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Die Eintracht-Mannschaft zeichnet sich in dieser Saison durch einen speziellen Geist, eine enorme Geschlossenheit aus - auch beim Jubeln.

Eintracht Frankfurt - Benfica Lissabon

Vorfreude auf Lissabon

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Nach Inter ist vor Benfica: Und dazwischen steht für die Europapokalhelden von Eintracht Frankfurt erst einmal der Ligaalltag gegen Nürnberg an.

Das rauschende Fest nach der enthemmten Fußballparty fiel ins Wasser. Keine Kraft mehr, Tank leer. Der hünenhafte Frankfurter Mittelstürmer Sebastien Haller, von einem Infekt gebeutelt, lachte gar lauthals, als er gefragt wurde, ob man diese großartige Leistung von Mailand nun mit ein, zwei Gläschen begießen werde. Könne ja jeder machen wie er wolle, antwortete Haller, aber er, Freunde der Sonne, gar keine Frage, gehe ins Bett. „Ich bin tot.“

Auch auf anderer Ebenehatte der Husarenritt in der Lombardei Spuren hinterlassen. Vorstand Axel Hellmann teilte bereits kurz nach Mitternacht knapp und bündig mit: „Bin auf dem Weg ins Bett, um 6.15 Uhr geht es weiter nach Nyon.“ Nyon, Schweiz, Showdown zur Mittagszeit, die Auslosung des Viertelfinals der Europa League, das die Eintracht erstmals nach einem knappen Vierteljahrhundert wieder erreicht hat – mit einer Demonstration der Stärke und einer wilden Mixtur aus Leidenschaft, Aufopferung und fußballerischer Extraklasse. Der Auftritt der Eintracht beim Spitzenverein Inter Mailand hatte Stil und Niveau, er zeigte, mit welch unglaublicher Wucht und Dynamik die Eintracht unterwegs ist – auf allen Ebenen. Mit dem 0:1 waren die ersatzgeschwächten Italiener noch bestens bedient, ein 0:3, 0:4, 0:5 wäre auch nicht unverdient gewesen. Sie konnten der Eintracht nicht das Wasser reichen.

Eintracht Frankfurt kann die Reise fortsetzen

Für Inter ist Endstation, für die Eintracht geht die Reise weiter, und sie wird den Klub, wie die gestrige Auslosung ergab, am 11. April zunächst nach Lissabon führen, eine Woche später gastiert dann der portugiesische Tabellenführer Benfica in Frankfurt. Das ist ein höchst attraktives Los, sportlich machbar und als Reiseziel reizvoll. „Lissabon ist ein starkes Team, ein großer Klub und eine tolle Stadt“, sagte Hellmann, beinahe ausgeschlafen. „Wir freuen uns über dieses grandiose Los.“ Auch Trainer Adi Hütter war zufrieden: „Tolles Los, großer Name. Die Reise geht weiter, Gott sei Dank sind wir dabei.“ Ob die reiselustigen Fans die Mannschaft aber werden begleiten können, steht auf einem anderen Blatt, nach den dämlichen Pyro-Vorfällen von Mailand steht ein Ausschluss fürs nächste Spiel im Raum (siehe nebenstehende Berichte). Das wäre umso bitterer.

Gegen Benfica hat die Eintracht eine realistische Chance, das Halbfinale zu erreichen, das am 2. und 9. Mai ausgespielt wird. Die Eintracht würde es dann, wenn sie Lissabon packt, mit dem Sieger des Duells zwischen dem FC Chelsea und Slavia Prag zu tun bekommen.

Die Eintracht hat ein klares Ziel, das liegt in Aserbaidschan, Baku, 29. Mai, Tag des Endspiels. „Der Traum ist nicht größer geworden, er lebt wie am ersten Tag“, sagt Sebastien Haller. „Wir leben im Moment.“

In der derzeitigen Verfassung ist der Eintracht vieles zuzutrauen, sie hat sich nach dem Hoch im Herbst den nächsten Lauf erarbeitet, vieles läuft quasi von alleine. Im neuen Jahr blieb die Eintracht in allen zwölf Pflichtspielen unbesiegt, von den letzten sechs Begegnungen hat sie gar fünf gewonnen, gleich viermal bewahrte Torwart Kevin Trapp eine weiße Weste. „Die Art und Weise, wie wir auftreten, ist beeindruckend“, sagte Manager Bruno Hübner.

