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Der Traum vom Finale lebt – mehr denn je

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Von: Daniel Schmitt

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Dem Finale ganz nah: Eintracht Frankfurt erspielt sich mit dem 2:1-Sieg bei West Ham United eine sehr manierliche Ausgangslage fürs Rückspiel in sechs Tagen.

London – Daichi Kamada, der Frankfurter Fußballheld von London, lief dem Glück einfach nur noch entgegen, zielstrebig, schnell, lächelnd. Nach 54 Minuten war es soweit, Kamada hatte gerade aus kürzester Distanz den Ball mühelos ins verwaiste Tor von West Ham United geschoben und das 2:1 erzielt, da sprang der Eintracht-Spielmacher über die Bande und rannte den mitgereisten Frankfurter Fans genau in die Arme. Er wurde sodann fast erdrückt, vor ihm die Anhänger:innen auf der Tribüne, hinter ihm die jubelnden Mitspieler - doch Kamada strahlte. So sehen Sieger aus.

Eintracht Frankfurt ist dem großen Traum, dem Gewinn der Europa League, einen erheblichen Schritt näher gekommen. Die Hessen setzten sich gestern Abend im Halbfinalhinspiel bei West Ham United knapp, aber nicht unverdient mit 2:1 (1:1) durch und haben kommenden Donnerstag im eigenen Stadion viele Trümpfe in der Hand. Es könnte tatsächlich was werden mit Sevilla, mit dem 18. Mai, mit dem Endspiel.

Eintracht siegt in London: Oliver Glasner bingt Almamy Touré

Trainer Oliver Glasner entschied sich dafür, Almamy Touré, gestern 26 geworden, wie zuletzt in Barcelona das Vertrauen zu schenken. Diesmal jedoch musste der Verteidiger, starker rechter Fuß, links hinten für den gesperrten Evan Ndicka ran. „Ich gehe davon aus“, so der Eintracht-Coach vor dem Anpfiff ob der ungewohnten Positionierung des Geburtstagkindes, „dass das in seinem Spiel keine Veränderung darstellt.“

Frühstarter: Ansgar Knauff bringt die Eintracht früh in Führung. Foto: AFP
Frühstarter: Ansgar Knauff bringt die Eintracht früh in Führung. © AFP

Ab und an freilich stand Touré nicht optimal zum Ball. Makoto Hasebe saß indes auf der Ersatzbank. Im zentralen Mittelfeld spielte erwartungsgemäß Sebastian Rode an der Seite von Djibril Sow. Kristijan Jakic, zwar mitgereist mit den Kollegen nach London, durfte gelbgesperrt nicht auflaufen.

Eintracht Frankfurt in London: 10.000 Fans in der Hauptstadt

Mitgereist in die englische Metropole waren auch wieder Tausende Frankfurter Fans, es war von bis zu 10.000 die Rede (belastbare Schätzungen kaum möglich), die tagsüber meist in Kleingruppen die Sehenswürdigkeiten der Stadt erkundeten, darunter manche lautstark auf Booten über die Themse schippernd. Ins Stadion schafften es dann kaum mehr als 3000 Anhänger:innen, so viele Tickets hatten die Hessen pflichtgemäß zugeteilt bekommen.

Eintracht-Kolumne Ballhorn

Die Rache der Katzen

„Wir wollen das Eintracht-Frankfurt-Europa-League-League-Gesicht zeigen“, gab Trainer Glasner im Vorfeld die Marschrichtung aus, das gute Gesicht also. Er sollte nicht enttäuscht werden - zumindest anfangs. 52 Sekunden dauerte es nur, da schädelte Ansgar Knauff, der Rechtsaußen, der vor vier Monaten noch meist drittklassiger Kicker in Dortmund war, eine prächtige Flanke von Rafael Borré zur Führung ins Netz. Ein maximal heißer Kaltstart.

