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Abgeräumt: Wenn Filip Kostic nicht zum Zug kommt, lahmt das gesamte Eintracht-Spiel.

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Ab auf die Couch: Weshalb Eintracht Frankfurt auswärts kein Bein auf den Boden bekommt

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Es gibt Gründe für die erschreckende Harmlosigkeit der Frankfurter Eintracht in den Auswärtsspielen.

  • Eintracht Frankfurt: Zu Hause breitbeinig, auswärts schwachbrüstig
  • Eintracht Frankfurt auswärts ohne Selbstvertrauen
  • Es gibt Gründe für die Auswärtsschwäche

Als dann das allseits Erwartete eingetreten war und Eintracht Frankfurt mal wieder ein Auswärtsspiel mit Pauken und Trompeten in den Sand gesetzt hatte, diesmal 0:4 bei Bayer Leverkusen, fiel Sportvorstand Fredi Bobic die Spielanalyse ganz leicht. „Einfach copy and paste, wie nach dem Spiel gegen Dortmund. Das war jetzt genau das gleiche.“ Ein bisschen Sarkasmus schwang da schon mit, schwarzer Humor auch, im Kern aber traf seine Aussage ins Schwarze, auch in Dortmund trat die Eintracht hasenfüßig und ängstlich auf, wie das Kaninchen vor der Schlange, auch da setzte es eine Packung, ebenfalls 0:4. Nichts Neues außerhalb des Stadtwaldes also.

Da war es wieder, das vermaledeite Auswärtsgesicht der Hessen. Auf des Gegners Platz bekommen die Frankfurter schlicht „kein Bein auf den Boden“, wie Mittelfeldspieler Sebastian Rode sagte, geradezu „verhext“ sei es in der Fremde. Trainer Adi Hütter wählte ein anderes Wort: „Fürchterlich“. Tatsächlich gibt es in der ganzen Bundesliga momentan kein Team, dass auf auswärtigem Terrain derart harmlos, mutlos, und schwachbrüstig agiert.

Eintracht Frankfurt mit der Bilanz eines Absteigers

Eintracht Frankfurt rangiert in der Auswärtstabelle der Liga abgeschlagen auf dem letzten Rang: Nach zwölf Auswärtspartien haben die Frankfurter ganze sieben Punkte (bei 11:25 Toren) aufs Konto gepackt, sogar deutlich hinter Mannschaften wie Augsburg, Düsseldorf, Paderborn, selbst Werder Bremen, arg vom Abstieg bedrohter Tabellenvorletzter, hat sich in der Fremde zwölf Zähler verdient. Kein Team hat zudem weniger Tore erzielt. 

Siege gab es nur bei Union Berlin in der Hinrunde (2:1) und bei der TSG Hoffenheim (2:1), dazu ein glückliches Remis gegen Fortuna Düsseldorf (1:1) – das ist eine Schreckensbilanz, die Bilanz eines Absteigers. 

Das Kardinalproblem ist die immens große Diskrepanz zwischen den Heimspielen und jenen in der Ferne; diese Diskrepanz ist es, die Sorgenfalten auf die Stirn des Trainers treibt. „Wir sind auswärts nicht auf der Höhe“, sagt Adi Hütter. „Wir müssen dringend unsere Bilanz verbessern. So ist das einfach zu wenig, das bringt uns zum Nachdenken.“ In der Fremde, man muss es so deutlich formulieren, ist die Eintracht aktuell nicht konkurrenzfähig. 

Nur mit Erfolgen in den Heimspielen wird sie auf keinen grünen Zweig kommen, da wird sie tiefer reinrutschen in den Abstiegssumpf, zumal Siege vor heimischen Publikum – siehe zuletzt die Partie gegen Union Berlin (1:2) – auch nicht garantiert sind.

Eintracht Frankfurt zeigt zu Hause ein anderes Gesicht

Trotzdem treten die Frankfurter in ihrem Wohnzimmer anders auf, da „zeigen wir ein anderes Gesicht“, findet Hütter: mutig, aggressiv, voller Leidenschaft und Willen, so als hätten die Spieler sinnbildlich das Messer zwischen den Zähnen. Zu Hause entwickeln sie eine gewisse Breitbeinigkeit. 

