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Ausgleich in letzter Sekunde: Timothy Chandler trifft in der Nachspielzeit zum 1:1 in Düsseldorf. 

Düsseldorf

Eintracht Frankfurt ohne Mut, aber mit Happy End

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  • Thomas Kilchenstein
    Thomas Kilchenstein
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Eintracht Frankfurt legt eine ungewohnte fußballerischer Armut an den Tag und holt trotzdem einen unverdienten Punkt aus Düsseldorf.

  • Eintracht Frankfurt holt schmeichelhaften Punkt in Düsseldorf
  • Abwehrspieler Timothy Chandler trifft
  • Bruno Hübner mit der Leistung nicht zufrieden

Der beste Torschütze von Eintracht Frankfurt in diesem Jahr hatte es hinterher eilig gehabt. Schnell noch ein paar Sätze fürs Fernsehen herausgepresst, nicht er sei „das Glückskind, wir sind alle Glückskinder, denn das war heute gar nix“, dann ist der Frankfurter Bub schnurstracks dorthin geeilt, wo auch der Kaiser zu Fuß hingeht. Timothy Chandler war zur Dopingkontrolle ausgelost worden, ausgerechnet Timothy Chandler, der Schütze des Ausgleichtores beim höchst schmeichelhaften 1:1 (0:0) bei Fortuna Düsseldorf in allerletzter Sekunde. Chandler, der als Rechtsaußen begann, dann rechts hinten verteidigte, eher er die letzten Minuten linker Verteidiger spielte, sorgte per Kopf praktisch mit dem Schlusspfiff für ein nicht mehr für möglich gehaltenes und letztlich unverdientes Erfolgserlebnis. Es war im dritten Rückrundenspiel bereits sein zweiter Treffer, mehr Tore sind keinem Frankfurter im Jahr 2020 gelungen. Dazu hatte der 29 Jahre alte Defensive am häufigsten aufs Düsseldorfer Tor geschossen, viermal.

Eintracht Frankfurt mit nur einer guten Offensiv-Aktion

Hinterher gab es auch bei der Frankfurter Entourage keine zwei Meinungen: „Das Beste am Spiel war das Ergebnis“, fasste etwa Sportdirektor Bruno Hübner die mehr als zähen, aus Frankfurter Sicht extrem einfallslosen, uninspirierten 90 Minuten zusammen. „Das kann kein Auftritt sein, mit dem wir zufrieden sind“, fügte Hübner noch an. „Heute war vieles nicht gut“, sagte Trainer Adi Hütter ehrlich, „das war ein absolut glücklicher Punkt“. Nie habe man es geschafft, „auf unser Niveau zu kommen.“ Man müsste „den Mantel des Schweigens über unsere Leistung hüllen“, fand der Coach, den Punkt habe man sich nicht verdient. Im Grunde reichte den Hessen diese eine gute offensive Aktion ganz zum Schluss für das Remis, als Filip Kostic aus dem Halbfeld einen Freistoß in den Strafraum löffelte, der matte André Silva die Kugel in die Mitte passte und Chandler per Kopf verwandelte.

Einen Augenblick hatten die Hessen noch bangen müssen, der Linienrichter hatte wegen einer vermeintlichen Abseitsstellung die Fahne gehoben, der Videoassistent korrigierte ihn. „Ein Stich ins Herz“ sei der späte Ausgleich, sagte Düsseldorfs Sportvorstand Lutz Pfannenstiel.

