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Eintracht Frankfurt: Zerzaust und zerstückelt

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Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

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Keine Hilfe für die Eintracht: Luca Pellegrini.
Keine Hilfe für die Eintracht: Luca Pellegrini. © Imago

Weshalb Eintracht Frankfurt zurzeit so merkwürdig anfällig wirkt: Das System passt nicht, die Außenverteidiger wackeln, einige Neue sind verletzt und jetzt kommt noch Theatralik hinzu

Ein paar Zentimeter nur, vier, fünf vielleicht, und dieser Bericht wäre wahrscheinlich ein klein wenig anders ausgefallen. Vermutlich wäre es um einen Spieler gegangen, der rückversetzt wurde auf seine Lieblingsposition, der all die Tugenden reinwarf, die der mächtig angesäuerte Eintracht-Trainer Oliver Glasner vermisste: Biss, Galligkeit, Aggressivität. Er wäre es gewesen, der dieses zähflüssige Spiel wohl entschieden hätte - zugunsten der Eintracht, die biederen Wolfsburger nach mieser Leistung niedergerungen, Arbeitssieg, schmutzig, aber wen kümmert’s? Doch, nun ja, Kristijan Jakics fulminanter Schuss aus 20 Metern ging nicht rein, er klatsche gegen den Pfosten – vier, fünf Zentimeter fehlten. Das schlechte Ende ist bekannt, 0:1 verloren, schon wieder verloren, Eintracht Frankfurt im Jammertal. Und so wird es hier um Jakic nur am Rande gehen.

Pellegrini passt nicht

Der Kroate war ein kleiner Lichtblick in diesem tristen Frankfurter Ensemble. Er durfte ja wieder im defensiven Mittelfeld zerstören, das kann er besser als rechts außen verteidigen, wobei er das nicht schlecht macht. Da durfte sich dieses Mal aber Ansgar Knauff versuchen, weil Jakic zentral gebraucht wurde. Knauff ist eigentlich Rechtsaußen, spielt vor dem Verteidiger. In der Dreierkette kann er die Außenbahn als Schienenspieler auch alleine beackern, aber ein Abwehrmann ist er nicht. Trotzdem machte der Youngster seine Sache halbwegs ordentlich. Doch seine Versetzung zeigt deutlich das Dilemma, in dem Eintracht Frankfurt steckt: Der Kader ist nicht austariert, er ist unausgewogen.

Nach dem Abgang von Filip Kostic entschied sich Trainer Oliver Glasner dazu, auf Viererkette umzustellen – obwohl er keine geeigneten oder qualitativ hochwertigen Verteidiger hat. Rechts fällt Aurelio Buta noch monatelang aus, Timothy Chandler genügt den Ansprüchen nicht, ist nun zum wiederholten Male übergangen worden und sollte sich darüber seine Gedanken machen. Er will mehr sein als Gute-Laune-Onkel in der Kabine. Ist er aber derzeit nicht. Also spielt rechts mal Jakic, mal Knauff, obwohl Glasner ihn defensiv eigentlich für ungeeignet hält.

Auch links ist niemand da, der die Erwartungen erfüllen könnte. Christopher Lenz ist mal wieder verletzt, Luca Pellegrini wirkt wie ein Fremdkörper, er passt mit seiner Art, Fußball zu spielen und auch mit seinem Habitus, der Theatralik und Affektiertheit nicht ins Team. Auch das ständige Liegenbleiben und Wälzen korrespondiert nicht mit dem Eintracht-Style der letzten Jahre. Das gehört sich nicht und nervt – das gilt genauso für Randal Kolo Muani. Fit wirkt Pellegrini nicht, auch wenn er jetzt erstmals 90 Minuten durchhielt.

Überhaupt wirkt die Eintracht irgendwie zerstaust, zerstückelt, geflickt. Nichts passt so wirklich zueinander, mal wird hier improvisiert, mal dort etwas versucht, das sieht nicht harmonisch und flüssig aus, sondern instabil, merkwürdig anfällig. Heterogen.

Auch im defensiven Mittelfeld herrscht der Notstand, weil Neuzugang Eric Dina Ebimbe nach zwei Spielen erst einmal eine Pause brauchte. Da muss man schon mal fragen, was diese Spieler eigentlich bei ihren alten Vereinen, keine schlechten, trainiert haben. Und Kapitän Sebastian Rode fällt bis Oktober aus, der Leitwolf fehlt mit seiner Erfahrung, Klasse und Bereitschaft an allen Ecken und Enden. Mit ihm an der Seite ist auch Djibril Sow ein anderer Spieler. Der Schweizer formuliert zwar Führungsansprüche, aber er ist der Typ Fußballer, der gut ist, wenn es rund läuft und mit untergeht, wenn es nicht läuft. Da geht der Kopf schnell runter, werden die Risikobälle wieder gemieden und quer gepasst. Das ist kein Vorwurf, sondern liegt im Naturell verankert, ist eine Sache der Persönlichkeit. Sow muss an diesen Situationen wachsen.

Borré und Alario schwach

Glasner also könnte zur Dreierkette zurückgehen, da freilich hat er das Problem, dass es keinen Ersatz für Filip Kostic gibt. Weit und breit nicht. Wäre doch besser gewesen, einen offensiver ausgerichteten linken Läufer zu holen statt eines klassischen Verteidigers. Und ob es generell eine richtige Entscheidung war, verletzte oder anfällige Spieler wie Aurelio Buta oder Jerome Onguene zu verpflichten und lange zu binden, ist ebenso fraglich. Buta hat einen Keim im Knie, da ist ungewiss, wie sich so etwas entwickelt. Und Onguene ist schon das zweite Mal länger verletzt, hat in diesem Jahr auf Klubebene nur sieben (!) Minuten gespielt.

Die Rückbesinnung auf das alte Erfolgssystem hätte den Vorteil, dass Makoto Hasebe mal wieder spielen und das Niveau heben könnte. Denn dass der Altmeister völlig raus ist, ist unverständlich und nicht nachvollziehbar. Auch vorne läuft es nicht mehr wie gewünscht, Kolo Muani wurde jetzt auf dem Flügel aufgeboten, obwohl Glasner kürzlich ausführte, dass er sich dort nicht so wohl fühle. Ganz vorne stürmte dafür Rafael Borré und bot eine erschütternd schwache Leistung. Später dann versuchte sich Lucas Alario und zeigte eindrucksvoll, weshalb für ihn ein Platz auf der Ersatzbank vorbestimmt ist.

Es bleibt ein bisschen was zu tun für Oliver Glasner, man könte auch sagen: Ein bisschen was auszuprobieren. Die Zeit freilich drängt.

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