Und kaum ist die Stadtgrenze überschritten, agieren sie wie liebevolle Schmusebärchen, treten ohne Selbstvertrauen auf, irgendwie gehemmt und verängstigt. Die Akteure kommen nicht richtig in die Zweikämpfe, sind nicht giftig genug, behäbig, sie kassieren frühe und „irrsinnig leichte Gegentore“ (Hütter), es gelingt der Eintracht nicht, mal in Führung zu gehen, „das würde uns gut tun“, findet der Trainer. 

Aber warum ist das alles so? 

Klar ist, dass da auch die Psyche, das Unterbewusste eine Rolle spielt, der Kopf entscheidet nicht selten über Sieg oder Niederlage, dem Mentalen kommt entscheidende Bedeutung zu. „Oh je, wieder auswärts“, umschreibt Verteidiger Martin Hinteregger die innere Haltung. Das ist ein Teufelskreis. Negativerlebnisse brennen sich ein und verstärken sich mit jedem neuen unguten Auftritt, der Glauben in die eigene Stärke schwindet in dem Maße, in dem beim Kontrahenten die Selbstsicherheit wächst. So entsteht ein Ungleichgewicht, das auf dem Feld sichtbar wird. 

Eintracht Frankfurt: Dilemma ist auch eine Frage der generellen Qualität

Da ist der Trainer nicht nur als Fußballfachkraft gefragt, sondern als Pädagoge, als Aufbauhelfer. Hütter kann das, er hat ein Umfeld mit Menschen, die in der Sportpsychologie tätig sind, wie Jörg Zeyringer, der in Salzburg sein Nachbar ist und mit dem er schon zwei Bücher geschrieben hat, unter anderem „die elf Gesetze der Motivation im Spitzenfußball“. Bisher ist ihm aber nicht gelungen, sein Team so einzustellen, dass es die Angst und die Beklemmung ablegt. 

Und natürlich ist das Dilemma auch eine Frage der generellen Qualität. Eintracht Frankfurt hat nicht die fußballerische Klasse, um sich auswärts qua ihrer spielerischen Fähigkeiten zu befreien und in Szene zu setzen. Sie kann nur erfolgreich sein, wenn sie geschlossen auftritt, gemeinsam attackiert und den Gegner unter Druck setzt. Das aber traut sich die Mannschaft in fremden Stadien nicht, da weicht sie zurück, reagiert nur und wartet ab. Man habe in Leverkusen „nicht synchron und kompakt“ auf dem Platz gestanden, sagte Hütter. 

Und wenn dann, wie unterm Bayer-Kreuz, Filip Kostic abgemeldet ist, hat die Mannschaft keine Möglichkeit, um schnell umzuschalten und nach vorne zu kommen. Dazu sind zu viele defensiv denkende Spieler auf dem Feld, weshalb die Offensivakteure zumeist abgeschnitten sind und in der Luft hängen. Gemeinsames Angreifen und Verteidigen – das sieht anders aus. Die Balance stimmt nicht, die Mannschaft wirkt nicht austariert, nicht im Einklang. Das ganze Gebilde ist in sich nicht stimmig. 

Eintracht Frankfurt spielt nach vorne nicht gut Fußball

„Wir spielen nach vorne nicht gut Fußball“, findet Hütter. Das ganze Spiel ist unrund, zu zappelig und unsauber, die Durchschlagskraft fehlt – elf Tore in zwölf Auswärtsspielen sind mickrig. Wucht, Tempo und Draufgängertum sind aus dem Frankfurter Spiel gewichen. „Da waren wir letzte Saison besser“, bemerkt der Coach. „Da hatten wir nach vorne eine andere Entlastung.“ Und – Stichwort Büffelherde – ganz andere Offensivspieler. Weil nun aber vorne und auf dem Weg dorthin zu wenig passiert und der Ball zu schnell wieder weg ist, geraten die Defensivakteure häufig unter Druck. 

Zum Glück hat Eintracht Frankfurt in dieser Woche wieder zwei Heimspiele vor der Brust, am Donnerstag in der Europa League (dort ist die Bilanz besser) gegen den FC Basel, dann am Sonntag gegen Mönchengladbach. Danach aber stehen zwei Auswärtspartien an, in Basel – und beim FC Bayern. Nicht sehr wahrscheinlich, dass just da diese Horrorserie der Eintracht reißt.

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