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Eintracht Frankfurt gegen Glasgow Rangers – Ein Spiel für die Geschichtsbücher

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Von: Ingo Durstewitz

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Mehr als vier Jahrzehnte nach dem letzten internationalen Titel greift Eintracht Frankfurt in Sevilla gegen Glasgow nach den Sternen – es ist ein Spiel der Superlative.

Sevilla – In diesen wilden Finaltagen vor dem Spiel der Spiele ging es für Eintracht Frankfurt zunächst um eins: diese einzigartige Atmosphäre zu erzeugen, die die Mannschaft, ja den ganzen Verein Unmögliches möglich machen lässt. Das geht in Frankfurt, könnte man meinen, fast schon auf Knopfdruck. Zack, Europacup, Flutlicht, Fanaufmarsch in weiß, Ausnahmezustand. Hier gilt mehr als anderswo: Nur durch ein ganz spezielles Gefühl sind ganz spezielle Leistungen möglich. Ein Phänomen.

Anders ist es nicht zu erklären, dass eine Fußballmannschaft, die in der zweiten Hälfte der Bundesligasaison nur 15 Punkte geholt hat, also einen kapitalen Einbruch auf nationaler Ebene erlitt, auf den Spielfeldern Europas alles in Grund und Boden spielt. „Im Fußball ist es eine Seltenheit, Grenzen zu verschieben“, sagt Vorstandssprecher Axel Hellmann. „Wir haben das geschafft.“ Hellmann, Mastermind im Hintergrund, ist der Erschaffer dieser Schwingungen, die den ganzen Eintracht-Kosmos in Bewegung setzen. Es geht, wie die FR unlängst schrieb, „um den geplanten Zauber, die innere Überzeugung, der David mit der Steinschleuder zu sein. Es geht darum, Kräfte freizusetzen, die bei objektiver Betrachtung nicht da sein dürften.“

Eintracht Frankfurt: Barcelona-Sieg als Geburtsstunde der Euphorie

Vieles von dieser Magie, glaubt Vorstand Hellmann, „macht sich an dem Spiel in Barcelona fest“. Dieses Spiel – das Rückspiel im Viertelfinale Mitte April, das die Eintracht mit 3:2 gewann – war mit allen Begleitumständen so etwas wie die Geburtsstunde eines neuen Hypes, eines neuen Eintracht-Gefühls.

Fans von Eintracht Frankfurt in Sevilla
Eintracht-Fans in der Innenstadt von Sevilla. © Angel Fernandez/AP/dpa

Seit Wochen läuft die Saison nur noch auf ein einziges Spiel zu, nämlich das Jahrhundertspiel. Es ist das allerletzte in dieser langen Runde mit fast 50 Partien, ein fast schon episches Duell, auf das die ganze Region hinfiebert: das Europa-League-Finale an diesem Mittwoch (21.00 Uhr/RTL) in Sevilla gegen die Glasgow Rangers. Hop oder top, alles oder nichts. Tod oder Gladiolen, wie es einst Louis van Gaal als Bayern-Trainer ausdrückte.

Die Frankfurter sind fest entschlossen, den ersten internationalen Titel seit 1980, dem Uefa-Pokal-Sieg im rein deutschen Duell gegen Borussia Mönchengladbach, an den Main zu holen. Die Rangers sind ebenso von sich überzeugt. Für sie ist es ein Spiel von ähnlicher Tragweite und Bedeutung, denn auch die Schotten lechzen nach dem Pokal. Es wäre der erste europäische seit genau 50 Jahren. Beide Vereine sind sich sehr ähnlich, fast schon so etwas wie Brüder im Geiste mit vielen Gemeinsamkeiten und großem Respekt voreinander.

Es ist auch ein Endspiel, mit dem nicht viele rechneten. Da wurde ganz sicher auf Barcelona getippt, vielleicht auch auf Lyon, Dortmund oder Leipzig. Aber Eintracht gegen Rangers? Eher nicht. „Für den Fußball ist es ein schönes Finale“, sagt der Frankfurter Torwart Kevin Trapp und spricht vielen, nicht nur Fußball-Romantikern, aus der Seele. „Es sind zwei Traditionsvereine, die sehr viele Fans mit in die Stadt bringen.“ Rund 130.000 sind es. 80.000 aus Schottland, 50.000 aus Frankfurt.

Das sind noch mal mehr als 2003, als Stadtrivale Celtic Glasgow mit 80.000 Fans nach Andalusien reiste und gegen den FC Porto mit 20.000 Fans im Rücken und Trainer José Mourinho an der Seitenlinie mit 2:3 nach Verlängerung verlor. „Einen Ansturm wie jetzt hat Sevilla noch nie erlebt“, sagt Axel Hellmann.

