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Eintracht gegen West Ham: Wenn sich der Kreis schließt

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Von: Ingo Durstewitz

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Wirft immer alles rein - im Zweifel auch seine Gesundheit: Sebastian Rode (re.), 2019 in London.
Wirft immer alles rein - im Zweifel auch seine Gesundheit: Sebastian Rode (re.), 2019 in London. © imago images / Jan Huebner

Für Eintracht Frankfurt und Kapitän Sebastian Rode könnte sich im Halbfinale gegen West Ham ein Kreis schließen.

Frankfurt - Als Sebastian Rode an der Stamford Bridge die weiße Fahne hisste, 70 Minuten waren vergangen in diesem dramatischen Halbfinale der Eintracht beim FC Chelsea, da ahnte nur er selbst, was wieder für eine Odyssee auf ihn zukommen würde. Sebastian Rode, der Lausbub aus Südhessen, der mit mittlerweile 31 immer noch so spitzbübisch grinst wie mit 13, kennt das ja mit den schweren Verletzungen, vor allem am Knie. Und als sich das Gelenk nach einem Pressschlag mit Chelseas Pedro übel verdrehte, damals im Mai 2019, wusste der Seppl: Das sieht nicht gut aus. Und: Es ging nicht gut aus. Im doppelten Sinne. Rode humpelte an Krücken aus dem Stadion, Knorpelschaden im linken Knie, später Operation. Und das Spiel? Historisch, traumatisch, verloren.

Das denkwürdige Elfmeterschießen ohne Happy End für die Eintracht verfolgte der in Alsbach-Hähnlein aufgewachsene Mittelfeldantreiber von der Ersatzbank, auch er konnte sich der Tränen nicht erwehren, der Traum vom Finale geplatzt wie eine Seifenblase. Die Bilder von Martin Hinteregger, der seinen Efler verballerte und Trost in den Armen eines Fans fand, gingen um die Welt. Wer an London denkt, an Chelsea, der denkt an den gebrochenen Hinti.

Doch als Sinnbild aus der zweiten Reihe taugt Seppl Rode, der bodenständige Familienvater, der an diesem Abend in England sich mal wieder für seinen Verein aufopferte und seine Gesundheit aufs Spiel setzte. Dieser Sebastian Rode schoss die Eintracht erst mit seinem Tor zum 2:0 im Viertelfinalrückspiel gegen Benfica Lissabon ins Semifinale, er war der Türöffner, der Immerweitermacher.

Für den Ex-Bayern-Profi könnte sich nun mit dem zweiten Halbfinale gegen West Ham United an diesem Donnerstag (21 Uhr/RTL) ein Kreis schließen, wie für den gesamten Verein, er könnte das vollenden, was er und die Eintracht damals verpasst haben. Rode, mittlerweile Kapitän, brennt darauf, er wird die Mannschaft anführen und sie einschwören, er weiß, was funktionieren muss und wie es zu funktionieren hat. Er ist längst wieder ein Fixpunkt im Frankfurter Ensemble. „Wir sind heiß darauf, nach Sevilla zu kommen“, sagt er. 18. Mai, Finale. Ein Spiel für die Ewigkeit. Nun erst einmal: das Vorspiel.

Der Routinier hat nicht mehr viel Zeit als aktiver Fußballer, fünf schwere Verletzungen samt Operationen an den Kniegelenken fordern ihren Tribut, Kreuzbandrisse, Knorpelschäden, dazu Schambein, Leiste, Stressreaktionen. Jungfräulich sind die Knochen des Vorkämpfers nicht mehr. Erst zu Beginn dieser Saison musste er wieder lange pausieren, erneut das Knie, es schwoll an, schwoll ab, zickte herum. Das Karriereende schien näher zu rücken. Das Karriereende rückt näher. Mit jedem Spiel, jedem Training, jeder Vollbelastung. „Man muss ehrlich zu sich selbst sein: Irgendwann ist dann halt Schluss“, sagte er im Herbst der FR. Doch das Ende will er selbst bestimmen. „Ich bin eine Kämpfernatur, die nicht aufsteckt.“

Eintracht Frankfurt: Die Chance im Scheitern

Sebastian Rode kennt nur 100 Prozent, ganz oder gar nicht, immer volles Rohr. Er hat sich herausgekämpft aus dem Tal, hat die körperlichen und mentalen Herausforderungen angenommen und geschultert, er ist wieder fit, hält länger durch, auch mal 90 Minuten. Genau zur richtigen Zeit, zur Crunchtime, zum Showdown. Fußballerisch ist er sowieso über jeden Zweifel erhaben, hat einen rechtschaffenen Malocher wie Kristijan Jakic, ohnehin im Formtief, wieder um Längen distanziert. Die Zeit bei den Spitzenvereinen Borussia Dortmund und vor allem Bayern München hat ihn zu einem besseren Fußballer reifen lassen.