Eintracht strotzt vor Selbstbewusstsein

Der neuerliche Aufschwung ist auch eine mentale Geschichte, „vieles hängt mit dem Selbstvertrauen zusammen“, findet Hübner. Aber auch das muss man sich erst erarbeiten, das fällt ja nicht vom Himmel. Das, was locker und leicht aussieht, ist das Produkt knallharter Maloche und eiserner Disziplin auf dem Platz. Wer am Donnerstag gesehen hat, wie viele Kilometer Sebastian Rode, von Krämpfen geschüttelt, abgespult hat, wer Filip Kostic beobachtet hat, der gefühlt das ganze Spiel im Vollsprint bestreitet und auch in der Nachspielzeit noch schneller als alle Gegenspieler ist, der kann nur ungläubig staunen oder aufrichtig begeistert sein.

Und auf einmal schießt Toptorjäger Luka Jovic nicht nur schöne und wichtige Treffer, sondern schuftet auch für die gesamte Mannschaft. Vom seit Monaten überragenden Makoto Hasebe mal ganz zu schweigen. Oder der eiskalte Winterzugang Martin Hinteregger, der da hinten in einer Bierruhe aufräumt und in Mailand sage und schreibe 100 Prozent seiner Zweikämpfe für sich entschieden hat.

Es ist ein spezieller Geist, der die Mannschaft antreibt, ein innerer Zusammenhalt, der besonders ist. Diese Gier ist bemerkenswert, genauso wie die Furchtlosigkeit und das Jagdfieber auf dem Platz. „Wir sind ein verschworener Haufen, sonst könnte man solche Leistungen nicht abrufen“, bekundete der für das Mailand-Spiel gesperrte Coach Hütter, der sich vor dem Anpfiff per motivierender Videobotschaft an sein Team gewendet hat. „Das hat vielleicht einen Schub gegeben.“ Für den Trainer war der Tribünenplatz ungewohnt, aber „die Mannschaft hat mir von der ersten Minute an Ruhe und ein gutes Gefühl gegeben, es hat Riesenspaß gemacht, sie spielen zu sehen.“ Dass auch das Trainerteam von den Fans gefeiert wurde, war für den Österreicher etwas Wunderbares. „Das sind Momente, die unter die Haut gehen.“

Adi Hütter ist stolz auf sein Team

Alle, die im San Siro dabei waren, waren angefasst. Für den starken Torwart Trapp war der Triumph „ein emotionaler Höhepunkt“ seiner Karriere. „Das hat einen sehr, sehr hohen Stellenwert.“ Für den 28-Jährigen ist das derzeitige Hoch am Main „etwas ganz Besonderes, weil ich es mit dieser Mannschaft erleben darf“, sagte Trapp und legte die Betonung auf „diese Mannschaft“. „Hier ist so viel Willen und Mentalität, das ist unfassbar.“ 

Der Einzug ins Viertelfinale sei „absolut verdient“, man müsse sich nur mal vergegenwärtigen, wer die Gegner waren, unter anderem Olympique Marseille (2:1 und 4:0), Lazio Rom (4:1, 2:1), Schachtjor Donezk (2:2, 4:1) und Inter Mailand (0:0, 1:0). Europa-Gesamtbilanz: zehn Spiele, acht Siege, zwei Remis. „Wahnsinn“, sagt Hübner. Nicht zu vergessen, dass die Frankfurter auch in der Bundesliga nur drei Punkte hinter einem Champions-League-Platz liegen.

Am Sonntag geht es im Ligaalltag weiter, dann kommt das Schlusslicht aus Nürnberg in den Stadtwald (15.30 Uhr). Viel Zeit zur Regeneration bleibt nicht. Doch die Siege auf internationaler Bühne geben einen zusätzlichen Schub. Und auch die Tatsache, dass die Eintracht der letzte Bundesligist ist, der die deutschen Farben in Europa vertritt, erfüllt Hütter „mit viel Stolz. Wir erhalten viel Aufmerksamkeit.“ Die hat die Eintracht sich verdient.

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