Daichi Kamada wird von Teamdoktor Florian Pfab betreut.
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Daichi Kamada wird von Teamdoktor Florian Pfab betreut.

Eintracht Frankfurt

Kamada fällt mit Bänderriss aus - schlägt die Eintracht nochmal zu?

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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Daichi Kamada hinterlässt bei Eintracht Frankfurt die Frage, ob nicht doch besser externe Verstärkungen her sollten.

In der Regel achtet in den Interviewzonen der Fußballrepublik niemand so recht auf Daichi Kamada. Die Reporter wissen ja längst, dass sie nach den diversen Europa- oder Ligakicks von Eintracht Frankfurt keine Worte erwarten können vom Japaner in Diensten des Bundesligisten. Zu schüchtern soll er sein, dazu beherrscht er die deutsche Sprache nicht, alles in allem ehrlicherweise wirklich keine guten Voraussetzungen für eine Plauderstunde vor den Aufnahmegeräten.

In Saint Petersberg, in den Katakomben des Al Lang Stadiums, war das nach der 1:2 (0:0)-Niederlage der Hessen im Testspiel gegen Hertha BSC auch nicht anders, und irgendwo doch komplett anders. Kamada machte alles wie immer, er senkte den Kopf, schaute den Boden an und lief vorbei an den Mikrofonen und Notizblöcken der Reporter, das schon, die Blicke der Anwesenden aber fokussierten ihn diesmal mehr denn je. Denn Kamada humpelte mit dem rechten Fuß, das war nicht zu übersehen und ist keine gute Nachricht für Eintracht Frankfurt.

Eintracht Frankfurt startet im 4-2-3-1-System

Der Japaner, der am Mittwochabend Ortszeit in den USA gegen die Berliner im 4-2-3-1-System von Trainer Adi Hütter anfangs den Freigeist im offensiven Mittelfeld hinter Stoßstürmer Bas Dost geben durfte, musste noch vor der Pause das Feld verlassen. Er hatte im Mittelfeld einen unsinnigen, weil viel zu harten Tritt von Hertha-Abräumer Per Skjelbred kassiert. „Umgeknöchelt“ sei Kamada daraufhin, erklärte sein Trainer direkt nach dem Spiel, also mit dem rechten Sprunggelenk umgeknickt. Sofort eilten die Ärzte zur Hilfe auf den Rasen herbei, verstanden erst aber nicht so genau, was der 23-jährige Japaner ihnen sagen wollte. Dolmetscher Koichi Kurokawa wurde hinzu zitiert und teilte wenig später mit, was alle sahen: Kamada kaputt. Er stand zwar noch mal auf und versuchte weiterzumachen, musste kurz drauf in der 36. Minute aber endgültig aufgeben. „Er hat Schmerzen verspürt, jetzt müssen wir abwarten, was die Untersuchungen ergeben. Den Teufel will ich nicht an die Wand malen“, sagte Trainer Hütter.

Der Teufel war in diesem Fall ein Bänderriss, der sich tags drauf bei einer MRT-Untersuchung bestätigte. Kamada wird einige Zeit lang fehlen, wie lange ist noch ungewiss. „Er hat sich etwas gerissen, aber wie schlimm es genau ist, werden wir in Deutschland noch einmal überprüfen“, sagte Trainer Adi Hütter. Die ersten Aufnahmen des Knöchels hätten noch nicht vollends Aufschluss über die Schwere der Blessur gegeben. „Er wird aber ausfallen.“ Ein großes Problem.

Denn Hütter hatte mit Kamada geplant, sogar wohl noch mehr als mit dem drei bis vier Monate fehlenden Gelson Fernandes (Sehnenriss im Hüftbeuger). Das Trainingslager an der Westküste Floridas hat dem Team aus dem Hessenland zwar „geile Tage“ eingebracht, wie Stürmer Bas Dost sagte (siehe Artikel rechts), aber auch zwei verletzte Mittelfeldmänner. Der Handlungsdruck auf dem Transfermarkt wird somit nicht gerade geringer, aktuell stehen für den zentralen Bereich zwar noch sechs Alternativen parat – der von Wehwehchen geplagte Sebastian Rode, der mental oft zittrige Djibril Sow, der kämpfend ungestüme Dominik Kohr, der bemüht, aber hippelige Mijat Gacinovic, der langsam alternde Makoto Hasebe und der stets angeschlagene Jonathan de Guzman. Quantitativ ausreichend, aber qualitativ?