Auch auf Sebastian Rode wird es am Donnerstagabend ankommen. Er hat noch eine Rechnung offen, ihn treibt eine ungestillte Sehnsucht an, die nach dem Finale. Da geht es ihm wie den anderen von 2019. Tatsächlich sind noch neun Spieler dabei, die damals an der Stamford Bridge den Adler trugen, sechs von ihnen (Rode, Hinteregger, Kevin Trapp, Filip Kostic, Makoto Hasebe, Danny da Costa) standen in der Startelf, Goncalo Paciencia wurde eingewechselt, nur Timothy Chandler und Evan Ndicka kamen nicht zum Zug. Anstelle des Abwehr-Souveräns Ndicka verteidigte seinerzeit übrigens Eisenbieger Simon Falette (inzwischen bei Hatayspor in der Türkei) auf links. Unvorstellbar wäre das heute.

Vielleicht ist gerade dieses Erlebnis von London von vor drei Jahren der entscheidende Kick, der Extraschub, den es benötigt, um etwas Großes wachsen zu lassen. So etwas schweißt zusammen, lässt ein unsichtbares, starkes Band entstehen. Oftmals liegt im Scheitern eine Chance, es ist nicht selten so, dass diese schmerzlichen Erfahrungen einen Sportler zusätzlich animieren und anspornen, es können lehrreiche Einschnitte sein.

In München etwa heißt es bis heute, dass das auf unfassbare Art und Weise verloren gegangene Champions-League-Finale 1999 gegen Manchester United die Mannschaft nicht haben ruhen und gierig bleiben lassen, ehe die Scharte ausgewetzt, das Trauma besiegt und das große Ziel erreicht war. Ohne diesen Knockout, der Mutter aller Niederlagen, wäre der Königsklassen-Triumph zwei Jahre später nicht möglich gewesen, sagt der frühere Torwart und heutige Bayern-Boss Oliver Kahn. Dieser Niederschlag sei die Geburtsstunde des Siegerteams von Mailand 2001 im Elfmeterschießen gegen Valencia gewesen. Mission erfüllt, mit Anlauf.

Und auch die Eintracht hat eine ähnliche Erfahrung gemacht: 2017 stand sie, nachdem sie sich ein Jahr zuvor mit einem Bein in der zweiten Liga befand und sich mit Ach und Krach durch die Relegation gegen den 1. FC Nürnberg rettete, unter Niko Kovac im Finale des DFB-Pokals und unterlag Borussia Dortmund knapp mit 1:2. Es war so etwas wie der Startschuss zu diesem nur schwer zu greifenden Eintracht-Hype, der seitdem nicht mehr abgeebbt ist und durch die schwere Corona-Zeit offenbar nur unterbrochen war. Damals, im Zeichen der Niederlage gegen den BVB, schaltete Vorstand Axel Hellmann sofort in den Angriffsmodus, aber nicht aus Trotz heraus, sondern weil er es genau so fühlte, weil er die Wucht des Vereins spürte. „Wir kommen zurück“, sagte er. „Und vollenden.“ Er hielt Wort. Ein Jahr später herrschte Ausnahmezustand auf den Straßen Frankfurts: Pokalsieg gegen den Goliath aus München, die Geburtsstunde neuer Helden, die dieser unvergessene Tag auf ewig verbinden wird.

Und nun? Nun greift Eintracht Frankfurt nicht nach den Sternen, dazu ist es zu früh, erst einmal muss West Ham aus dem Weg geräumt werden, was schwer genug ist. Ein Londoner Tor mehr als eines der Frankfurter führt die Teams in die Verlängerung, das ist allemal drin. So lief es auch gegen Betis Sevilla im März dieses Jahres, 0:1 nach 90 Minuten, erst Martin Hinteregger, der traurige Held von London 2019, rettete die Eintracht mit einem erzwungenen Treffer kurz vor dem Elfmeterschießen und brachte sie ins Viertelfinale in die Jahrhundertspiele gegen den FC Barcelona. Der Rest ist Geschichte.

Ein Spiel trennt die Eintracht noch von Sevilla, dem Endspiel-Ort, dem ersten internationalen Finale seit 42 Jahren. Gegner West Ham wird noch einmal alles rausfeuern, was in den Tanks ist: Leidenschaft, Adrenalin, Power. Dasselbe werden die Frankfurter entgegensetzen. Ausgang offen.

Eintracht Frankfurt: Gekommen, um zu vollenden

In England wird West Ham ganz gerne mit der Eintracht von vor drei Jahren verglichen, mit diesem irgendwie in der Versenkung verschwundenen Traditionsklub, der quasi aus dem Nichts auf einmal ins Halbfinale der Europa League marschiert. Vielleicht ist die Eintracht dem Rivalen von der Insel deshalb jetzt genau diesen Schritt voraus, diese Erfahrung und dieses Gefühl, das Scheitern in Energie und Glauben umwandeln zu können, um etwas Historisches zu schaffen. Vielleicht hilft ihr diese Nacht voller Tränen, Schmerzen und Entbehrung; diese Nacht, die einen ganzen Klub näher zusammenrücken ließ und den Fokus scharf stellte.

Eintracht Frankfurt 2022, gekommen, um zu vollenden!? (Ingo Durstewitz)

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