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Kostic, Kamada und Ndicka: Wo sind die Lückenbüßer bei der Eintracht?

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Von: Ingo Durstewitz

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Filip Kostic, Daichi Kamada und Evan Ndicka werden derzeit auf dem Transfermarkt gehandelt. Wie ersetzt die Eintracht das Trio, falls es zu Abschieden kommt?

Frankfurt – Zugegeben, es ist schon ein paar Tage her, doch weil es so schön und herzerfrischend echt war, sei an dieser Stelle noch mal an Armin Veh erinnert. Dem einstigen Eintracht-Trainer, in Frankfurt erst geliebt und später verdammt, ging einiges gegen den Strich in seinen Anfangstagen in der schönen Stadt am Main. Hunde spazierten damals über das Trainingsareal und verrichteten ihr Geschäft, Fans hatten nichts anderes im Sinn, als während der Einheiten mitten übers Feld zu marschieren. „Das hier“, maulte Veh, „hat mit Bundesliga nichts zu tun. Das habe ich noch nie erlebt. Das hier ist Bezirksliga!“ Veh, einmal in Fahrt, legte nach: „Da kann ich ja gleich eine Hüpfburg aufstellen, das ist ja wie im Freizeitpark hier.“ So war das damals, 2011, als Eintracht Frankfurt gerade zwangsversetzt war ins Unterhaus. Der Europapokalsieg war seinerzeit so weit entfernt wie, sagen wir, der SV Sandhausen von der Champions League.

Die heutigen Zustände lassen sich mit den früheren nicht mal im Ansatz vergleichen, nun bewachen Ordner das Gelände, längst steht ein sündhaft teurer Proficampus, das Drumherum ist sehr viel professioneller. Doch auch heute läuft nicht alles reibungslos am großen Sportpark am Waldstadion. Erst vor wenigen Tagen etwa sind die Kommandos von Coach Oliver Glasner einfach weggefegt worden: röhrender Soundcheck der Böhsen Onkelz. Und auch gestern ging es turbulent zu an der Arena, die britische Heavy-Kapelle Iron Maiden gab sich die Ehre, und weil Bandchef Steve Harris ein leidenschaftlicher Fußballer ist, fragte er gleich mal nach, ob er mit seinen Jungs und der Crew nicht ein bisschen kicken könne am Stadion. Gut, dass Oliver Glasner ein tiefenentspannter Typ ist und mit beiden Beinen im Leben steht.

Eintracht Frankfurt: Wie geht es weiter mit Filip Kostic?

Steve Harris übrigens war erst kürzlich als Gast im Waldstadion, Halbfinale der Europa League, Eintracht gegen West Ham United. Der Bassist ist seit mehr als 50 Jahren Hardcore-Fan des englischen Premier-League-Klubs, Maiden fungierte 2019 zu Promozwecken sogar als Trikotsponsor der Hammers. West Ham United also, welch Zufall.

Eintracht Frankfurt
Filip Kostic (l.), Daichi Kamada (m.) und Evan Ndicka (r.) von Eintracht Frankfurt werden aktuell auf dem Transfermarkt gehandelt. © Fotos: Kessler-Sportfotografie / Imago Images (2), HMB-Media / Imago Images | Collage: Redaktion

Das ist genau jener Verein, der dem besten Eintracht-Akteur Filip Kostic mit einem lukrativen Angebot so ein bisschen den Kopf verdreht. Es hat sich herumgesprochen. Der serbische Nationalspieler war freilich auch am Dienstag beim Doppeltraining im Kraftraum und auf dem Fußballfeld voller Elan dabei, vorzuwerfen ist dem 29-Jährigen mal gar nichts. Was aber würde passieren, wenn Kostic sich doch entschließt, eine neue (finanzielle) Herausforderung zu suchen. Für die Eintracht wäre das ein Schlag ins Kontor, der Flügelspieler ist nicht aus Jux und Dollerei zum besten Spieler der Europa League gewählt worden. Zudem: Der neue Mittelstürmer Lucas Alario, aus Leverkusen gekommen, ist ein ausgesprochener Strafraumspieler, gut im Abschluss, gut mit dem Kopf. Da wäre einer, der die unendlich vielen Hereingaben des Flankengottes verwerten könnte – so wie damals André Silva.

