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Oliver Ruhnert. Foto: imago images
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Oliver Ruhnert.

Interview

Eintracht-Gegner Union Berlin: „Es stört mich, dass wir dauernd so tun, als sei alles alternativlos“

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Oliver Ruhnert, Manager von Union Berlin und Linken-Politiker, über begrenzte Gültigkeit von Verträgen, die Rückkehr von Fans und seinen Unmut über die Corona-Politik.

  • Eintracht Frankfurt trifft auf Union Berlin.
  • Oliver Ruhnert, Manager von Union Berlin, im Interview mit der FR.
  • Kampf um die internationalen Plätze.

Wenn Union Berlin bei Eintracht Frankfurt antritt, spielt der Siebte beim Vierten. Gemessen am Personaletat sind das herausragende Platzierungen für beide Teams. Treffen die Klubs mit den beiden besten Managern aufeinander?

Bei solch einer Schlussfolgerung wären wir sogar noch vor der Eintracht (lacht). Spaß beiseite: Wenn die Bundesliga jetzt zu Ende wäre, hätten beide Vereine etwas Sensationelles erreicht. Egal, ob Fredi Bobic, andere Manager-Kollegen oder ich: Jeder hat seine Pläne mit dem Kader, ob die aufgehen, hängt auch an Trainern und Spielern – und ist ein bisschen Glückssache.

Eintracht Frankfurt holt Christopher Lenz von Union Berlin

Die Eintracht hat Unions Linksverteidiger Christopher Lenz ablösefrei für kommenden Sommer verpflichtet. Waren Sie enttäuscht, dass er nicht bleibt?

Wehgetan hat das eigentlich weniger, weil es für seine Entwicklung spricht. Wir waren in guten Gesprächen miteinander, dass er sich dann recht kurzfristig entschieden hat, das Angebot aus Frankfurt anzunehmen, kann ich ihm sportlich und wirtschaftlich nicht verdenken. Christopher hat uns viel gegeben. Die Eintracht bekommt einen Spieler, der sich Jahr für Jahr zu steigern wusste.

Sie haben vergangenen Sommer ablösefrei Max Kruse unter Vertrag genommen. Über ihn hat die Eintracht 2018 auch nachgedacht, damals standen aber Gehaltsforderungen von sechs Millionen Euro im Raum. Man kann davon ausgehen, dass er für nicht annähernd ein solches Salär bei Union spielt, oder?

Solche Größenordnungen sind für uns überhaupt nicht darstellbar. Vielleicht haben wir bei Max einfach die Gunst der Stunde genutzt und waren schon sehr früh dran. Unser Verein ist anders, vieles bleibt intern, die Stadt Berlin ist spannend: Am Ende hat für uns das Paket gesprochen – und da war nicht der wirtschaftliche Punkt entscheidend. Wir haben gesagt: Wir haben bei dieser Personalie nichts zu verlieren.

Kruse ist ein polarisierender Profi. Er nimmt eine Pizza mit zum Fernsehinterview, streitet mit der Polizei über einen Strafzettel. Fürchten Sie da nicht manchmal um die vom Klub gelebten Werte?

Wenn mir gewisse Dinge „too much“ sind, gehe ich auch mit Max in den Austausch. Er geht offen mit Kritik um. Max meint hier nicht, es gibt hier die Mannschaft plus Max, sondern er ist Teil der Mannschaft. Er geht jedes Spiel professionell an.

Eintracht Frankfurt: Kampf um Europapokal mit Union Berlin

Er hat aber gerade wenig Lust auf einen neuen Europapokalwettbewerb. Vergangenen Samstag sagte er wörtlich: „Auf die Europa Conference League habe ich irgendwie keinen Bock. Ich weiß nicht einmal, was das ist.“ Sie wissen das wahrscheinlich schon, denn wenn Union Siebter bliebe, könnte genau das herauskommen.

Das ist sicherlich eine Sache, die ihm noch bewusst werden muss und wird. Wenn ein Verein wie der 1. FC Union Berlin mit seinen Möglichkeiten, seiner Vergangenheit einen solchen Platz erreichen kann, ist das für die Menschen hier in Köpenick ein Wahnsinn. Dass wir derzeit siebtbeste Mannschaft in Deutschland sind, ist für viele nicht zu fassen. Man sollte das mehr aus dieser Perspektive betrachten.

Der Fansprecher Sig Zelt von „Pro Fans“, Anhänger der Eisernen, kritisiert die Gründung neuer Wettbewerbe scharf.

