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Goncalo Paciencia, Torjäger.

Eintracht Frankfurt

Goncalo Paciencia: „Ich fühle mich schon als Frankfurter“

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SGE-Stürmer Goncalo Paciencia über seine früheren und heutigen Konkurrenten, seinen berühmten Vater und wie ein Überfall alles auf den Kopf gestellt hat.

Herr Paciencia, jetzt mal Hand aufs Herz: Sind Sie eigentlich erleichtert, dass die Topstürmer Luka Jovic und Sebastien Haller nicht mehr in Frankfurt sind und andere Angebote angenommen haben?
Nein, bin ich nicht, aber ich weiß natürlich, was Sie meinen (lacht). Die Medaille hat zwei Seiten: Klar, auf der einen Seite ist es gut für mich, weil es zwei großartige Stürmer sind, die immer gespielt und immer getroffen haben. Für mich war es dadurch etwas schwieriger. Andererseits muss man klar feststellen, dass die Mannschaft durch ihren Weggang Qualität verloren hat. Aber so ist das heutzutage im Fußball: Spieler gehen, Spieler kommen. Das ist normal. Jetzt kämpfe ich mit Ante (Rebic; Anm. d. Red.), Jo (Dejan Joveljic; Anm. d. Red.) und Bas (Neuzugang Dost; Anm. d. Red.) um die Plätze. Das ist gut so. Konkurrenzkampf macht ein Team nur stärker. Und wir haben eine gute Mannschaft, das hat man am Donnerstag beim 3:0 gegen Straßburg gesehen, das war eine fantastische Leistung von uns – und den Fans. Es war ein unbeschreiblicher Abend. Dafür lebt man als Fußballer.

Sie haben Bas Dost angesprochen: Was halten Sie von ihm?
Er ist ein fantastischer Stürmer, ich kenne ihn aus Portugal, habe einige Male gegen ihn gespielt. Er ist gut für die Mannschaft, seine Verpflichtung hebt die Qualität des Teams an. Und noch mal: Auch für mich ist das gut, auf diesem Level, auf dem wir uns bewegen, brauchst du den Wettkampf, den Konkurrenzdruck, um die bestmögliche Leistung abzurufen. Das pusht einen zusätzliche an die Leistungsgrenze.

Haben Sie ihn auch im Fernsehen verfolgt?
Ja, ich schaue mir die portugiesische Liga immer an. Sporting ist ein großes Team in Portugal.

Aber bei Sporting geht es ja auch mal hoch her, es ist nicht so lange her, da hat der Präsident mal das ganze Team rausgeworfen.
Da haben Sie recht. Der Verein ist verrückt, das sind keine guten Bedingungen, um professionell zu arbeiten, da regiert oft das Chaos. Von daher ist es für Bas gut, dass er jetzt bei uns ist. Er wird uns helfen.

Noch mal zurück zu Luka Jovic und Sebastien Haller. Haben Sie etwas mitnehmen, etwas lernen können?
Natürlich. Im Fußball kann man jeden Tag lernen. Wenn du denkst, du weißt und kannst alles, bist du auf dem Holzweg. Ich habe viel von ihnen gelernt, aber sie von mir ebenso (lacht).

War es dennoch schwierig für Sie, dass Sie draußen auf der Bank saßen und die beiden Tore am Fließband geschossen haben?
Ich bin ein Stürmer, ich möchte Tore schießen und immer spielen. Das war für mich daher nicht leicht. Aber meine Verletzung (Paciencia zog sich Mitte September 2018 einen Außenbandriss im Knie zu und fiel monatelang aus; Anm. d. Red.) hat mir ein bisschen geholfen.

Inwiefern?
Na ja, ich habe mir dann einfach gesagt, ich spiele zwar nicht, aber nicht, weil sie so gut sind, sondern weil ich verletzt war. Das hat mir geholfen (lacht). Aber ernsthaft: Als ich wieder vollständig hergestellt war, da ging es für mich erst einmal darum, mich an den deutschen Fußball anzupassen, denn das konnte ich aufgrund meiner Verletzung zu Beginn der Saison noch nicht. Und dann war mir klar, dass ich um meinen Platz kämpfen muss. Und ich denke, ich habe es auch ganz gut gemacht, wenn ich eingewechselt wurde. Ich habe da auch eine andere Einstellung, ich suche die Schuld nicht bei anderen. Wenn ich spiele, dann sage ich mir: ,Okay, ich spiele, weil ich es mir durch meine Arbeit im Training verdient habe.‘ Wenn ich nicht spiele, sage ich mir: ,Okay, du musst noch härter arbeiten.‘ Ich bin kein Spieler, der Ausreden sucht. Das ist nicht mein Weg.

