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Wahre Champions

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Von: Ingo Durstewitz

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Eintracht Frankfurt feiert den Triumph in der Europa League. Lob gibt es für diese Leistung auch vom DFB und der DFL.

Frankfurt ‒ Die Frankfurter Eintracht poliert mit viel Herzblut und unbändiger Willenskraft das Image des deutschen Fußballs mächtig auf, gewinnt hochverdient die Europa League und steht dank eines warmen finanziellen Regens vor bislang ungeahnten Möglichkeiten.

Party können sie also auch, die Feierbiester aus Frankfurt. Okay, sich Kaltgetränke en masse reinzukippen und mal so richtig auf den Putz zu hauen, ist nicht ganz so schwierig wie einen großen internationalen Titel auf den Fußballplätzen des alten Kontinents zu gewinnen, aber hey, auch Feiern will gelernt sein. Die Eintracht-Helden von Sevilla ließen es also nach den Feierlichkeiten im Estadio Ramón Sánchez- Pizjuán samt Bierduschen und grölender Übernahme der obligatorischen Pressekonferenz („Sorry für die kurze Störung“, wie Timmy Chandler feixte) in einem angesagten Klub so richtig krachen.

Sie schmetterten freude- und bald auch volltrunken „Schwarzweiß wie Schnee“ oder auch „im Herzen von Europa“, und am Ende lief sogar die Champions-League-Hymne. Gänsehaut. „Stolz pur“, wie der alle überragende Keeper Kevin Trapp befand. Bis die Sonne aufging und den Planeten wieder erbarmungslos erhitzte, feierten die Eintracht-Spieler, und pünktlich zur Frühstückszeit um sieben Uhr morgens postete Feierkönig Goncalo Paciencia ein Foto von sich und seinen Eintracht-Kumpels im Doppelbett. In der Mitte Timmy Chandler mit dem Pott. Strahlend wie ein Honigkuchenpferd. Ehre, wem Ehre gebührt. Natürlich ging die Sause in Frankfurt weiter, der Mannschaft wurde ein überwältigender, unfassbarer Empfang bereitet, eine ganze Stadt im Ausnahmezustand. Immerhin der Römer ist stehengeblieben.

Lauter Gewinner. Foto: AFP
Lauter Gewinner. © AFP

Eintracht Frankfurt: „Da laufen einem die Tränen“

Eintracht Frankfurt hat es tatsächlich gepackt, nach mehr als 40 Jahren hat der Traditionsklub vom Main den Titel nach Frankfurt geholt in einem aufwühlenden, fesselnden Endspiel gegen die Glasgow Rangers. Natürlich, wie sollte es anders sein, auf die aufregendste aller Möglichkeiten: im Elfmeterschießen. Fünf Schüsse ins Glück, einer präziser als der andere. Selbst dieses Elferduell war ein Statement und steht stellvertretend für die Beschaffenheit dieser Mannschaft, die an Willenskraft, Mentalität und Charakterstärke kaum zu schlagen ist. „Ich bin mausetot“, bedeutete ein völlig geschaffter Vorstandssprecher Axel Hellmann. „Das war turbodramatisch, das war mehr als man aushält.“ Vereinspräsident Peter Fischer war völlig aus dem Häuschen. „Das ist der größte Moment der Vereinsgeschichte. Da laufen einem die Tränen.“

Die Eintracht widmete diesen magischen Erfolg ihrer kürzlich verstorbenen Vereinsikone Jürgen Grabowski. Die ganze Reise nach Spanien stand unter dem Motto: „Mit dem Jürgen. Für den Jürgen.“ Auch das hat Klasse und Stile, ist der Bedeutung angemessen.