Eintracht Frankfurt: Hütter denkt über Neuzugänge nach

Dieser Frage müssen sich die Eintracht-Bosse nun stellen. Trainer Hütter beantwortete sie gestern wie folgt: „Es wäre fahrlässig, nicht über neue Spieler nachzudenken.“ Er bezog sich dabei ausdrücklich auf das defensive und offensive Mittelfeld. „Es gibt immer eine Liste an möglichen Spielern, aber jetzt müssen wir sehen, wie realistisch sie sind.“

Die Priorität liegt also in naher Zukunft auf einer Verpflichtung fürs zentrale Mittelfeld, Problemzonen gibt es aber auch andere. Vorne zum Beispiel scheint Bas Dost zwar gut in Schuss, Goncalo Paciencia aber gelang in Florida nicht viel, eher wenig. Auch beim Test gegen die Hertha hatte er keine nennenswerte Aktion und damit trotz knapp 55-minütiger Arbeitszeit ebenso wenige wie sein mal wieder angeschlagener Portugiesen-Partner André Silva (Wadenverhärtung). Dejan Joveljic immerhin, der in der Hinrunde kaum eingesetzte Nachwuchsmann, ließ in Hälfte zwei mit einem Fallrückzieher aufhorchen.

Während sich links draußen Evan Ndicka in der Viererabwehrreihe hinter Offensivmann Filip Kostic festgespielt zu haben scheint, wackeln die Männer an der anderen Seite des Feldes gewaltig. Danny da Costa schlurfte im ersten Abschnitt als rechter Verteidiger seltsam lethargisch über den Rasen und steigerte sich erst nach dem Seitentausch in offensiverer Position. Unter anderem traf er als Rechtsaußen den Pfosten. Probieren durfte sich als rechter Flügelmann in den ersten 45 Minuten auch Mijat Gacinovic und machte es dort laut Trainer Hütter „ganz, ganz gut“. Das sahen freilich nicht alle Beobachter so.

Nicht unerheblich für den Ausgang des Spiels gegen den Ligakonkurrenten aus der Hauptstadt um deren Hauptattraktion, Trainer Jürgen Klinsmann, war der Auftritt von Almamy Touré. Der Frankfurter agierte als Rechtsverteidiger offensiv zwar auffällig und legte das zwischenzeitliche 1:1 von Timothy Chandler auf (73.), hinten aber entstanden beide Berliner Treffer von Alexander Esswein über seine Seite. Zur Ehrenrettung Tourés, der ja immer mal wieder Bruder-Leichtfuß-Momente in sein Spiel einbaut, muss festgehalten werden, dass beim 0:1 (71.) auch Hasebe und Ndicka je einen Schritt zu spät kamen. Beim Elfmeter vor dem 0:2 grätschte der Franzose dann allerdings völlig sinnfrei in Gegner Alexander Esswein.

Nun sollten die aufgeführten Probleme die Situation nicht überdramatisiert werden. Grundsätzlich waren die Frankfurter im Vergleich mit der Berlinern B-Mannschaft – viele Stammkräfte um Vladimir Darida, Marko Grujic oder Dodi Lukebakio standen nicht auf dem Rasen – die fußballerisch bessere Truppe. Auch lobte Trainer Hütter nicht unberechtigt die vorhandene Kompaktheit in der ersten Hälfte. „Wir haben es gerade in der Innenverteidigung und im Mittelfeld ordentlich gemacht“, sagte er, „in der ersten Halbzeit haben wir es gut gespielt.“ Sow wusste anfangs mit zwei, drei längeren, dynamischen Tempoläufen zu überzeugen, Rode räumte kernig ab, Kostic rannte wie immer rauf und runter, Martin Hinteregger und David Abraham verteidigen robust. Und auch Torhüter Kevin Trapp feierte nach monatelanger Verletzungspause für sich persönlich ein gelungenes Comeback, er agierte ohne Angst.

Am Ende des Tages aber blieb eine Szene in den Köpfen hängen: Der humpelnde Abgang von Daichi Kamada.

Am Ende des Tages aber blieb eine Szene in den Köpfen hängen: Der humpelnde Abgang von Daichi Kamada.

Von Daniel Schmitt

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