, gen Mailand entfleucht. Nur man selbst nicht. Das sorgt ein bisschen für das Omega-Feeling. In dem US-Spielfilm „The Omega Man“ (1971) spielt Charlton Heston, das weiß auch Wikipedia, „einen der wenigen Überlebenden in einer gespenstischen Welt“. Immerhin kann Heston in dieser Welt machen, was er will: Läden plündern, mietfrei wohnen, Trinkflaschen durch die Gegend kicken – wenn auch nur als Solist, nicht als Teamplayer. Und: Es gibt Bier!

Bier gibt es freilich auch in Frankfurt, dennoch wirken die Straßen an diesem schicksalhaften Abend wie Flasche leer. Kann am Spiel liegen, kann aber auch am Wetter liegen. Beim Italiener am Luisenplatz ist das schöne große Bierzelt mit dem schönen großen Bildschirm wenige Minuten vor Anpfiff noch gähnend leer. Ist aber eben auch ein Italiener, und das hat er nun davon.

Eintracht-Fans sammeln sich im „Backstage“

Ein paar hundert Meter weiter, im „Backstage“, der vielleicht traditionsreichsten Frankfurter Fußballkneipe, haben sich die wenigen Daheimgebliebenen in einer gespenstischen Stadt zusammengerottet, um, wie es sich gehört, „Im Herzen von Europa“ zu singen. Und ordnungsgemäß zu brüllen, als Luka Jovic fünf Minuten nach dem Anpfiff einlocht. Wer hier nicht rechtzeitig gekommen ist, der muss mit dem kleinen Fernseher im Flur vor dem Klo vorlieb nehmen, aber hier finden auch die wichtigsten Expertengespräche statt. „Der Typ is unbezahlbar“, erklärt ein Klogänger dem Langmähnigen, der sich den Logenplatz vor dem Mini-TV geschnappt hat. „Für disch uff jeden!“, kontert der Langmähnige, und der Klogänger betont noch einmal „Unnn….beeee….zahlbar!“, bevor er sich erleichtert. Irgendwie wirken alle ein bisschen erleichtert. Kann auch am Bier liegen.

Aber das „Backstage“ ist an diesem Abend die gut gefüllte Ausnahme. Ein bisschen die Gass runter, im „Bornend“, fänden Zuspätkommer noch einen Sitzplatz mit Aussicht, wenn sie ihn denn suchten. Und in der oberen Berger, normalerweise ein Hotspot der Public Viewer, ist tote Hose. Im Raucherzimmer des „Gambrinus“ verfolgen ein paar Profi-Raucher das Spiel ohne erkennbare Emotionen und mit gesunder Skepsis gegenüber dem Medium RTL, einer hat zur Sicherheit direkt vor sich seinen Laptop aufgebaut und verfolgt auf diesem den Live-Ticker. Auch bei den Nichtrauchern ist noch Platz. Der Wirt fragt einen etwas traurig, ob man „der Michael“ sei. Ist man nicht. Das sei ein Jammer, sagt der Wirt, denn „ein Michael“ habe für heute Abend samt Entourage reserviert, sei aber nicht gekommen. Ist vermutlich in Mailand.

Auf das „Toffis“ ist bei Eintracht-Spielen Verlass

Im Hähnchengrill straßab verfolgen ebenfalls ein paar Gäste interessiert das Geschehen auf dem Bildschirm – auf ntv wird ein Dokumentarfilm über Affen gezeigt. Was sind das für Menschen, die an einem solchen Abend eine Affen-Doku gucken? Da ist es schon wieder, das Omega-Feeling.

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Im „tipico“-Wettladen am Merianplatz sitzen schweigend in ihre Tippzettel vertieft eine Handvoll Menschen, die so ausschauen, als kämen sie gerade von einem Ante-Rebic-Ähnlichkeitswettbewerb. Kann aber auch Zufall sein. Besonders enthusiastisch wirken sie jedenfalls nicht. Ganz anders die Gäste des „Toffis“, auf die in solchen Fällen Verlass ist und die auch heute beweisen, dass Frankfurt nicht ganz ausgestorben ist. Die strömen zur Halbzeit auf die Straße, um im milden Licht der Wärmelampe zu rauchen und fachzusmimpeln. „Im Lebe net schießt der Italiener in der Zwote noch zwo Tore“, orakelt ein Hesse. Wie so oft behält der Hesse recht. Der Italiener schafft nicht mal eines.

Die Eintracht ist weiter.  Aber die Einsamkeit wird noch ein bisschen in Frankfurt hängenbleiben. So ziemlich alle, die man kennt, hängen noch ein verlängertes Wochenende in Mailand dran. Nur man selbst nicht. Aber Einsamkeit kann zwar etwas Schlechtes sein, muss sie aber nicht. Sich mutterseelenallein in seiner Stadt zu fühlen, das ist das unschöne Omega-Feeling. Aber als einzige deutsche Mannschaft noch im internationalen Wettbewerb zu spielen, das ist was ganz anderes. Das ist das Adi-Feeling. Und das ist zum Trinkflaschenkicken schön.

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