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Eintracht Frankfurt gehen gute Offensivspieler aus

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Von: Ingo Durstewitz

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Leistet sich zu viele Schwankungen: Goncalo Paciencia. Foto: Jan Hübner.
Leistet sich zu viele Schwankungen: Goncalo Paciencia. © imago images/HMB-Media

Der Ausfall von Daichi Kamada zeigt: Das Leistungsgefälle im Kader von Eintracht Frankfurt ist groß – gerade im Angriff.

Frankfurt – Oliver Glasner ist kein Typ, der schnell in Wehklagen verfällt, kein Meister im Lamentieren. Nach seinem kapitalen Sturz mit einem E-Scooter samt Jochbeinbruch und folgender Gesichtsoperation fand sich der Eintracht-Chefcoach umgehend wieder auf dem Trainingsplatz ein, das Auge schillerte grün und blau, die Wange war dick geschwollen. Aber was soll’s? „Zum Glück ist mir nichts Schlimmeres passiert“, sagte er lapidar. Unabänderliches akzeptiert er, und in der Vergangenheit lebt es sich sowieso schlecht. Und wenn nun also, um in die Aktualität einzutauchen, in Daichi Kamada eine seiner wichtigsten Figuren ausfällt, ein Schlüsselspieler auf einer Schlüsselposition, so sagt Oliver Glasner nur: „Dann kommt halt jetzt ein anderer rein.“ Er kann es ja eh nicht ändern.

So war es schon, als Kevin Trapp und Filip Kostic, seine Besten, in Augsburg coronabedingt passen mussten, da spielten halt Diant Ramaj im Tor und Timothy Chandler auf links. Beide machten ihre Sache ordentlich, aber erwartungsgemäß lange nicht so gut wie die etablierten Kräfte. Doch so ist das nun mal. Und so ist es erst recht bei Eintracht Frankfurt.

Eintracht Frankfurt: Leistungsträger kaum zu ersetzen

Denn so ehrenhaft und angenehm Glasners Anti-Jammer-Haltung auch sein mag: In Wahrheit sieht sich der 47-Jährige bei Ausfällen dieser Art echten Problemen gegenüber, alldieweil: Die Leistungsträger lassen sich nicht eins zu eins ersetzen, sie lassen sich sogar nicht mal annähernd ersetzen. Das ist kein Phänomen, das nur die Eintracht betrifft, das ist klar, aber das Gefälle im Frankfurter Kader ist beträchtlich, unterhalb der Spitze bricht die Qualität massiv weg – gerade in der Offensive.

Dort sind die Positionen fest vergeben, ganz vorne verdingt sich Malocher Rafael Borré, dahinter Kreativkopf Kamada und Durchstarter Jesper Lindström, dazu kommt über links Wuchtbrumme Filip Kostic. Das war‘s. Aber wehe, einer kann mal nicht.

Aktuell ist der an einem Muskelfaserriss leidende Spielleiter Kamada in einer Woche in Stuttgart gar nicht gleichwertig zu ersetzen, genauso wenig wie es Jesper Lindström gewesen wäre, wenn er gegen Borussia Dortmund doch wegen Covid ausgefallen wäre und sich nicht hätte freitesten können.

Eintracht Frankfurt: Mit Paciencia kann man kein Pressing spielen

Wer könnte also für Kamada einspringen? Jens Petter Hauge? Der Norweger ist nach seiner auskurierten Muskelverletzung erst seit ein paar Tagen wieder im Training und legte beim Testspiel in Mainz (1:0, Tor Tuta) mal wieder einen ziemlich vogelwilden Auftritt hin. Okay, bis zum Stuttgart-Spiel vergehen noch acht Tage, aber nicht sonderlich viele Trainingseinheiten. Übers Wochenende hat die Mannschaft frei. Ob der 24 Jahre alte Hauge in dieser Zeit so viel Rückstand aufholen kann? Fraglich.

