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Ein Selfie fürs Fotoalbum: Die serbischen Eintracht-Profis Filip Kostic (von links), Mijat Gacinovic und Luka Jovic am Flughafen.

Inter Mailand - Eintracht Frankfurt

Die Verwandlung von Eintracht Frankfurt

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Eintracht Frankfurt kann im Spiel der Spiele bei Inter Mailand ein weiteres Kapitel ihrer beeindruckenden Erfolgsgeschichte schreiben.

Es ist eine ganze Weile her, seit Eintracht Frankfurt das Achtelfinale eines europäischen Wettbewerbs überstanden hat, fast ein Vierteljahrhundert gar. Ralf Falkenmayer, der Frankfurter Junge aus Niederursel mit den Sauerkrautlöckchen, war es, der den mittlerweile 120 Jahre alten Klub vom Main ins Viertelfinale schoss, mit seinem 1:0-Siegtreffer beim SSC Neapel nach 54 Minuten. Vorne stürmte der blutjunge Matthias Becker, hinten stand der routinierte Andreas Köpke in der Kiste. Das war im November 1994.

Es war gleichwohl die Zeit, in der es für die Eintracht so langsam, aber sicher bergab ging. Die Ikonen Tony Yeboah und Jay-Jay Okocha wurden suspendiert oder degradiert, der schleichende Niedergang war eingeleitet, nur eineinhalb Jahre später stand der erste Abstieg der Vereinsgeschichte an, es sollten drei weitere folgen. Der Frankfurter Bundesligist hatte, gerade als erstmals so richtig viel Geld in den Fußballkreislauf gepumpt wurde, den Anschluss verloren und ihn auch lange Jahre nicht mehr gefunden. Er mutierte zu einer Art Fahrstuhlmannschaft und hatte sich im Niemandsland eingerichtet. Lokal gesehen war die Eintracht selbst in den dunkelsten Phasen keine graue Maus, sie war vielleicht nicht schick, etwas schmuddelig, aber trotzdem noch das sportliche Aushängeschild der Region. Bundesweit aber schenkte man ihr kaum Beachtung, der Klub kam entweder recht unsympathisch oder, viel schlimmer noch, belanglos daher. Überregional spielte die Eintracht keine Rolle.

Eintracht mit zwei Teilnahmen am DFB-Pokalfinale 

Das hat sich erst mit ganz, ganz langem Anlauf geändert. Seit den erfolgreich bestrittenen Relegationsspielen gegen Nürnberg im Mai 2016 geht es mit Siebenmeilenstiefeln voran, was nicht nur mit diesem einschneidenden Erlebnis zu tun hat, sondern auch und gerade mit einem Wechsel an der Spitze der sportlichen Schaltzentrale: Der Schwabe Fredi Bobic hat den hessischen Verein mit seinen Mitstreitern im Vorstand auf Vordermann gebracht. Gar keine Frage.

Seitdem stehen zwei Pokalfinalteilnahmen, der epochale Pokalsieg und nun der Triumphzug durch Europa zu Buche. Die Mitgliederzahl ist auf fast 70 000 gestiegen (2015 noch 30 000), finanziell hat der Verein seine eigenen Bestmarken pulverisiert (Umsatz mehr als 160 Millionen, Spieleretat 55 Millionen). „Kein Verein in der Bundesliga ist stärker gewachsen als Eintracht Frankfurt“, sagt Präsident Peter Fischer, der am heutigen Spieltag seinen 63. Geburtstag feiert und dazu auch allen Grund haben möchte. „Wir sind ein Verkaufsschlager.“

Gerade in dieser Saison rockt die Eintracht nicht nur die Bundesliga, auf internationalem Terrain ist sie in allen neun Partien unbesiegt geblieben, hat sieben davon gewonnen. Am Donnerstag (21 Uhr/live bei RTL und Dazn) will sie erstmals nach 25 Jahren ins Viertelfinale einziehen, dazu muss sie das italienische Topteam Inter Mailand ausschalten: Nach dem 0:0 im Hinspiel eine schwierige, aber machbare Aufgabe. Das Weiterkommen wäre ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung, inklusive Zugewinn an Image und Renommee.

Eintracht auf dem Weg zum Big Player

Die Eintracht sorgt auf vielen Ebenen für Furore, immer mehr Leute outen sich als Sympathisanten. „Wir haben viele heimliche Fans“, sagt Adi Hütter. Menschen, die das stilvolle Auftreten des Trainers, die beispielhafte Siegesmentalität der Multikultitruppe in der Liga und in Europa, die Angriffswucht der magischen Drei, und das Gesamtbild des Klubs, spannend finden. Es ist kein Zufall, dass der Spartensender RTL-Nitro zweimal absolute Traumquoten mit Europa-League-Spielen der Eintracht erzielte und die Begegnung sogar zum eigenen TV-Mutterschiff RTL abgewandert ist.

Die Eintracht, so dynamisch und powervoll wie vielleicht noch nie, ist auf dem Weg, ein nationaler Big Player zu werden, nicht wirtschaftlich und nicht in der Dimension wie Bayern oder Dortmund, aber in der Wahrnehmung klettert sie schnell nach oben.