Eintracht Frankfurt kann Geschichte schreiben

Für die Eintracht steht am Mittwochabend eine ganze Menge auf dem Spiel. Reputation, Renommee, Achtung und Strahlkraft hat sie sich mit zwölf ungeschlagenen Spielen und dem Durchsetzen gegen den FC Barcelona schon verdient – sie kann es nun noch mal potenzieren. Sie kann Geschichte schreiben, diese Mannschaft kann Historisches schaffen, die Spieler können zu Helden werden und ein Band knüpfen, das sie auf ewig verbinden wird.

Die Wahrnehmung der Eintracht ist schon jetzt gestiegen. „Da sind wir in der Top List Europas“, wie Hellmann sagt. Das Besondere ist auch: Solch ein gigantisches Spiel mit dieser Bedeutung und Reichweite wird es für die Eintracht aller Voraussicht nach lange Zeit nicht mehr geben.

Ganz persönliche Erinnerungen an den Weg ins Finale

Zwölf Spiele, sechs Städte – und Eintracht Frankfurt am Ball. Die FR war dabei. Manches ist hängen geblieben jenseits des Ergebnisses. Erinnerungen, Begegnungen am Wegesrand.

Ein Triumph gegen Glasgow würde überdies zum ersten Mal die Champions-League-Teilnahme bringen, denn der Sieger der Europa League qualifiziert sich automatisch für die Teilnahme an der Champions League. Mit 20 bis 25 Millionen Euro zusätzlich könnte die Eintracht dann auf jeden Fall planen. In Zeiten, in denen Corona die Welt und auch die Vereine malträtierte, sind das keine Peanuts. Die Eintracht wäre als Gruppenkopf gesetzt, bekäme womöglich sogar machbare Gegner zugelost. Der Europa-League-Sieg wäre ein Booster, ein Wachstumsbeschleuniger.

Andererseits, und auch das gehört dazu, hat die Eintracht etwas zu verlieren. Eine Niederlage in einem Endspiel ist ungeheuer schmerzhaft, weil es eben keine zweite Chance gibt. Kein Rückspiel, keine Neuauflage, aus, vorbei. Die Mannschaft, der Verein, die Fans – alle würden, und das ist nur allzu logisch, erst einmal in ein tiefes Loch fallen. Ein Schmerz würde entstehen, der erst einmal nachlassen muss. So ist das im Sport, es kann halt nur einen geben. „Silber ist zwar doof“, sagt Hellmann. „Es gäbe viele Tränen und lange Gesichter. Aber wir könnten dennoch eine überragende Europa-League-Saison feiern. Das ist eine hervorragende Leistung.“

Der Verein steht am Mittwoch an der Weggabelung, denn das Spiel hat eine historische Dimension. Diese ist in etwa vergleichbar mit der Partie in Rostock 1992, dem Trauma, das den späteren Abstieg einleitete. Damals, fast auf den Tag genau vor 30 Jahren, wäre der Verein ebenfalls in die neu eingeführte Königsklasse gekommen. Die Eintracht aber scheiterte krachend beim Absteiger, wurde nur Dritter. Rostock ist die Mutter aller Niederlagen, der ultimative Niederschlag. Die Eintracht hatte den Anschluss verpasst und jahrzehntelang nicht mehr gefunden.

Wie die Eintracht einst Glasgow das Fürchten lehrte

Das würde heute natürlich nicht mehr passieren, dafür ist der Klub viel zu groß und stark und gewachsen. Er hat mehr als 100 000 Mitglieder, ist trotz der Corona-Probleme und einem Verlust von 70 Millionen Euro kerngesund, hat eine große innere Stabilität. Die Eintracht ist fit für die Zukunft, sie strebt mit all ihrer Kraft nach oben. Ein Finalsieg wäre das i-Tüpfelchen.

Und sie hat in ihrer jüngeren Vergangenheit auch aus Niederlagen Stärke gezogen. Wie im verlorenen DFB-Pokal-Finale 2017 gegen Dortmund. Seinerzeit trieb den Verein diese Sehnsucht an, es alsbald besser zu machen. „Wir kommen wieder, um zu vollenden“, kündigte Axel Hellmann noch in der Nacht der Niederlage an. Erst mit dem glorreichen Sieg in Berlin gegen den FC Bayern ein Jahr später war diese Gier befriedigt und der Kreis geschlossen. Nun also Sevilla, der Sehnsuchtsort. Hier wird die Reise enden, so oder so. Tod oder Gladiolen. (Ingo Durstewitz)

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