Eintracht Frankfurt: West Ham nach frühem Rückstand besser

Der Frankfurter Trainer aber freute sich nicht allzu lang, erkannte schnell, dass die Staffelung der Seinen nicht ganz passte. Glasner gestikulierte wild, schrie, rief sich Filip Kostic und Almamy Touré an die Seitenlinie zur kurzen Kurskorrektur, konnte aber auch nicht verhindern, dass West Ham die Spielkontrolle übernahm. Die Gastgeber, keineswegs geschockt, erspielten sich denn auch zeitnah Torchancen. Jarrod Bowen etwa tauchte nach 14 Minuten völlig freistehend vor Kevin Trapp auf. Der Frankfurter Torwart, übrigens seit gestern mit 35 Europa-League-Einsätzen alleiniger deutscher Rekordmann in diesem Wettbewerb, lenkte den Schuss mit den Stollen noch an den Pfosten. Eine kaum erkennbare, aber doch herausragende Parade.

Nach 21 Minuten aber war auch Trapp geschlagen. In der Folge eines Freistoßflanke verlor erst Kapitän Rode ein entscheidendes Kopfballduell gegen Kurt Zouma und dann der Rest seiner Kollegen Michail Antonio aus den Augen. Der Londoner Mittelstürmer vollendete ungedeckt aus kurzer Distanz. Erst danach löste sich die Eintracht auch mal ab und an spielerisch aus den Fängen des West-Ham-Pressings. Gerade Daichi Kamada boten sich im Halbraum zwischen Abwehr und Mittelfeld gewisse Freiräume, hinter die Abwehrkette der Engländer gelangte die Eintracht aber auch in dieser Phase zu selten. Und wenn doch, dann wurde es auch prompt gefährlich: Erneut spielte Borré den Seitenrenner Knauff frei, diesmal zielte dieser aber aus der Drehung über den Kasten (39.). Bedeutete 1:1 zur Pause - alles in allem leistungsgerecht.

Eintracht Frankfurt in der zweiten Spielhälfte konzentrierter

Im zweiten Abschnitt dann setzte die Eintracht deutlich mehr spielerische Akzente, sie trug die eigenen Angriffe nun insgesamt einen Tick ruhiger vor, nahm sich mehr Zeit für Kombinationen, streute wohl bewusst manch zusätzlichen Querpass ein und gewann dadurch an Sicherheit. Mit Erfolg. Djibril Sow im Doppelpass mit Jesper Lindström, Abschluss des Schweizers, Parade, Abstauber von Kamada, das umjubelte 2:1. Der Euro-Daichi war wieder zur Stelle, wer auch sonst? Europapokal, ja das kann er einfach. Für den 25-Jährigen war es bereits der fünfte Treffer im laufenden Wettbewerb.

Die Gäste befanden sich nun auf einem sehr guten Weg, West Ham musste sich erstmal schütteln, das dauerte eine Weile. Die Eintracht ihrerseits spielte, na logisch, keinen Hurra-Fußball in dieser Phase, sie ließ die Kugel aber sehr konzentriert durch die eigenen Reihen laufen. Das Pressing der Londoner lief nun für einige Minuten ins Leere, die Brust der Frankfurter Spieler schwoll an. Freilich: Durch war die Partie noch lange nicht.

Eintracht Frankfurt darf träumen

Hauchzart strich ein satter Fernschuss von West Hams Said Benrahma am Frankfurter Kasten vorbei (69.) und eröffnete die finale Druckphase der Hausherren. Die Londoner erhöhten das Risiko, musste sie ja auch, die Eintracht stemmte sich willensstark dagegen, hatte aber doch einige haarige Halbchancen zu überstehen. Etliche Flanken, Ecken, Freistöße segelten in den Frankfurter Strafraum. Auf der anderen Seite verpasste Kamada mit einem Pfostenschuss (79.) bei einem Konter sogar noch das 3:1 - es wäre des Guten jedoch an diesem aus Frankfurter Sicht auch so überaus erfreulichen Fußballabend zu viel gewesen. Vor allem deshalb, weil Außenstürmer Bowen, der Beste aufseiten der Gastgeber, in der dreimüntigen Extrazeit mit einem überragenden Fallrückzieher noch einmal die Unterkante der Latte traf.

So bleibt von diesem Abend: Der Traum vom Finale, der Traum von Sevilla, der Traum vom Pott lebt – mehr denn je zuvor. (Daniel Schmitt)

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