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Wenn nichts Außergewöhnliches dazwischenkommt, dann wird Jan Zimmermann seine Karriere dort beenden, wo er sie einst begonnen hat: in Frankfurt bei der Eintracht.

Jan Zimmermann

„Ich bin nicht Mutter Theresa“

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    Ingo Durstewitz
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Jan Zimmermann über seine wichtige Rolle als Vater der Kompanie und die Situation als dritter Torhüter.

Herr Zimmermann, erklären Sie uns doch mal, wie das Leben als dritter Mann ist - wenn man quasi immer dabei, aber so selten mittendrin ist.
Ich kenne beide Seiten, ich war ja damals bei der Eintracht schon einmal dritter Torwart, hinter Oka Nikolov und Markus Pröll, da ging es natürlich um etwas anderes. Da wollte ich mich als junger Mann zeigen, die anderen herausfordern. Herausfordern will ich immer noch, klar, aber jetzt sehe ich meine Rolle dennoch ein bisschen anders.

Wie genau?
Ich habe durch meine Erfahrung einen anderen Stellenwert. Ich kann den Jungs auch abseits des Platzes helfen, Neuzugänge integrieren oder den jungen Spielern etwas mit auf dem Weg geben. Ich bin momentan nicht so sehr aktiv auf dem Platz, auch weil es Kevin Trapp und Freddy Rönnow wirklich gut machen. Ich habe gerade für das Mannschaftsklima wichtige Aufgaben. Es ist nicht so, dass ich mich als Tourist fühle. Ich sehe mich als festen Bestandteil der Mannschaft.

Als Konkurrenz zu den beiden anderen Torhütern sehen Sie sich auch noch?
Ja klar. Konkurrenten sind wir weiterhin. Ich versuche, mich immer zu verbessern und 100 Prozent aus mir herauszuholen. Und den anderen Druck zu machen. Grundsätzlich bereite ich mich für den Tag X vor. Trotzdem: Ich bin eher einer, der sie unterstützt, statt mit den Hufen zu scharren. Ich bin kein Sonderling, habe zu den Jungs ein sehr gutes Verhältnis, mit Lukas Hradecky etwa verbindet mich eine tiefe Freundschaft.

Wie genau sieht diese Unterstützung aus?
Von meiner Philosophie her gibt es im Torwartteam nicht diesen eisernen Kampf gegeneinander, dieses gegenseitige Niedermachen halte ich für unsinnig. Wir sind eine eigene Einheit. Wir schießen uns gegenseitig die Bälle aufs Tor, wenn da Missgunst herrschen würden, wäre das kontraproduktiv. Es würde uns ja gegenseitig schaden. In der Theorie wäre es so, dass Kevin Trapp die Bälle schlecht bei mir schießen würde und ich schlecht bei ihm. Im Endeffekt hieße das, dass wir uns beide verschlechtern. Das kann also generell nicht Sinn der Sache sein, obwohl ich das im Laufe meiner Karriere auch schon so erlebt habe. Und generell gilt: Ich kann nur meinen Job so gut machen, wie es geht, das kann ich aber nur für mich machen, nicht gegen den anderen. 

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Sie haben selbst ausgeführt, dass Sie Ihre Rolle anders definiert haben, Sie sind ein wichtiges Mitglied im Team. Viele holen sich die Bestätigung und den Respekt der Kollegen auf dem Platz. Das funktioniert bei Ihnen ja nicht so.
Das würde ich nicht sagen. Ich muss in jedem Training ja auch meinen Mann stehen. Ich gebe Ihnen nur ein Beispiel: Wenn unsere vier Jungs aus dem Ex-Jugoslawien nach dem Training noch ihren kleinen Torschusswettbewerb haben, was sie häufiger mal machen, und wenn ich da nicht so eine Performance hinlegen würde wie meine Kollegen, dann wäre das für mein Ansehen und meine Reputation auch nicht so gut. Oder wenn meine Mannschaft in den kleinen Turnieren immer verlieren würde, dann wäre das auch nicht so gut für mich. Ich zeige da schon, dass ich ein guter Torwart bin. Ich hole mir über meine Leistung auch mein Standing. Aber es geht dann auch über das Verhalten und die Persönlichkeit in der Kabine, da geht es darum, ob man ein offenes Ohr hat und hilfsbereit ist.

