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Neuzugang im Winter bei Union: Yunus Malli.

Union Berlin

Eintracht-Gegner Union hat schnell gelernt

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Aufsteiger Union Berlin hält sich klar über dem Strich.

Es gehört zu den Eigenschaften des Urs Fischer, dass der Trainer von Union Berlin um seine Person nicht viel Aufhebens macht. Der 54. Geburtstag am Donnerstag vergangener Woche sollte kein Anlass sein, die eigene Bescheidenheit abzulegen. Trotzdem kam der Schweizer nicht um das Ritual herum, dass bei vielen Fußballmannschaften üblich ist: Geburtstagskinder gehen in die Mitte und der Rest der Truppe darf einmal den Jubilar abschießen: Weil Fischer wusste, was kommen würde, nahm er vorsichtshalber lieber die Brille ab. Sicher ist sicher.

Danach gab es immerhin ehrliche Glückwünsche am Trainingsplatz: Kiebitze hatten eine kleines Präsent mitgebracht, dass sie mit der eisernen Bitte übergaben: „Ein Punkt am Montag wäre schön“. Dann tritt der Aufsteiger bekanntlich im Frankfurter Stadtwald zum Abschluss des 23. Spieltags an. Die Losung der Anhänger für das Auswärtsspiel bei der Eintracht trifft es recht gut: Ein Remis wäre ein weiteres hübsches Fischer-Präsent mit Schleifchen, ist aber in der aktuellen Situation nicht zwingend.

Neun Punkte Polster

Mit 26 Zählern stehen die Eisernen klar über dem Strich, haben neun Punkte mehr als die auf dem Relegationsrang stehende Düsseldorfer Fortuna. Wer das nach den ersten Eindrücken der Saison vermutet hätte, wäre belächelt worden: zu bieder wirkten die ersten Gehversuche in ungewohnter Umgebung. Auch die Frankfurter nahmen am sechsten Spieltag mit eingeschränktem Aufwand drei Punkte an der Alten Försterei (2:1) mit auf die Heimreise.

Doch seitdem ist viel passiert. Zu der großen Leidenschaft und hohen Einsatzbereitschaft hat Union bemerkenswerte taktische und spielerische Fortschritte gemacht. Zuletzt nach der 2:3-Niederlage gegen Bayer Leverkusen konnte der in Frankfurt wegen seiner fünften Gelben Karte gesperrte Kapitän Christopher Trimmel anmerken: „Wir haben gar kein schlechtes Gefühl, weil wir nicht schlecht gespielt haben.“ Und Trainer Fischer bemühte sogar Basketball-Legende Michael Jordan, um den Last-Minute Nackenschlag gegen einen Champions-League-Anwärter ins rechte Licht zu rücken: „Wer nicht lernt, mit Niederlagen umzugehen, wird nie ein Sieger sein.“ Positive Gefühle überwogen also bei weitem.

Wer den Union-Ansatz verfolgt, kommt nicht umhin, neben dem Trainer auch dem Sportchef Oliver Ruhnert ein Kompliment zu machen: Anders als der SC Paderborn rüttelte dieser Neuling sehr wohl an den Verdiensten der Aufstiegshelden, was sich in einer Vielzahl an Neuzugängen widerspiegelte. Der wirtschaftlich erstaunliche starke Underdog holte mit Christian Gentner vom VfB Stuttgart oder Anthony Ujah vom FSV Mainz bundesligaerprobte Akteure hinzu, im Winter kam noch Yunus Malli vom VfL Wolfsburg. Weil es für Kaderplaner Ruhnert ohne die Komponente Erfahrung nicht geht. Aber durch die Decke schossen andere Protagonisten: Mittelstürmer Sebastian Andersson, der mit acht Treffern und seiner Kopfballstärke auf der Wunschliste anderer Vereine stand. Den Kontrakt des hünenhaften Schweden hat Ruhnert gerade bis 2022 verlängert. Bei Shootingstar Marius Bülter, der inzwischen bei sieben Treffern steht, sollte es einfacher sein: Die Leihgabe vom FC Magdeburg kann per Kaufoption gebunden werden. Andersson und Bülter sind die besten Beispiele, dass manch Fußballer schnell mit ihren Aufgaben wachsen. Auch Torwart Rafael Gikiewicz, der um einen besseren Vertrag pokert, ist in der ersten Liga zur Stütze aufgestiegen.

Das recht harmonische Umfeld bei Union Berlin tut ein Übriges. Gentner, der mit dem VfB Stuttgart (2007) und VfL Wolfsburg (2009) zwei sensationelle Meisterschaften feierte, danach aber Abstiegskampf pur erlebte, ist beeindruckt von der ganzen Atmosphäre „im Verein und ringsherum“, wie der 34-Jährige zuletzt bekannte. Es herrsche eine große Dankbarkeit, überhaupt in der Bundesliga zu dürfen. „Jedes Heimspiel wird wie ein Festtag gefeiert.“ Und es gebe dadurch nur positiven Druck: „Der Klassenerhalt wäre eine Sensation.“ Das sei der entscheidende Unterschied zu seinen Erfahrungen in Stuttgart. Dort wurde der Abstieg im Mai 2019 als riesige Katastrophe wahrgenommen, weil eben die Erwartungshaltung eine ganz andere war. Was Gentner sagen wollte: Stuttgart konnte im Relegationsspiel gegen Union nur verlieren, der Zweitligist hingegen nur gewinnen. „Das ist eine andere Denkweise. Beim VfB hast du eine unterschwellige Angst, wenn du die Klasse nicht hälst. Das macht mir dir etwas im Kopf.“

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