Ich bin auch der Auffassung, dass es genug gibt, und ich brauche auch keine aufgeblähte WM mit 48 Mannschaften. Ich möchte aber mal betonen, dass der Europapokal bei uns nicht wirklich ein Thema ist. Wir treten an den letzten Spieltagen fast ausnahmslos gegen vor uns stehende Mannschaften an, haben noch fünf Auswärtsspiele bei den Topteams vor uns (Eintracht Frankfurt, Bayern München, Borussia Dortmund, VfL Wolfsburg, Bayer Leverkusen; Anm. d. Red.).

Wie sehr erfüllt es Sie mit Stolz, dass Sie im zweiten Bundesligajahr bereits 17 Punkte mehr haben als Stadtrivale Hertha BSC?

Es ist kaum zu glauben, dass wir gerade zwei Punkte hinter Leverkusen, vier hinter Dortmund stehen. Natürlich ist man stolz darauf, das Saisonziel jetzt fast erreicht zu haben – das hat aber nichts mit Hertha zu tun.

Hat Hertha BSC bei Ihnen nachgefragt, ob Sie dort Geschäftsführer Sport werden sollen?

Nee. Das wäre für mich auch gar nicht wichtig, um ehrlich zu sein. Wenn ich in Berlin bin, dann bei Union. Es ist für mich keine Zielsetzung, bei der Hertha zu arbeiten.

Eintracht Frankfurt: Ruhnert äußert sich zu Fredi Bobic

Können Sie verstehen, dass es den Frankfurter Sportvorstand Fredi Bobic offenbar zu Hertha zieht?

Ich kann als Außenstehender nur sagen: Was er mit der Eintracht geschafft hat, hat eine Wirkung weit außerhalb Frankfurts erzeugt. Dieser Standort ist durch ihn enorm gewachsen. Sein ganzes Verhalten ist nicht nur sehr professionell, sondern auch kollegial.

Mit seinem Wunsch, aus einem bis 2023 laufenden Vertrag auszusteigen, hat der Kollege einige Irritationen angerichtet. Finden Sie es nicht verwerflich, wenn sich nicht mal die Manager gebunden fühlen?

Es gibt immer eine Vereinssicht und eine Sicht des Arbeitnehmers. Vereine trennen sich auch von Trainern und Managern, obwohl Verträge laufen. Im Fußball ergeben sich manche Dinge genau dann, wenn man es eigentlich gar nicht will. Auf einmal gehen da Türen auf, wo man selbst gebunden ist, aber weiß, dass diese Chance im Jahr drauf obsolet ist. In exponierten Stellungen passiert das in der Wirtschaft übrigens genauso wie im Profisport.

Der Fußball hat sich ja längst daran gewöhnt, dass für Spieler Ablöse bezahlt wird, um Verträge zu brechen. Danach kamen die Entschädigungen für Trainer, nun werden von der Eintracht fünf Millionen für den zweimaligen Manager des Jahres aufgerufen. Angemessen?

Es passiert auch bei Athletiktrainern oder Scouts. Es sind nicht so viele Spitzenleute auf dem Markt. Wir müssen doch so ehrlich sein, dass es sich im Fußball um eine Liaison auf Zeit handelt. Ob das gut ist, lasse ich mal offen. Nehmen wir doch den umgekehrten Fall, wenn es in Frankfurt nicht gut laufen würde, wäre ja auch möglich, dass der Verein sich von Fredi Bobic trennt. Ich habe zu dieser Thematik wirklich ein ambivalentes Verhältnis.

Sie haben Ihren Vertrag zu Weihnachten verlängert. Ist es geheim, wie lange?

Es ist korrekt, dass der Klub keine Vertragslaufzeiten bekannt gibt. Aber ich habe über diese Saison hinaus verlängert…(lacht).

Können Sie denn ausschließen, dass Sie vertragsbrüchig werden?

(überlegt). Nein, ausschließen kann man nie etwas. Allein deshalb, weil man ja auch nie weiß, wie sich private Lebensverhältnisse entwickeln. Ich habe oft für mich persönlich gesagt, dass ich irgendwann zurück ins Sauerland möchte, wo ich herkomme. Aber als Manager hat man ja die Möglichkeit, die Vertragslaufzeit kurz zu halten, um sich solche Freiheiten zu bewahren.

Vor dieser Saison hat Eintracht Frankfurt sehr darum gekämpft, die Teilzulassung von Zuschauern umzusetzen. Sie haben am vergangenen Wochenende beim Heimspiel gegen den 1. FC Köln Schnelltests für zutrittsberechtigte Personen durchgeführt. Soll das ein Pilotprojekt für die baldige Rückkehr der Stadionbesucher sein?

