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Auf der Suche nach den fehlenden Punkten: Ante Rebic (links) und Filip Kostic, enttäuscht.

Bundesliga

Die verlorene Leichtigkeit

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt geht auf der Schlussgeraden die Kraft aus, weshalb Platz vier in Gefahr gerät, aber weiterhin machbar ist. 

Eine knappe halbe Stunde war gespielt am Samstag im Stadtwald, es lief nicht so wirklich rund und gerade hatte Martin Hinteregger mit einer ungeschickten und bei ihm selten gesehenen Aktion dem Gegner aus Berlin fast das 1:0 (durch Vedad Ibisevic) ermöglicht, da hat der Österreicher um ein Gespräch gebeten. Sozusagen von Mann zu Mann, und zwar mit sich selbst. „Hey Junge“, hat er zu sich gesagt, „wer bist du? Spiel mal wieder einen ordentlichen Ball!“ Der 26 Jahre alte Innenverteidiger, eigentlich ein Ausbund an Solidität und Geradlinigkeit, hat früh schon am eigenen Leib gespürt, was Trainer Adi Hütter viel später bei der Analyse so zusammenfasste: „Es hat vieles nicht gepasst.“ Einfache Ballverluste, viele leichte technische Fehler, kaum Kombinationen, und kaum einer konnte sich derlei Ungenauigkeiten schlüssig erklären.

An diesem 31. Spieltag und einem 0:0 gegen eine Berliner Mannschaft, die im fußballerischen Niemandsland agiert und zuletzt nicht gerade durch beeindruckende Siege auf sich aufmerksam gemacht hat, hat Eintracht Frankfurt eine prima Gelegenheit verpasst, den vierten Platz zu festigen, sich ein kleines Punktepolster anzufressen für die kommenden schweren Aufgaben.

Das torlose Remis war zweifelsohne ein Dämpfer, ein kleiner Stimmungskiller vor dem europäischen Auftritt an diesem Donnerstag (siehe auch Sport S2 und S3). Ein Erfolg gegen Hertha BSC war fest eingeplant gewesen, „ich habe einen Sieg erwartet“, sagte Hütter, ähnlich wie vor zwei Wochen gegen den FC Augsburg: „Ein Punkt aus zwei Heimspielen in einer Phase, in der wir von der Champions League träumen, ist zu wenig“, befand er enttäuscht, „das sind die Big Points, die wir herschenken.“

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Und weil die Eintracht vor Wochenfrist auch in Wolfsburg den Sieg in der Schlussminute aus der Hand gegeben hat, fehlen im Schlusssprint jetzt die entscheidenden Zähler. Und: Seit drei Spielen hat Eintracht Frankfurt in der Bundesliga nicht mehr gewonnen.

Eintracht Frankfurt droht die Puste auszugehen

Den Frankfurtern droht tatsächlich auf der Zielgeraden die Puste auszugehen, sie wirken lange nicht mehr so frisch und unbeschwert wie noch vor Wochen, eher ausgebrannt, abgespannt, aufgezehrt. Wobei das Problem weniger in der körperlichen Schlappheit liegt als im mentalen Bereich. Man kann der Mannschaft wahrlich nicht den erforderlichen Willen absprechen, an Einsatzbereitschaft oder an Physis mäkeln. „Die Müdigkeit war kein Faktor“, sagte Hinteregger klipp und klar, auch in dieser Partie hat das Team wieder mehr intensive Läufe und Sprints angezogen als Hertha. „Man kann nicht sagen, sie wollten nicht, aber sie haben die falschen Mittel gewählt“, fand Sportvorstand Fredi Bobic. Und: „Mehr war nicht drin.“

Was zuletzt so einfach von der Hand ging, bereitet aktuell unendliche Mühe. Ein bisschen schwimmen der Eintracht gerade die Felle davon. Die Gefahr, von der Konkurrenz ein- und überholt zu werden, ist gewachsen. Natürlich stecken den Frankfurtern 45 Pflichtspiele in den Knochen, wirken Spieler wie etwa Danny da Costa oder Luka Jovic leer gespielt, mürbe und ausgepowert. „Luka hat schon leichter Fußball gespielt“, urteilte Hütter über seinen besten Torschützen. Man müsse ihm „helfen und ihn unterstützen“, sagte der Coach, er sei ja erst 21, immerhin habe er „sich reingekämpft“. Fakt ist aber auch: Der Knipser (17 Tore) hatte keine auffällige Aktion in den 90 Minuten. Dazu kommt, dass eine Idee fehlte, wie den Berlinern beizukommen sei. Es wurde viel zu hektisch agiert, viel zu schnell versucht, den Ball in die Spitze zu spielen, und das meist mit langen Bällen. Diese Variante macht Sinn, wenn einer wie Sebastien Haller mitspielt, der im Zentrum die Bälle festmachen kann. Haller fehlt aber wegen einer mysteriösen, hartnäckigen Bauchmuskelverletzung bis auf Weiteres. Vom einst gefürchteten Pressing ist übrigens gar nichts mehr zu sehen.

Schließlich kamen auch die beiden Flügelspieler da Costa und Filip Kostic zu selten auf ihren Seiten gefährlich durch, auch fanden Sebastian Rode und Jonathan de Guzman, der für den leicht angeschlagenen Mijat Gacinovic spielte, nicht die nötigen Strippen, an denen sie hätten ziehen sollen. Die Folge: Die Eintracht vermochte kaum Druck auf das Berliner Tor zu entwickeln. Drei aussichtsreiche Möglichkeiten, die besten hatten Ante Rebic (32.) sowie Jonathan de Guzman (34. und 73.), sind auch nicht gerade beängstigend viel. Dazu ging praktisch jeder zweite Ball an die Hertha, Fehlpässe wurden am laufenden Band geschlagen, die Frankfurter Passquote betrug unter 70 Prozent – das ist ein ausgesprochen niedriger Wert, ungewöhnlich für eine Mannschaft wie die Eintracht, die oft genug spielerische Lösungen sucht und auch findet. 

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„Ich hatte nie das Gefühl, dass wir das Spiel in der Hand halten“, sagte Hütter. Tatsächlich war es der schlechteste Auftritt der Saison. „Wir waren schwach“, urteilte der starke Makoto Hasebe gnadenlos, „unsere Leistung hat nicht gereicht.“ Torwart Kevin Trapp bemängelte, dass vieles „lethargisch und träge“ ausgesehen habe. Und er war es allein, der in der Schlussminute Aug’ in Aug’ gegen Per Skjelbred wenigstens noch das 0:0 festgehalten hatte.

„Wir haben nie zu unserem Spiel gefunden“, sagte Hütter tief enttäuscht über Leistung und Ergebnis so kurz vor Ultimo. In so einem Spiel, das „unrund“ gelaufen und „zerfahren“ gewesen sei, brauche es „intelligente Lösungen“, diese Lösungen hat seine Elf nicht gefunden. „Wir wollen weiter unter die ersten Vier“, gibt er tapfer als Ziel aus. Und Platz vier haben die Hessen, trotz lediglich zwei Punkten aus drei Spielen, weiterhin inne. Allerdings sind die Hürden bei zwei Auswärtsspielen bei Bayer Leverkusen, „einem Sechs-Punkte-Spiel“ (Hasebe), und am letzten Spieltag bei Bayern München alles andere als niedrig. Seinen Optimismus freilich will Adi Hütter trotz der kleinen Formdelle nicht verlieren, „die Hoffnung stirbt bei mir zuletzt“. Und auf die Frage, was ihm Hoffnung für den Rest der Runde mache, sagte er lapidar: „Die ganze Saison macht mir Zuversicht.“

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