Das Spiel gegen Hoffenheim in der vergangenen Saison, als Sie reinkamen und das Siegtor zum 3:2 in der Nachspielzeit machten. Das muss in Ihnen ja eine ganze Menge Emotionen freigesetzt haben.
Es war einfach nur fantastisch, völlig verrückt, unvergesslich, ich werde mich mein ganzes Leben daran erinnern. Wir lagen zurück, keiner dachte, dass wir noch zurückkommen würden. Und dann passierte das. Ich habe damit nicht gerechnet, war nach meiner Verletzung erst eine Woche vorher in den Kader zurückgekehrt. Ich war vorher die ganze Zeit verletzt, saß nur auf der Bank. Aber ich denke, das war die Belohnung für meine harte Arbeit, die ich zuvor investiert hatte. Wenn du hart arbeitest und nicht nachlässt, dann wirst du belohnt – egal, ob nach einer Woche, einem Monat oder einem Jahr. Aber irgendwann wirst du belohnt. So läuft das bei mir im Leben: Wenn ich nicht hart arbeite und nicht alles gebe, dann passieren mir auch schlechte Sachen. Umgekehrt gilt das genauso. Ich kenne jetzt den richtigen Weg (lacht).

Sie erwähnten vorhin, Sie mussten sich erst an die Bundesliga gewöhnen. Was meinen Sie?
In Portugal haben wir drei Topteams, Porto, Benfica und Sporting, aber die übrigen Mannschaften fallen ab. Das heißt, dass die Konkurrenz nicht so hoch ist und man nicht jede Woche auf höchstem Level gefordert wird. Hier ist die Intensität sehr viel höher, auch das Training ist viel härter, alles ist schneller. Und dann kommt noch dazu, dass man sich ja auf ein neues Land, eine neue Sprache und neue Menschen einlassen muss. Das ist nicht so einfach am Anfang. Für mich war es ja noch mal schwieriger, weil ich gleich verletzt war und nicht bei der Mannschaft sein konnte.

Und jetzt, fühlen Sie sich mittlerweile wohl in Frankfurt?
Ich bin hier total angekommen und integriert, jeder weiß, was er von mir erwarten kann, und ich weiß, was die Leute erwarten. Ich fühle mich wohl, und das ist wichtig. Wenn man glücklich ist, geht vieles von alleine.

Wie ist das Leben in Deutschland für Sie, vermissen Sie Ihre Heimat sehr?
Es ist alles super hier, aber es gibt halt einen große Unterschied: Ich kann das Meer nicht sehen. Ich vermisse es, an den Strand zu gehen und mir den Sonnenuntergang anzusehen. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, dass mir das mal fehlen würde, weil es normal war. Aber noch mal: Ich mag es, hier zu sein. Deutschland ist ein tolles Land, Frankfurt ist eine schöne Stadt, ich mag die Menschen. Ich fühle mich schon als Frankfurter. Aber ich sehe halt nicht das Meer, nur den Fluss (lacht).

Wie sieht es mit Ihrem Deutsch aus?
Ich spreche ein bisschen, aber ich verstehe fast alles. Ich habe zweimal die Woche Unterricht. Alles, was mit Fußball zu tun hat, verstehe ich, den Trainer ebenfalls.

Was ist das Geheimnis Ihrer Kopfballstärke?
Ich habe viel von Pepijn Lijnders gelernt, er ist jetzt Co-Trainer von Jürgen Klopp in Liverpool. Damals, in Porto, gab es spezielles Training für uns Stürmer, da ging es um Kopfballspiel, die Technik, den Torabschluss. Davon habe ich profitiert.