Bauen Sie auf, motivieren Sie, helfen Sie oder kritisieren Sie auch?
Kritik ist nur ein kleiner Teil. Ich würde sagen, es geht eher darum, vehement darauf hinzuweisen, was vielleicht nicht in die richtige Richtung läuft. Wenn man sich aber die Zeit nimmt, gerade bei den Neuzugängen, ihnen ein offenes Ohr schenkt und auch mal ein paar Wege mit ihnen macht, dann hilft das, glaube ich, schon. Das wird wertgeschätzt. Ich behandele einfach die Menschen so, wie ich auch behandelt werden möchte. Damit bin ich ganz gut gefahren.

Gehen Sie da eher auf die Spieler zu?
Ja, ich bin schon ein eher extrovertierter Typ, der auf die Leute aktiv zugeht. Man muss ja schon ein bisschen emphatisch sein, um sich in die Menschen reinversetzen zu können. Wir haben viele verschiedene Nationalitäten, viele unterschiedliche Charaktere, das ist schon speziell. Nehmen wir jetzt Tuta (Neuzugang aus Brasilien; Anm. d. Red.), der Junge ist 19, kommt aus Südamerika, noch dazu im Winter, er kommt als Perspektivspieler in eine erfolgreiche Mannschaft – da muss man sich erst mal in ihn hineinversetzen, muss ihm Zugang in unsere südamerikanische Gruppe ermöglichen, auf ihn zugehen, ihm sagen, er kann auf mich zukommen, wenn er Fragen hat oder etwas sein sollte. Oder ich nehme David (Kapitän Abraham; Anm. d. Red.) als Übersetzer und wir fragen ihn einfach mal, wie er genannt werden will, nicht dass er irgendeinen Spitznamen verpasst bekommt, und er nicht mal weiß, was das bedeutet. Das sind Kleinigkeiten, die aber nicht unwichtig sind. Und ich denke, da spielt Empathie eine große Rolle. 

Also sind Sie so etwas wie der Vater der Kompanie?
Ich bin Teil der Mannschaft, ich versuche, dass wir am Wochenende funktionieren, ich will mit dem Team erfolgreich sein, Ich bin nicht Mutter Theresa oder Everybody’s Darling. Es geht darum, den Jungs zu helfen. Wenn man merkt, ein Spieler ist schlecht drauf, versuche ich, unter der Woche auf ihn einzuwirken. Denn wenn einer unter der Woche schlecht drauf ist, wird er auch am Wochenende in der Regel schlecht drauf sein. Es ist nicht so, dass von Freitag- auf Samstagnacht alles gut ist. Und darauf versuche ich nter der Woche einzuwirken.

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Haben Sie da ein konkretes Beispiel?
Es kann schon sein, dass ich auf dem Platz bleibe, wenn die Stürmer noch mal Schüsse oder Abschlüsse machen wollen, weil sie sich nicht so sicher fühlen. Aber ich bin hier trotzdem nicht die Sozialstation.

War es für Sie auch eine Überlegung, den Verein, wie jetzt Felix Wiedwald, der in Duisburg direkt zur Nummer eins wurde, zu verlassen?
Die Überlegung ist sicherlich da, weil sonst wäre ich ein schlechter Leistungssportler. Doch es gibt ein großes Aber: Ich bin richtig glücklich und dankbar, dass ich wieder zur Eintracht zurückkehren konnte, es ist mein Verein, ich habe hier in der Jugend gespielt und meine ersten Schritte im Profifußball gemacht. Das bedeutet mir viel. Gerade im Leistungsfußball und gerade heutzutage, zu seinem Heimatverein zurückzukehren, ist nicht alltäglich. Das ist für mich etwas ganz Besonderes. Da müsste schon etwas Außergewöhnliches passieren, damit ich das hier aufgebe. Ich erfahre hier eine große Wertschätzung, das ist mir viel wert.

