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Frust nach der dritten Saisonpleite: Jonathan de Guzman, Ante Rebic und Luka Jovic (von links).

Eintracht Frankfurt

Eintracht gefangen im Nirgendwo

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Die Frankfurter Eintracht hat viele Baustellen zu beackern, die sie recht bald schließen muss.

Die ganze Frankfurter Malaise nach nur fünf Spieltagen und dem Abrutschen in die unangenehmen Gefilden der Tabelle hat der Trainer Adi Hütter im Nachgang der 1:3-Niederlage bei Borussia Mönchengladbach fein säuberlich in zwei Sätzen verpackt: „Wir schießen zu wenig Tore. Wir kriegen hinten zu leicht Tore.“ Sehr viel treffender kann man es nicht ausdrücken.

Und deshalb geht im Frankfurter Stadtwald schon ein wenig die Angst um, relativ früh in der Saison ins Hintertreffen zu geraten. Das nächste Heimspiel, bereits am Sonntag (15.30 Uhr) gegen die noch schwächer gestarteten Hannoveraner, gewinnt da mal wieder wegweisenden Charakter. Ein Heimsieg, er wäre der erste in dieser Runde, wäre dringend geboten, um erste Sorgenfalten verschwinden zu lassen. „Ich bin keiner, der den Kopf in den Sand steckt, aber am Sonntag steht ein sehr, sehr wichtiges Heimspiel an“, formulierte der Fußballlehrer.

Auch vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass die Verantwortlichen, also Hütter und Sportdirektor Bruno Hübner, nach den 90 Minuten im Borussia-Park eher auf Schadensbegrenzung bedacht waren und die Partie ein wenig zu sehr in rosaroten Farben malten.

Eintracht hatte Möglichkeiten

Unisono sprachen beide von „einer unnötigen Niederlage“ und davon, dass „wir eigentlich ein ganz gutes Auswärtsspiel gemacht haben“ (Hübner). Allein die mangelhafte Verwertung der „hochkarätigen“ Tormöglichkeiten müsse man sich ankreiden lassen, „wir haben uns nicht belohnt“, befand der Sportdirektor, „wir lassen zu viele Punkte liegen“. Auf diese gemeinsame Sprachregelung hatten sich die beiden Funktionäre am Mittwochabend offenbar verständigt.

In der Tat hatte die Eintracht Möglichkeiten, tatsächlich hochkarätige, doch David Abraham (zum 1:1), Sebastien Haller (zum 2:2) und Luka Jovic (zum 2:3) trafen jeweils nicht einmal das Tor. Mit etwas mehr „Spielglück“ (Hübner) wäre ein anderes Ergebnis möglich gewesen, keine Frage.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es sehr lange allein Kevin Trapp im Tor zu verdanken war, dass die Hessen nicht schon vorher heillos in Rückstand geraten waren. Und zu den Fakten gehört zudem, dass die Eintracht bisher bei der Verwertung der Möglichkeiten sogar das viertbeste Team stellt - allerdings kreiert die Elf aus dem Stadtwald viel zu wenige Chancen.

In fünf Bundesligapartie boten sich ganze 19 Gelegenheiten, nur der VfB Stuttgart kam noch seltener zu Torabschlüssen, deren 15. Zum Vergleich: Die beiden Aufsteiger Düsseldorf und Nürnberg (trotz einer jüngsten 0:7-Klatsche gegen Dortmund) kamen auf je 25 Möglichkeiten, der SC Freiburg auf 33, Bayern München auf 42.

Im Grunde hakt es bei Eintracht Frankfurt an vier Stellen: Da ist zum einen der eklatante Mangel an spielerischer Qualität im offensiven Mittelfeld. Es fehlt einer mit Ideen, einer, der Impulse setzt. „Fußballerisch haben wir nicht gut gespielt“, räumte selbst Hütter ein. Ein gepflegter Spielaufbau ist kaum zu erkennen, der „letzte Pass kommt nicht“ (Gelson Fernandes) oder viel zu ungenau. Mijat Gacinovic ist, bei allem Bemühen, überfordert mit der Position des Gestalters, er wirkt nach wie vor ein wenig zu juvenil in seinen Bemühungen. 