Die Eintracht hat sich völlig zu Recht den Pott geholt, keiner hat es so verdient, wer 13 Spiele nicht verliert und dabei den FC Barcelona düpiert, der kann nicht viel falsch gemacht haben. Die Belohnung ist der Pokal, das Supercupspiel gegen den Champions-League-Sieger Real Madrid oder FC Liverpool am 10. August in Helsinki – und die erstmalige Teilnahme an der Königsklasse. Damit wird Deutschland erstmals fünf Vertreter in der Champions League stellen – dank dem Mittelgewichtler Eintracht Frankfurt. Die DFL-Chefin war entsprechend begeistert: „Was für ein großartiger Abend, was für ein fantastischer Erfolg.“, sagte die Geschäftsführerin Donata Hopfen. „Die Frankfurter haben im besten Sinne Werbung für die Bundesliga gemacht.“ In der Tat: Besser geht es nicht. DFB-Präsident Bernd Neuendorf flankierte: „Es ist ein großartiger Erfolg für den deutschen Fußball, den Eintracht Frankfurt herausragend vertreten hat.“

Eintracht Frankfurt: „Wir haben einen wahnsinnigen Teamspirit“

Für Coach Oliver Glasner ist der Erfolg nicht zwangsläufig, aber irgendwie auch logisch. Auch der feinfühlige, kluge Pädagoge, der in diesen Tagen vor dem Finale sogar manchmal den Eindruck erweckte, als könne er übers Wasser gehen, ist der festen Überzeugung, dass das Scheitern im letzten Jahr, als die Eintracht die Königsklasse auf den letzten Metern verspielte, die Basis und die Motivation für den jetzigen Triumph ist. „Das ist so eine Geschichte fürs Leben“, sagt er. „Im Moment des Scheiterns zeigt sich, ob du ein Großer bist oder nicht.“ Die Antwort hat seine Mannschaft auf den Spielfeldern Europas gegeben. Auf jeden Fall gab es einen inneren Antrieb, es wieder gutzumachen. „Über allem steht diese unfassbare Mannschaft“, sagt Erfolgsgarant Kevin Trapp. „Wir haben einen wahnsinnigen Teamspirit.“ Sonst lässt sich so ein Titel auch nicht gewinnen, denn die Eintracht ist sicher nicht beste oder talentierteste Mannschaft des Wettbewerbs. Aber sie wollte es am meisten.

Nun stellt sich natürlich die Frage, wie es weitergeht, da diese Europa-League-Saison bereits 31,75 Millionen (22,15 Mio. Uefa-Prämien, Klub-Koeffizient 3,5 Mio., Marktpool 6 Mio.) in die Kassen gespült haben, dazu kommen zusätzliche Einnahmen durch die Königsklasse, allein das Startgeld beträgt 15,64 Millionen, weitere 3,5 Millionen gibt es für die Teilnahme am Supercup, das gibt finanziellen Spielraum. Sportvorstand Markus Krösche kündigte vorsorglich schon mal an, die Transferstrategie nicht ändern zu wollen. Und Präsident Fischer befand, mal ganz kleinlaut, man werde nun sicher keine verrückten Sachen oder „Harakiri“ machen. Und doch wird die Eintracht nun bei manchen Spielern höher ins Regal greifen können – sie ist im Übrigen auch für potenzielle Zugänge deutlich attraktiver geworden. Diese Reise durch Europa hat jeder verfolgt, sie hat Spuren hinterlassen. Da will man schon gerne dabei sein bei so einer Geschichte, keine Frage, zumal ja auch die Champions League lockt.

Und natürlich erhöht der Pott die Chancen, begehrte oder vielleicht auch wechselwillige Spieler zu halten. Filip Kostic etwa oder Daichi Kamada und Evan Ndicka. Solch ein Erlebnis schweißt zusammen, da ist eine dicke Bande geknüpft worden. Mit Kostic (Vertrag bis 2023) etwa sprach Glasner noch auf dem Platz, über was, verriet der Coach natürlich nicht. Als er dann aber gefragt wurde, ob dieses Finale das letzte Spiel des Linksaußen für die Hessen gewesen wäre, sagte Glasner grinsend: „Nein, ich denke nicht. Er hat noch ein Jahr Vertrag. Ich denke, das war nicht sein letztes Spiel.“ (Ingo Durstewitz)

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