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Ob es für die Eintracht auch gegen Inter Mailand Grund zum Jubeln geben wird?

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    Ingo Durstewitz
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Nach dem Coup gegen Donezk steht die nächste Hürde in der Europa League bei Inter Mailand an - zuvor muss Eintracht Frankfurt in Hannover ran.

Als das große Los dann gezogen war, hat das in der Kabine bei den Eintracht-Profis „keine großartigen Stimmungsschwankungen“ ausgelöst, erzählte der Frankfurter Trainer Adi Hütter hinterher. Sie hätten es zur Kenntnis genommen in dem Wissen, dass es schlimmer hätte kommen können, Krasnodar etwa oder auch St. Petersburg, zumindest, was die Reisestrapazen angeht. Hütter selbst war angesichts des kommenden Gegners in der Europa League, dem FC Internazionale Mailand, deutlich emotionaler unterwegs: „Ein tolles Los“, sagte er über „die absolute Top-Mannschaft“, aktuell Tabellendritter in Italien, gespickt mit allerhand prominenten Akteuren, dazu eine Begegnung im „altehrwürdigen San-Siro-Stadion“ mit 80.000 Zuschauern.

Am 7. März (18.55 Uhr) empfängt der Bundesligist den 18-maligen italienischen Meister zunächst zum Hinspiel, eine Woche später geht es dann in das „super Stadion“ eines „super Vereins“ mit einem „tollen Trainer“, wie Hütter über Mailand urteilte. Die Wertschätzung war dem Österreicher durchaus anzumerken, aber Angst vor dem Kräftemessen mit den starbesetzten Italienern? Nein, für Angst fand der 49 Jahre alte Fußballlehrer keinen Platz. Im Gegenteil: „Wir freuen uns auf diese tolle Paarung.“

Manches spricht dafür, dass Eintracht Frankfurt mindestens die Leistung vom Donnerstagabend wiederholen muss, um eine realistische Chance aufs Weiterkommen zu haben. Dass die Hessen zunächst Heimrecht haben, ist sicher nicht optimal: „Es geht darum, eine gute Ausgangsposition zu schaffen, vorzulegen und nach Möglichkeit zu null zu spielen“, sagt Hütter. Unglücklich aus Frankfurter Sicht ist hingegen die Bundesligaansetzung: Zwischen beiden Europa-League-Spielen hat die DFL für die Eintracht am 11. März ein Montagsspiel bei Fortuna Düsseldorf parat. Montagabend in Düsseldorf, Donnerstagabend in Mailand - „eventuell“ will sich die Eintracht um eine Verschiebung des Ligaspiels bemühen.

Auch am Tag nach „dem unvergesslichen Abend“ (Hütter) waren die Eruptionen weiter spürbar. Noch immer standen die Protagonisten ganz im Banne dieses außergewöhnlichen Spiels gegen eine Mannschaft von Schachtjor Donezk, die in den letzten zehn Jahren acht Mal in der Champions League spielte, oft genug auch die K.-o.-Phase erreicht hatte. „Und gegen solch eine Mannschaft mit so viel Qualität konnten wir mithalten. Wir können solche Gegner auch schlagen“, staunte der Frankfurter Rechtsverteidiger Danny da Costa, der mit einer sehr starken Vorstellung und der Vorarbeit zum 1:0 einen großen Anteil am durchaus überraschend klaren 4:1-Erfolg hatte.

Aber Trainer Hütter wollte nach dieser schier unglaublichen Willensleistung keinen aus dem Team besonders herausheben, nicht die drei Torschützen im Sturm, Sebastien Haller, Luka Jovic und Ante Rebic, die alle vier Treffer markiert hatten, nicht die beiden Außenbahnspieler da Costa und Filip Kostic, die enormen Druck über die Flügel entwickelt hatten, auch nicht die Abwehrmänner Martin Hinteregger auf ungewohnter Position, David Abraham nach langer Pause oder den jungen Evan Ndicka, dem Hütter eine ungemein abgezockte Vorstellung attestierte und eine Entwicklung, die er als „phänomenal“ bezeichnete. „Es war eine famose geschlossenen Mannschaftsleistung“, sagte Hütter, der internationale Auftritt seines Teams erfülle ihn „mit Stolz“.