Auch Jonathan de Guzman schafft es nicht, Akzente zu setzen, Marco Fabian ist nach den Unruhen der letzten Wochen wegen seines geplatzten Wechsels und der Verbannung in die Trainingsgruppe zwei nicht in Form. Andere Fußballer hat die Eintracht in diesem Sektor nicht. Marc Stendera vielleicht, aber der bleibt quasi aussortiert. Und: Fernandes, de Guzman, Gacinovic spielten in der vergangenen Runde nur untergeordnete Rollen; jetzt sollen sie das Spiel prägen. 

In diesem sensiblen Bereich sich personell nicht besser aufgestellt zu haben, wird der Eintracht möglicherweise noch auf die Füße fallen. Dieses Defizit war vorauszusehen. Die Krux überdies: Abhilfe ist nicht in Sicht, keiner der verletzten Spieler kommt so schnell zurück oder wäre auf dieser Positionen eine Hilfe. 

Unter Niko Kovac wollte keiner gerne gegen Eintracht spielen

Nun deutet sich tatsächlich an, dass es eine zähe, ungemütliche, sorgenvolle Saison geben könnte - trotz (oder wegen) der Highlights auf europäischer Bühne. Aus dem spielerischen Mangel folgt: Die eigentlich bestens besetze Angriffsreihe mit Filip Kostic, Haller und/oder Luka Jovic sowie Ante Rebic, der in Gladbach gleich sein erstes Tor markierte, hängt in der Luft, wird überhaupt nicht ihren Fähigkeiten entsprechend eingesetzt. Das Angriffspotenzial wird nicht abgerufen, liegt förmlich brach.

Zweitens ist die zwei Jahre lang relativ stabile Hintermannschaft löchrig geworden. Lediglich Aufsteiger 1. FC Nürnberg hat bislang mehr Gegentore (10) gefangen als Eintracht Frankfurt (9). Es ist mittlerweile wieder einfacher geworden, gegen die Hessen zum Torerfolg zu kommen.

Unter Niko Kovac war ein Merkmal dieser Mannschaft eine stilprägende Aggressivität, Galligkeit, keiner wollte gerne gegen die Eintracht spielen. Zum gleichen Zeitpunkt in der vergangenen Runde hatten die Hessen lediglich drei Gegentore nach fünf Partie erhalten, sechs weniger als heute. „Wir kriegen zu leicht die Gegentore“, krittelte Linksverteidiger Jetro Willems. Zuletzt schien die Eintracht wieder nickliger zu spielen. Doch die Partie in Gladbach sei „ein Schritt zurück“ (Willems) gewesen. Am Niederrhein gab es nicht eine einzige Gelbe Karte. 

Dazu gesellt sich, drittens, die Schwäche bei Standards. Im Borussia-Park kassierte die Eintracht ihr fünftes Gegentor nach einem ruhenden Ball, dazu vereitelte Torwart Trapp noch zwei Borussen-Chancen nach Eckbällen. Andererseits sind Standards der Eintracht kläglich harmlos: Die Ecken sind ein einziges Ärgernis, Freistöße beschwören so gut wie nie Gefahr beim Gegner herauf, sie verpuffen im Nirgendwo.

Das Spiel der Eintracht in Gladbach in der "Rasenfunk"-Analyse

Schließlich, viertens: Für was steht die Mannschaft eigentlich? Wo ist die gemeinsame Spielidee? Attackiert die Mannschaft früh, steht sie hoch und praktiziert ein Pressing? Oder will sie lieber abwarten, um aus Kontersituationen Nutzen zu ziehen? So genau ist das nicht zu erkennen. Hütter versucht, dem Team ein Mix aus beiden Varianten auf den Leib zu schneidern. Bislang hat das nicht so gut geklappt, die Eintracht ist nicht Fisch, nicht Fleisch, irgendwie gefangen im Nirgendwo. Sie ist auf der Suche nach der rechten Balance. Sie sollte sie relativ bald finden. Ungemütlich genug ist es schon. 

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