Oder Glasner zieht Linksaußen Kostic auf eine offensive Halbposition, ein Schachzug, der schon einmal, beim 2:1-Sieg in München, aufging. Damals trat die Eintracht aber sehr defensiv auf, und Stuttgart ist, bei allem Respekt, nicht Bayern. Nachteil zudem: Kostic fühlt sich auf dieser Position nicht sonderlich wohl und die linke Seite wäre geschwächt – zumindest offensiv. Defensiv könnte der in Mainz sehr amtlich auftretende Christopher Lenz vielleicht mehr Stabilität verleihen.

Womöglich, wirft Oliver Glasner ein, wechsele er auch das Spielsystem, „wir könnten auf ein 3-5-2 gehen, wir haben einige Varianten“. Aber keine, die für ein Erfolgsmodell taugt. Für ein 3-5-2 müsste der Fußballlehrer nämlich zwei Spitzen aufbieten, was in der Theorie kein Problem ist, in der Praxis aber schon eine hohe Hürde darstellt. Denn wer sollte neben dem gesetzten Rafael Borré stürmen? Ragnar Ache ist auf dem Sprung nach Mainz, und selbst wenn der Wechsel nicht klappen sollte, hat der 23 Jahre Olympiafahrer seine Tauglichkeit nie nachweisen können.

Blieben Sam Lammers oder Goncalo Paciencia. Lammers ist, das zeigte er wieder bei seiner bedenklichen Vorstellung in Mainz, zurzeit in der Bundesliga schlicht nicht spielfähig. Ihm fehlt das körperliche und mentale Rüstzeug, jetzt auch noch das Selbstvertrauen, er würde gnadenlos untergehen. Man würde weder ihm noch der Mannschaft einen Gefallen tun. Das weiß Oliver Glasner nur zu gut. Und auch Paciencia ist eigentlich weit weg von einem Startelf-Einsatz. Bis auf die Vorbereitung zum Siegtreffer wollte auch ihm in Mainz nichts gelingen. Zudem ist er kein Spieler, der, wie von Glasner gefordert, den Gegner attackiert und quasi als Stürmer der erste Verteidiger ist. Mit dem Portugiesen, sagte schon Glasners Vorgänger Adi Hütter immer, könne man nun mal kein Pressing spielen.

Eintracht Frankfurt: Wechsel offenbaren großes Problem

Auch das ist ein Grund, weshalb Paciencia zwar in 15 Partien zum Einsatz kam, aber nur zweimal in der Startformation stand. Zudem: Er hat seine besten Spieler als Joker gemacht, da war er sehr effektiv und auch torgefährlich. Doch selbst das liegt schon eine Weile zurück: In den letzten beiden Partien, in Augsburg und gegen Bielefeld, konnte er als Einwechselspieler keine Impulse mehr setzen, enttäuschte auch mit einer seltsam laxen Körpersprache.

Generell zeigt auch Glasners Handhabe bei Einwechslungen das Kardinalproblem der Eintracht: die fehlenden Alternativen, ein Leistungsabfall ist auf einigen Positionen offensichtlich. Alles eine Frage der Qualität. Daher lässt der Trainer das Spiel oft lange unverändert laufen, tauscht erst relativ spät und schöpft das gesamte Kontingent nur selten aus. Zuletzt hatte er auch wenig Fortune mit seinen Entscheidungen, und damit ist nicht nur die merkwürdige Idee gemeint, zuletzt den angeschlagenen Martin Hinteregger für Makoto Hasebe aufzubieten. Nein, gegen Borussia Dortmund etwa ließen auch seine beiden Wechsel nach 66 Minuten die Partie in die falsche Richtung kippen. Damals nahm er Lindström und Kapitän Sebastian Rode vom Platz und brachte Lammers sowie Kristian Jakic. Beide fielen deutlich ab. Zumindest Jakic ist nun wieder voll auf dem Damm, ging am Donnerstag in Mainz über 90 Minuten. „Er stand dreieinhalb Wochen nicht auf dem Platz“, sagte Glasner. „Er hat sich jetzt mal richtig verausgabt, da wurde die Lunge durchgeputzt.“ Blöd nur: Jakic ist Abräumer und keine Alternative für die offensive Kamada-Position. (Ingo Durstewitz)

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