Eintracht Frankfurt: Viel Kostic, bisschen Kamada

Die Eintracht ohne Kostic wäre ihrer stärksten Waffe beraubt, sie müsste ihr Spiel umstellen, es den Gegebenheiten anpassen. Unberechenbarer und variabler wollten die Frankfurter ja ohnehin werden. „Der Gegner darf nicht wissen, was auf ihn zukommt“, gibt Sportvorstand Markus Krösche als Losung aus. Das ist tatsächlich nötig, in der vergangenen Saison etwa trugen die Analysten der Spielvereinigung Greuther Fürth zu keinem Gegner so wenig Material zusammen wie zur Eintracht: Ganz viel Filip Kostic, ein bisschen Daichi Kamada und reichlich Ecken – mehr war nicht.

Eintracht auf Reisen

Eintracht Frankfurt nutzt die Bundesligapause während der WM in Katar (18. November bis 18. Dezember) für eine Reise nach Asien. Der Europa-League-Sieger plant vom 13. bis zum 20. November eine Tour in Japan. Der Trip mit Start in Tokio beinhaltet auch Testspiele gegen die Urawa Red Diamonds (16. November) und Gamba Osaka (19. November). Für die Eintracht ist die Reise auch deshalb wichtig, um ihr internationales Netzwerk auszubauen und ihre Attraktivität zu steigern. Eine besondere Rolle kommt natürlich Makoto Hasebe zu, dem Franz Beckenbauer Japans. Auch Eintracht-Legende und Markenbotschafter Uwe Bein, früher selbst bei Urawa Red Diamonds am Ball, spielt eine zentrale Rolle.

Die Linkslastigkeit ist der Sportlichen Leitung sehr wohl ein Dorn im Auge, damals wie heute, die vielen Flanken auch. Aber in den entscheidenden Momenten hat es funktioniert. Und besser ist allemal, sich auf etwas verlassen zu können, als gar keine herausragende Qualität bei sich zu wissen. Die Frage, die sie sich intern stellen: Wie lange kann Filip Kostic noch auf diesem Niveau performen? Er lebt von Explosivität, Dynamik und Schnelligkeit, wird aber auch schon 30.

Und: Kann er in jedem Spiel an sein Maximum gehen? Schon die vergangene Runde, so die Analyse, habe gezeigt, dass er in der Liga oft genug nur eher durchschnittlich agierte (was immer noch besser ist als 100 Prozent bei vielen anderen), sich in den großen Spielen aber zu Glanzleistungen aufschwang. Paradebeispiel: Sein Parforceritt in Barcelonas Camp Nou.

Alidou noch kein Kostic-Ersatz bei Eintracht Frankfurt

Aus den eigenen Reihen könnte sich die Eintracht bei einem Abgang des Musterprofis nicht behelfen. Christopher Lenz ist sehr engagiert, aber nicht offensivstark genug. Faride Alidou, vom HSV abgeworben, spielt am liebsten links, wird aber noch Zeit brauchen, um in der Bundesliga anzukommen. Als sicher gilt, dass die Eintracht dann noch einmal auf dem Transfermarkt zuschlagen würde. Ridvan Yilmaz von Besiktas Istanbul, mit dem die Frankfurter in den Verhandlungen schon recht weit waren, dann aber Abstand nahmen, wird es nicht sein, der 21-Jährige wechselt für rund fünf Millionen Euro zum Finalgegner, den Glasgow Rangers. Zu ersetzen wäre Kostic freilich nicht, egal von wem.

Das gilt auch für Verteidiger Evan Ndicka, sollte er sich zu einem Wechsel (womöglich zum AC Mailand) entschließen. Auch dann würde die Eintracht noch einmal nachlegen. Nach dem Karriereende von Martin Hinteregger stünde in Hrvoje Smolcic nur noch ein Linksfuß für die Zentrale zur Verfügung, und der Kroate ist mit seinen 21 Jahren aktuell noch nicht reif genug, um in der Bundesliga zu bestehen. Der Neue aus Rijeka muss sich an die neue Spielklasse gewöhnen. Aus dem aktuellen Team könnte Almamy Touré einspringen, klar, der 26-Jährige hat sich gut entwickelt. Doch ist er eben ein Rechtsfuß und somit keine Dauerlösung.

Nur bei einem Weggang von Daichi Kamada würde die Eintracht die Füße stillhalten und auf die Stärke des eigenen Kaders vertrauen – in erster Linie auf Mario Götze. Ob der 30-Jährige die Last alleine schultern könnte? Lässt sich zurzeit seriös nicht beantworten. (Ingo Durstewitz)

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