Sie sind ja ganz offensichtlich sehr viel mehr als „nur“ Torwart.
Klar, das ist ja meine Rolle. Ich war schon immer etwas anders, nicht nur weil ich Torwart bin, die ja sowieso etwas anders ticken (lacht). Ich habe immer das Große und Ganze gesehen und über den Tellerrand hinausgeblickt. Und jetzt mit fast 34 mache ich mir natürlich auch Gedanken, was danach kommt.

Wie man hört, würden es viele Entscheidungsträger im Verein begrüßen, wenn Sie nach Ihrer Karriere noch für die Eintracht tätig sein würden. Da heißt es: Einen, der klug und eloquent ist und ein Eintracht-Herz hat, den muss man halten.
Das wäre für mich traumhaft. Ich könnte mir das sehr gut vorstellen, die Eintracht ist mein Herzensverein, mein Heimatklub. Und weil ich eben schon etwas weiter denke, ist es für mich umso logischer, dass ich für meine Torwartkollegen eher Unterstützer bin und nicht der, der sie attackiert. Generell ist es so: Man muss sich im Leben immer wieder bewusst machen, was man hat und nicht damit aufhalten, was man nicht hat. Die Menschen vergessen manchmal ihr Glück. Wahrscheinlich ist der Mensch so gestrickt, manchmal bringt es einen auch weiter, aber ich bin der festen Überzeugung, dass es einen auf Dauer eher unglücklich macht. Deshalb frage ich mich immer, was ich habe und sehe, wie dankbar ich sein kann. Das kommt natürlich auch durch meine Geschichte, die mich auf links gedreht hat (bei Zimmermann wurde eher durch Zufall ein Gehirntumor entdeckt, der herausoperiert werden musste; Anm. d. Red.). Bei mir ist es ja auch noch oft so, dass ich mich über Kleinigkeiten ärgere und dann komme ich nach Hause, sehen den Helm, den ich als Erinnerung aufgehoben habe und der für mich so eine Art Symbol ist, weil ich den nach der OP tragen musste, und dann denke ich: Meine Güte, warum regst du dich über solche Kleinigkeiten auf.

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Wie würden Sie, als kluger Mann, die Mannschaft charakterisieren?
Laut (lacht). Wir sind ein buntes Potpourri an allen möglichen Mentalitäten und Charakteren. Es ist außergewöhnlich. Die Stimmung in der Mannschaft ist top, es ist ein gutes Miteinander. Wir sind füreinander da, und das ist keine Floskel. Es ist ehrgeizig, aber unterstützend, spaßig, aber motivierend. Im Endeffekt muss man nur auf den Platz sehen, dann erkennt man das auch. Es ist ein brutales Miteinander. Vielleicht kommt es auch daher, weil wir verschiedene Sprachen sprechen, denn man muss sich einfach mehr anstrengen, um mit dem anderen zu kommunizieren. Wahrscheinlich hört man dem anderen so mehr zu, als wenn man die gleiche Sprache spricht, aber nicht miteinander redet.

Wer führt die Mannschaft noch?
Johnny de Guzman, Gelson Fernandes, Kevin Trapp, Marco Russ, Timmy Chandler. Das sind auch verschiedene Charaktere, die schauen, dass die Richtung beibehalten wird und dass keiner ausschert. Kevin, nur als Beispiel, ist überehrgeizig, er würde bei jedem Gegentor am liebsten den Pfosten aufessen. Das verstehe ich als Kollege auch, jedes Gegentor ist eine persönliche Niederlage. Dieser Ehrgeiz überträgt sich auf die Mannschaft, diese Einstellung bringt uns alle weiter.

Kann man Kevin Trapp und Lukas Hradecky vergleichen?
Das ist ganz schwer, beide sind super Torhüter. Wenn man beide zusammen in einem hätte, hätte man den besten, teuersten und erfolgreichsten Torhüter der Welt. Sie sind aber sehr unterschiedlich. Kevin ist ein Trainingstier, total verbissen. Luki hat dafür die Lockerheit und Entspanntheit. Auch das Torwartspiel ist komplett verschieden. Aber, noch mal, jeder ist eine Klasse für sich.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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