Das war ein Einstieg, die Kultur in Berlin geht den nächsten Schritt und testet an diesem Wochenende für einige Pilotveranstaltungen das Publikum. Unser Pilotprojekt lief hervorragend, 165 Personen hatten wenige Minuten später das Ergebnis als Mitteilung auf dem Handy. Alle Tests waren negativ und jeder Test hat pro Person maximal zwei Minuten gedauert. Die Zahl der Stationen kann entsprechend ausgeweitet werden. Denn es ist meine tiefe Überzeugung, dass wir mehr in Lösungen und nicht so viel in Verboten denken müssen. Das ist ein Punkt, der mich gerade sehr, sehr stört.

Sie wollen häufiger hören, was geht – und nicht mehr, was nicht geht?

Absolut. Es stört mich einfach, dass wir andauernd so tun, als sei alles alternativlos. Das ist es nicht! Die wissenschaftlichen Erkenntnisse nach einem Jahr Pandemie für den Sport sind ziemlich eindeutig, dass das Ansteckungsrisiko auf dem Rasen oder auf den Tribünen bei Einhalten des Abstands und Tragen von Masken nahezu nicht gegeben ist. Das gilt auch für andere Bereiche wie die Ausübung des Amateursports. Ich finde, dass es höchste, wirklich höchste Zeit ist, in den Wiedereinstieg zu gehen. Wir können der Gesellschaft dauerhaft nicht das wegnehmen, was sie fürs Miteinander braucht.

Wie stehen Sie zum Vorschlag von Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, zum DFB-Pokalfinale eine größere Zahl geimpfter Zuschauer zuzulassen?

Bei Geimpften oder Schnellgetesteten geht es um die Risikominimierung des Stadionbesuchs. Wir können das jedoch nicht nur auf geimpfte Personen beschränken, weil ja viele Menschen auch die nächste Zeit noch gar kein Impfangebot bekommen.

Eintracht Frankfurt: Union-Manager ist Stadtrat in Iserlohn

Sie sind Fraktionsvorsitzender der Linken im Stadtrat von Iserlohn. Die Corona-Politik reißt gerade tiefe Gräben in die Gesellschaft. Die Beschneidung der Grundrechte zieht sich über die Monate, gleichzeitig steht nicht genügend Impfstoff zur Verfügung, die Impfungen laufen schleppend. Regt sich bei Ihnen auch Unmut?

Natürlich regt sich bei mir da auch Unmut. Wir werden gerne als die Privilegierten bezeichnet, was sicherlich so ist, weil wir im Profifußball den Beruf ausüben dürfen, aber natürlich nehme ich die Probleme in anderen Berufszweigen und in der Gesellschaft, in den Schulen wahr. Für mich ist entscheidend, dass wir eine Perspektive bekommen…

Die Entwicklungen in der Pandemie sind oft schwer vorhersehbar. Vermutlich sind Sie aber froh, dass Sie nicht in der Bundespolitik in Berlin Entscheidungen treffen müssen?

Auch auf kommunaler Ebene müssen Entscheidungen getroffen werden, die Schulen und Kindergärten berühren. Ich sage nicht, dass es für einen Bundespolitiker gerade einfach ist. Aber mich stört, dass man sich nach einem Jahr immer noch nahezu ausschließlich die gleiche Expertise anhört – und scheinbar nicht auf die Idee kommt, auch andere Sichtweisen hinzuziehen. Das ist sehr auffällig und nervig. Daher habe ich den Eindruck, dass mehr möglich wäre. Ich glaube, es gibt beim Umgang mit Corona sehr unterschiedliche Sichtweisen in der Wissenschaft, von denen einige aber wenig Gehör finden. Es gibt andere Länder, die einen anderen Weg eingeschlagen haben. Es urteilt sich als Außenstehender natürlich immer leicht, aber man hat trotzdem den Eindruck, dass es nicht rund läuft.

Könnten Politiker von Fußballfunktionären lernen? Oder müsste die Frage umgekehrt lauten?

Der Fußballfunktionär entscheidet für einen begrenzten Bereich, der Politiker verantwortet eine gesamtgesellschaftliche Sicht. Was für beide gilt: Wenn man eine A-Lösung nicht umsetzen kann, muss man eine B-Lösung versuchen. Ich glaube, dass erfolgreiche Entscheider über den Tellerrand hinausschauen und dann auch schnell merken, wo sie sich Hilfe holen müssen. Im Moment habe ich den Eindruck, dass diejenigen, die das im Fußball nicht tun, genauso wenig Erfolg haben wie diejenigen, die das in der Politik nicht tun. Interview: Frank Hellmann

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