Das Erreichen des Achtelfinales kommt in der Tat einem Quantensprung gleich. Zuletzt spielte 1995 eine Eintracht-Elf so lange im Europacup mit, sie kam gar bis ins Viertelfinale, dann war gegen Juventus Turin Endstation. Das ist fast ein Vierteljahrhundert her. Die Bedeutung, in 2019 in der Runde der letzten 16 Mannschaften zu stehen, ist mittlerweile um ein Vielfaches höher. „Der Stellenwertung für den Verein ist enorm“, sagt Vorstand Axel Hellmann.

Vor allem, weil Eintracht Frankfurt höchstwahrscheinlich, neben Bayern München, das auch erst noch gegen den FC Liverpool bestehen muss, die einzige verbliebene deutsche Mannschaft in einem internationalen Wettbewerb ist. „Wir werden den deutschen Fußball in der nächsten Runde repräsentieren“, stellte Hellmann stolz fest. „Das ist eine große Ehre für den Verein, aber wir sind in dieser Rolle auch aller Ehren wert.“ Und ein geheimer Traum ist in Erfüllung gegangen: Vor zehn, zwölf Jahren habe man beisammen gesessen und habe ein wenig philosophiert, erzählte Hellmann: „Einmal in einem Pflichtspiel gegen den FC Chelsea zu spielen, das wäre es doch“, habe man sich seinerzeit zugeraunt. Nun ist es zwar nicht der Londoner Klub geworden, aber Inter Mailand zählt auch nicht gerade zur Laufkundschaft. „Wir sind im Kreis der klangvollen Namen dabei“, sagte Hellmann.

Und das Achtelfinale bringt, neben internationaler Aufmerksamkeit, Respekt der Branche und einem nie dagewesenen Stimmungshoch auch bare Münze. Bislang hat der Klub allein an Siegprämien der Uefa 9,15 Millionen Euro eingenommen, der Ritt durch Europa hat dem Klub laut Hellmann etwa zwölf Millionen Euro brutto eingebracht. Durch das Ausscheiden von Bayer Leverkusen als weiterem deutschen Vertreter erhöht sich der finanzielle Anteil dessen, was zusätzlich aus dem Marketing-Pool ausgeschüttet wird. Das ist ein nicht unerheblicher Batzen. Sollten die Frankfurter das Viertelfinale erreichen, fließen weitere 1,5 Millionen Euro an Siegprämien.

Die ganz große Kunst wird es sein, den Spagat zu schaffen zum Ligaalltag. Und der sieht Schwarzbrot vor, am Sonntag muss die Eintracht zum Tabellenvorletzten Hannover 96: Eben noch mitten drin im gleißenden Rampenlicht, dann schon Abstiegskampf pur. Es wird nicht leicht sein, den Hebel umzulegen. „Wir müssen das Spiel im Kopf annehmen“, sagt Hütter, es werde auf die richtige Einstellung ankommen, Hannover 96 „steht mit dem Rücken zur Wand“: Im Vorbeigehen gewinne keiner in der Liga ein Spiel. Hütter wird wohl dem einen oder anderen Spieler eine schöpferische Pause geben, Sebastian Rode ist ein Kandidat, aber an der grundsätzlichen Ausrichtung will Hütter nicht rütteln. „Wenn wir nicht überholt werden wollen, müssen wir voll punkten.“ Die Favoritenrolle, die die Eintracht innehat, werde sie annehmen. Vor allem aber hofft Hütter, der erstmals Neuzugang Almamy Touré mit ins Aufgebot nehmen will, dass die Eintracht den Schwung aus dem internationalen Auftritt mitnehmen kann. Es wäre damit schon viel gewonnen.

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