Bruno Hübner: Das Spiel wird nicht schöngeredet 

Natürlich nahmen die Frankfurter diesen einen Punkt dankbar mit. Sie machten aber nicht den Fehler, diese matte Partie „schönzureden“, wie Sportdirektor Hübner sagte. Teilweise gingen die Frankfurter sehr hart mit sich ins Gericht. Torwart Kevin Trapp sagte, man habe „fast glauben können, dass wir Tabellenletzter sind“ und eben nicht Düsseldorf. Alles, was die Mannschaft in den letzten beiden Wochen so gut gemacht habe, „haben wir heute nicht gemacht“. Die Mängelliste war lang: mangelnde Kompaktheit, fehlende taktische Disziplin, spielerische Armut, zu viele leichte Ballverluste, kein Kombinationsspiel, und nach vorne „hatten wir gar keine Durchschlagskraft“, sagte Sebastian Rode. Selbst nach dem nicht gegebenen Tor für die braven Düsseldorfer durch den einen Hauch im Abseits stehenden Opoku Ampomah (51.) sei die Mannschaft nicht aufgewacht. „Es ging genauso weiter“, befand Trapp, den beim (von Danny da Costa) abgefälschten Freistoßtor des Ex-Eintrachtlers Kaan Ayhan (78.) keine Schuld traf.

Eintracht Frankfurt völlig ohne Selbstvertrauen

Was vor allem überraschte: Die Eintracht ließ trotz eines gelungenen Rückrundenauftakts mit sechs Punkten aus zwei Spielen jegliches Selbstvertrauen vermissen, nichts war zu sehen von einer breiten Brust, Bruno Hübner attestierte der Mannschaft zudem, „ängstlich“ agiert zu haben, gar „schläfrig“. Warum nur?

Kaum einer hatte sich etwas zugetraut, es ging fast nur im Rückwärtsgang, viel zu oft wurde zurück gespielt, Torwart Trapp hatte fast so viele Ballkontakte (50) wie Mittelfeldspieler Djibril Sow (52) und mehr als Chandler (42) oder Danny da Costa (39), auch das sagt eine ganze Menge über das verschütt gegangene Offensivspiel der Eintracht (siehe auch Seiten S2 und S3). Gerade zu Beginn der Partie hatten die - wenigen - Offensivspieler der Hessen genügend Raum, um das Spiel nach vorne zu gestalten. Doch diese Möglichkeiten ließen die Gäste, die auf die leicht angeschlagenen Almamy Touré und Mijat Gacinovic verzichten mussten, ungenutzt verstreichen, stattdessen verhalfen sie mit unzähligen leichten Ballverlusten der Fortuna zu erheblichen Feldvorteilen. „Die Düsseldorfer haben uns auseinandergezogen“, stellte Neuzugang Stefan Ilsanker fest, der überraschenderweise und ohne einmal mit dem Team trainiert zu haben, zur zweiten Halbzeit für den enttäuschenden Daichi Kamada ins Spiel kam. Ilsanker habe in diesen 45 Minuten gezeigt, „dass er uns verstärken kann“, sagte Hübner. Für das praktisch nicht vorhandene Angriffsspiel fühlte auch er sich freilich nicht zuständig. Und am Dienstag im Pokal gegen Ex-Klub Leipzig darf er ohnehin nicht mittun. Das hatte sich RB explizit zusichern lassen.

Eintracht Frankfurt: Die Punkteausbeute stimmt

Und doch suchte und fand Adi Hütter positive Aspekte: Sieben Punkte aus den ersten drei Spielen in der Rückrunde sind nicht so schlecht, darunter gegen die Hoffenheim und Leipzig, Hochkaräter der Liga, zumal die Eintracht zweimal in der Fremde antreten musste, dort, wo sie in der Hinserie schwächelte. Die kleine Krise, in die die Hessen ausgangs der Hinserie geschliddert waren, ist fürs Erste behoben – zumindest von der Punktausbeute her.

Nun beginnt wieder ein Spielemarathon, mit sieben Partien bis zum 1. März. Morgen (18.30 Uhr) kommt RB Leipzig zum DFB-Pokal-Achtelfinale in den Stadtwald, ein Team, das die Eintracht in der Liga noch mit 2;0 und einer ähnlich zurückhaltenden Taktik geschlagen hatte. Der Tabellenzweite dürfte auf Revanche sinnen. Und die Eintracht wird ernste Probleme bekommen, wenn sie ähnlich matt in die Partie geht wie am Rhein.

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