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Die Eintracht kann Europa: Kevin Trapp im Spiel gegen Porto 2014 im Brennpunkt.

Eintracht Frankfurt

Eintracht Frankfurt im Zwiespalt

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Eintracht Frankfurt fiebert dem internationalen Auftakt entgegen - doch das Geisterspiel in Marseille stört gewaltig.

Für die Familien Haller, Ndicka und Falette hätte das Auswärtsspiel der Frankfurter Eintracht an der Côte d’Azur eigentlich ein Heimspiel werden sollen, die große Gelegenheit für Mama und Papa, die flügge gewordenen Söhne Sebastien, Evan und Simon mal in der französischen Heimat bei ihrer im Spielen zu erledigenden Arbeit zuzusehen. Eine emotionale Geschichte, eine besondere Begebenheit. Doch die Tore des Stade Vélodrome zu Marseille werden an diesem Donnerstag geschlossen bleiben - nicht nur für den gemeinen Fan, sondern auch für die Familienangehörigen der Fußballprofis. Geisterspiel ist Geisterspiel. Blöde Sache.

Für die Eintracht könnte die Rückkehr auf die internationale Bühne nach fast fünfjähriger Abstinenz nicht unglücklicher laufen, wofür der Klub aus dem Herzen von Europa aber nichts kann. Olympique Marseille ist wegen Fanausschreitungen zu einem Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit verdonnert worden, durchzuführen beim ersten Heimspiel der neuen Europa-League-Saison. Das miese Los – durch ein undurchsichtiges Verfahren ermittelt – hat ausgerechnet die Eintracht gezogen, der Verein, der die internationalen Auftritte wie kaum ein anderer in diesem Wettbewerb zelebriert und annimmt.

Ein leeres Stadion

Die Hessen sind, gerade wegen der Begeisterungsfähigkeit und Reiselust ihrer Fans, eines der Aushängeschilder des immer noch tief im Schatten der Königsklasse stehenden Wettbewerbs. Dem Vernehmen nach haben selbst die Uefa-Delegierten die Tatsache, dass ausgerechnet die Eintracht mit einem Geisterspiel bedacht wurde, mit sehr viel Unbehagen und Bedauern aufgenommen.

Das imposante Stadion in Marseille, unter normalen Umständen einem wahren Hexenkessel gleichend und die größte Vereinsarena Frankreichs, wird so gut wie ungefüllt sein, von den 67 394 Plätzen werden rund 67 000 leer stehen, die übrigen sind Offiziellen, den Delegationen, den Medienvertretern und wenigen auserwählten Gästen vorbehalten. Für die Eintracht ist das eine mittelschwere Katastrophe, zumal sie den internationalen Auftritten extrem entgegenfiebert. „Wir verkörpern die Sehnsucht der Region nach Anbindung an die Welt“, sagt Vorstand Axel Hellmann. Und dann das. 15 000, 20 000 Anhänger, glaubt Vorstandskollege Fredi Bobic, hätten die Frankfurter mit in den Süden Frankreichs gebracht. Vielleicht etwas übertrieben, aber eine Schar im fünfstelligen Bereich wäre der Eintracht zuzutrauen gewesen.

Die Menschen lechzen nach Europa, die Blind-Date-Tickets waren für alle drei Heimspiele binnen zwei Wochen so gut wie ausverkauft, obwohl die Gegner noch gar nicht feststanden. „Das hat es in der Geschichte der Uefa noch nie gegeben, das haben mir die Uefa-Beobachter bestätigt“, sagt Hellmann. „Wenn die Eintracht international spielt, muss nur das Licht angehen und die Leute kommen.“ Wenn sie denn dürfen.Auch Sportchef Fredi Bobic ist absolut nicht amüsiert. „So ein Geisterspiel ist grausam“, sagte er bei Sky. „Selbst beim Zugucken im Fernsehen bekommst du Bauchschmerzen. Da bist Du in einem Riesenstadion wie in Marseille und es herrscht null Atmosphäre.“

Bobic sorgt sich auch so ein bisschen um die Spannung der Mannschaft, die ja nun nicht wirklich vor Selbstvertrauen strotzt und noch immer auf der Suche nach ihrer Identität, Form, Ausrichtung und Balance ist. „So ein Spiel kommt einem vor wie ein Trainingskick, obwohl es um Punkte geht“, bekundete Bobic.

Schwere Aufgaben in den nächsten Wochen

Diesen Eindruck bestätigte Mittelfeldspieler Mijat Gacinovic: „Wenn da keine Fans sind, bekommt man gar nicht das Gefühl, dass es ein wichtiges Spiel ist. Das wird bestimmt merkwürdig.“

Der Frankfurter Trainer Adi Hütter muss, rein sportlich betrachtet, eine Mannschaft aufs Feld schicken, die der mit Stars und Sternchen gespickten Mannschaft der Franzosen Paroli bieten kann. Er darf dabei aber auch nicht außer Acht lassen, dass auf die Hessen in den kommenden Wochen viele anspruchsvolle Aufgaben warten, nur drei Tage nach der Partie in Marseille (18.55 Uhr/live bei DAZN) kommt der Spitzenklub RB Leipzig nach Frankfurt, ehe es wieder nur 72 Stunden später nach Mönchengladbach um Bundesligapunkte geht.

Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt, da muss der Trainer einen genauen Plan ausklügeln, wer wann zum Einsatz kommt und mal eine Pause erhält. Der Österreicher wird seine Spieler beobachten und auch in persönlichen Gesprächen eruieren müssen, wie es um die persönliche Befindlichkeit der Profis bestellt ist.

Die Rasenfunk Schlusskonferenz: Das Spiel der Eintracht in Dortmund in der Nachbetrachtung im Podcast

Eines ist nach wie vor in Stein gemeißelt, auch jetzt, da sich schon ablesen lässt, dass es für die Eintracht eine sehr schwierige und knifflige Saison werden könnte: Die Frankfurter wollen die Europa League genauso ernst nehmen wie die Bundesliga. Pflicht ist also ebenso bedeutend wie die Kür. Diese Herangehensweise ist absolut richtig, wohltuend und begrüßenswert. Die letztjährigen Auftritte der deutschen Europapokalteilnehmer waren unwürdig und teilweise beschämend.

Das bedeutet nicht, dass die Eintracht in der schweren Gruppe tatsächlich weiterkommen wird, aber die Haltung zu diesem Wettbewerb ist vorbildlich. Fredi Bobic stellte schon mal klar, dass man nicht jammern oder gar abschenken werde. „Man wird von uns nie hören, dass wir müde sind oder Verletzte haben“, sagte er. „Wir freuen uns riesig auf die Spiele. Wir werden alles reinhauen, aber wir werden auch nicht die Bundesliga vergessen. Unsere Ziele sind, in der Bundesliga konkurrenzfähig zu sein und in Europa die Gruppenphase zu überstehen.“

Seine ursprüngliche Diktion, wonach man „durch die Gruppe marschieren“ wolle, hörte sich zwar offensiver an, doch da wusste der Sportchef noch nichts von den fürwahr harten Gegnern – und auch nichts vom Geisterspiel zum Auftakt in Marseille.

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