Sie sind der Sohn eines sehr berühmten Fußballers in Portugal, Ihr Vater Domingos ist eine Legende in Porto. Ist das für Sie eher Segen oder Fluch?
In Portugal ist es schwierig, weil mich alle mit meinem Vater vergleichen. In Deutschland spielt das keine Rolle, weil ihn hier niemand kennt. Aber natürlich bin ich bin sehr stolz auf meinen Vater, er hat viele Tore für Porto und auch für die Nationalmannschaft geschossen. Er ist auch ein guter Trainer, und ich habe sehr viel von ihm gelernt.

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Stürmerblut fließt demnach in Ihren Adern.
Ja. Auch wenn er ein anderer Spielertyp war als ich, eher schnell und auf dem Flügel unterwegs. Aber wir sind eine Fußballerfamilie, auch mein Bruder, er ist jetzt 19, schlägt die Profikarriere ein, er spielt in der zweiten Mannschaft von Benfica Lissabon. Fußball liegt bei uns im Blut.

Wir haben nachgelesen, dass Sie vor einiger Zeit, als Sie noch jung waren, in Ihrem Elternhaus in Portugal überfallen worden sind. Sie sagten mal, danach habe sich Ihr Blickwinkel aufs Leben verstellt. Erzählen Sie mal.
Ich war 14 Jahre alt, sie kamen bewaffnet in unser Haus, hatten uns vorher ausspioniert, sie hielten mir eine Pistole an die Schläfe. Sie dachten, Sie könnten bei uns groß abkassieren, weil mein Vater ein berühmter Fußballer war. Aber sie haben nicht viel mitnehmen können, elektronische Geräte und ein bisschen Geld.

Das muss für Sie ja schrecklich gewesen sein.
Man fühlt sich danach anders, ja. Für mich haben sich viele Dinge verändert. Auch die Art und Weise, wie man zum Beispiel auf den Fußball schaut. Mein Blick aufs Leben hat sich verändert, aber das ist normal, wenn dir jemand eine Pistole an den Kopf hält. Aber okay, die Typen sind im Gefängnis, ich habe damit abgeschlossen.

Sie sind dennoch ein sehr aufgeschlossener, lustiger Typ, haben keine Berührungsängste.
Definitiv. Ich bin ein verrückter Typ (lacht). Nein, ernsthaft: Ich bin ein glücklicher Mann und, glaube ich zumindest, ein lustiger Typ. Das hängt vielleicht wirklich mit dieser Geschichte von damals zusammen. Ich versuche, das Leben zu genießen und aus allem das Beste zu machen. Ich mag es, lustig zu sein und die Menschen zu unterhalten. Ich mag die Menschen, und ich hoffe, die Menschen mögen mich auch.

Interview: Ingo Durstewitz

Fußball im Blut

Concalo Paciencia, 25, stammt aus einer Fußballerfamilie. Sein Vater Domingos ist in Portugal eine Legende, gewann mit dem FC Porto sieben Meisterschaften und erzielte mehr als 100 Tore. Bruder Vasco geht für die zweite Mannschaft von Benfica Lissabon auf Torejagd. „Fußball liegt uns im Blut“, sagt der Eintracht-Stürmer, der im Gespräch häufig lacht, freundlich und zuvorkommend ist, keiner Frage ausweicht. Der Kopfballspezialist ist ein kluger Kopf, macht sich viele Gedanken über das Leben, liest auch gerne mal ein Buch.

Der Angreifer, vor der letzten Spielzeit für drei Millionen Euro aus Porto gekommen, will nun den Durchbruch schaffen, nachdem er in der vergangenen Saison im Schatten der Topstürmer Luka Jovic und Sebastien Haller stand. Bisher lässt es sich ganz gut an, er kommt bisher auf vier Pflichtspieltore und eine Vorlage. Auch in der vergangenen Runde hat er schon seine Tore gemacht, wichtige gar, etwa das 3:2 in der Nachspielzeit gegen Hoffenheim oder das 2:4 in Lissabon, das überhaupt erst das Tor zum Halbfinale öffnete. Leistung zahlt sich aus: Paciencia ist am Freitag zum zweiten Mal in das portugiesische Nationalteam berufen worden.

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