Die Kardinalfrage wird sein, ob die Entwicklung nachhaltig sein kann. Hinter den Kulissen werden die Rahmenbedingungen geschaffen, um dauerhaft erfolgreich sein zu können. Viele Projekte sind aufs Gleis gesetzt, auch wenn es, wie beim Bau des Proficampus, noch (an der Stadt) hängt. Doch in puncto Stadionausbau, Digitalisierung, Vermarktung und Betreibung der Arena hat die Eintracht schon längst Fakten geschaffen oder sich ganz klar positioniert.

Eintracht - Inter: Ein Platz ist noch frei 

Arnfried Lemmle, der neue Marketing-Bereichsleiter, hat schon mal die Stoßrichtung vorgegeben: „Eintracht Frankfurt wird extrem aufhorchen lassen. Einige in der Liga werden mit den Ohren schlackern, was hier geschieht.“

Sportlicher Erfolg ist indes mit den sehr ordentlichen, aber im Vergleich zur Konkurrenz weiterhin beschränkten wirtschaftlichen Mitteln nur schwer planbar. Zwei, drei Fehlentscheidungen an wichtigen Positionen können schwerwiegende Auswirkungen haben. Noch heute hat der eine oder andere Verantwortliche Hannover 96 als abschreckendes Beispiel vor Augen: Die Niedersachsen zogen zweimal hintereinander in die Europa League ein, einmal gar ins Viertelfinale, sie schienen der Eintracht auf viele Jahre hinweg enteilt, ihr Etat betrug damals, aufgestellt mit sehr viel weniger TV-Geld als heute, schon 45 Millionen Euro, der der Eintracht lag bei 31 Millionen. Das war 2013. Heute scheinen die Klubs erneut Welten zu trennen – nur haben sich die Positionen ins Gegenteil verkehrt.

Eintracht Frankfurt und die Fans: Eine besondere Beziehung

Die Eintracht hat ein anderes Selbstverständnis entwickelt, tritt längst wie eine Spitzenmannschaft auf – auf dem Feld, aber auch außerhalb des Platzes. Die Kleinmacherei ist vorbei, die Auftritte des Klubs haben Klasse und Stil. Das Europa-League-Achtelfinalrückspiel im mächtigen Fußballtempel San Siro gegen Inter Mailand nutzt der gesamte Verein, um sich selbst zu feiern und den internationalen Auftritt zu zelebrieren, auf Einladung sind viele Freunde, Gönner und ehemalige Profis wie Andreas Möller oder Thomas Berthold mit nach Milano gereist. Es geht, wie der Frankfurter Vorstand Axel Hellmann findet, aber immer noch ein bisschen besser. Der Gastgeber dient ihm dabei als Vorbild: „Inter ist ein Klub mit Größe, ein Weltklub mit Stil“, sagt er. „Da können wir noch etwas lernen.“

In Frankfurt bauen sie natürlich auf ihre Fans, die mehr als nur ein Farbtupfer dieses Wettbewerbs sind, sie machen die Europapokalspiele immer wieder zu Erlebnissen, zu Hause durch atemberaubende Choreografien und eine Gänsehautstimmung und auswärts vor allem durch ihre ungeheure Wucht.

Die Uefa hat das sehr wohlwollend registriert, die Eintracht ist ein Zugpferd für ihre immer noch argwöhnisch beäugte Europa League. Welch Wunder, kein Verein bringt regelmäßig so viele Anhänger mit zu den Spielen – in Mailand werden rund 15 000 Frankfurter Zuschauer im imposanten Giuseppe-Meazza-Stadion erwartet, 20 000 Anfragen gab es. Viele werden die gut 700 Kilometer mit dem Auto hinter sich bringen und den Brenner überwinden. Rund 15 000 Fans – damit wird die Eintracht ihren eigenen Rekord knacken, damals, im November 2013, waren 12 000 Menschen nach Bordeaux gekommen. Die Eintracht-Verantwortlichen haben mit sehr viel Wohlwollen registriert, wie kulant und generös sich Inter Mailand verhalten hat.

Binnen 24 Stunden hat der Klub das Eintracht-Kartenkontingent von 5500 auf 13 500 aufgestockt, Lazio Rom etwa zackerte über Wochen, um die Anzahl der Tickets doch noch um 2700 auf 8500 zu erhöhen. „Dass uns Inter nicht noch mehr Karten zugestanden hat, lag nur daran, dass sie ihre Heimspielatmosphäre nicht gefährden wollten“, sagt Eintracht-Justiziar Philipp Reschke, der ausnehmend lobende Worte für die Mailänder Kontrahenten übrig hat: „Tolle Atmosphäre, alles sehr angenehm und unkompliziert.“

Komplizierter dürfte es heute Abend dagegen sportlich werden, aber der Rahmen für den nächsten Coup ist schon mal abgesteckt. Und zur Not mal Sauerkrautlöckchen „Falke“ fragen, der weiß, wie’s geht.

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