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In der Luft war er eine ganz besondere Marke: Der Frankfurter Harald Karger (rechts, mit Bart), genannt „Schädel-Harry“. 

Erinnerung ans Uefa-Cup-Finale 1980

„Wir haben Bombe gespielt“

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Vor 40 Jahren: Das erste Uefa-Cup-Finale der Eintracht am 7. Mai 1980 gegen Borussia Mönchengladbach endete für Harald Karger tragisch.

Es ist nicht so, dass Harald Karger aus Weilburg heute eine Flasche Sekt köpfen würde. „Ehrlich gesagt“, sagt Harald Karger ehrlich, „habe ich gar nicht daran gedacht.“ Das alles sei mittlerweile dann doch ein bisschen „verblasst“, 40 Jahre ist es her, 40 lange Jahre, ein halbes Leben. Heute vor 40 Jahren, am 7. Mai 1980 war es, als Eintracht Frankfurt im Endspiel des Uefa-Cup-Wettbewerbs gegen Borussia Mönchengladbach stand. Seinerzeit wurde das Finale in Hin-und Rückspielen ausgetragen, die erste Partie am altehrwürdigen Bökelberg wurde an jenem 7. Mai angepfiffen, 25000 Zuschauer wollten das deutsch-deutsche Endspiel nur sehen. Es war ein packendes, ein hochklassiges Finale – nur mit dem falschen Sieger. Die Gladbacher gewannen diese erste Partie bekanntlich mit 3:2, waren den Hessen aber klar unterlegen. „Wir haben Bombe gespielt“, erinnert sich Harald Karger.

Es war für den bärtigen Senkrechtstarter Harald Karger ein besonderes, ein einzigartiges Spiel, es sollte der Höhepunkt seiner viel zu früh zu Ende gegangenen Karriere sein, aber das wusste der damals 23-Jährige natürlich noch nicht. Er war es, der die Eintracht in Führung gebracht hatte. Es war ein typisches Harald-Karger-Tor, solche Tore brachten ihm den Spitznamen „Schädel-Harry“ ein. Eine Ecke von Bernd Nickel köpfte der Mittelstürmer praktisch auf der Torlinie stehend ins Netz, „eine Faust links am Ohr, die andere rechts und mein Kopf in der Mitte“. Wolfgang Kneib, der baumlange Torhüter der Gladbacher, sah da nicht gut aus. Es war Ausdruck klarer Feldüberlegenheit, Christian Kulik (45.) glich mit einem Sonntagsschuss aus, Bernd Hölzenbein (71.) nach Vorarbeit von Ronny Borchers brachte die Eintracht wieder in Führung, ehe der seinerzeit 19 Jahre junge Lothar Matthäus (77.) und nochmals Kulik (88.) die Partie drehten. Matthäus war es auch, der zwei Monate zuvor die Karriere von Jürgen Grabowski beendet hatte, nach einem Tritt gegen den Knöchel am 15. März im Ligaspiel kam die Ikone nie mehr zurück. In der „Fohlen-Elf“ standen zudem Ewald Lienen, Winni Schäfer, Karl Del´Haye oder Wilfried Hannes, Trainer war Jupp Henyckes, damals gerade 35. Aber im Endeffekt sollte es reichen, weil im Rückspiel zwei Wochen später ein junger Mann namens Fred Schaub traf und Eintracht Frankfurt den wahrscheinlich größten Erfolg der Vereinshistorie bescherte.

Der 7. Mai 1980 wird für Karger immer ein besonderes Datum bleiben, wenn auch ein trauriges. Denn im Grunde endete an diesem Tag seine Karriere, die nur ganze neun Monate währte. Beim Stand von 2:2 will Karger in der eigenen Defensive aushelfen, „die Flanke kam, und ich wollte hoch zum Kopfball und bin dann aber in ein Loch oder so getreten und einfach umgeknickt. Ich habe sofort gemerkt, dass etwas kaputtgegangen ist, da ging gar nichts mehr, das waren Wahnsinnsschmerzen.“ Das Kreuzband war gerissen, unbemerkt, eingangs der 80er-Jahre gab es kein MRT, und der berühmte „Schubladeneffekt“ ließ sich beim muskelbepackten Karger nicht feststellen.

Nach dem Fehltritt von Gladbach ist Karger nie mehr richtig ins Laufen gekommen. Drei Wochen danach, er hatte seltsamerweise keine Schmerzen mehr, ging er sogar mit auf die Südkorea-Reise der Mannschaft, ins Heimatland von Bum-Kun Cha. Aber dort knickte er wieder um und musste unters Messer. Und trotz aller Versuche – Karger spielte sogar noch einmal im Uefa-Cup gegen Utrecht, kam in den nächsten beiden Jahren aber nur noch auf ganze fünf Bundesligakurzeinsätze – musste der Frankfurter Publikumsliebling seine Karriere auf höchstem Niveau begraben. Nach nur 28 Bundesligaspielen (neun Tore), elf Uefa-Cup-Begegnungen (sechs Tore) und zwei Spielen im Pokal (ein Treffer). Einmal noch sorgte er unfreiwillig für Furore, im Abschiedsspiel für Jürgen Grabowski, als im November 1980 die Eintracht gegen die 74er-Nationalmannschaft spielte und Karger gegen Franz Beckenbauer binnen zwölf Minuten drei Tore erzielte. „Ich habe gebrannt wie eine Fackel“, sagt Karger lächelnd, er wusste nicht, dass man in solchen Spielen auch mal mit angezogener Handbremse spielt. Zur Pause wurde er ausgewechselt.

„Schädel-Harry“, der im Uefa-Cup-Halbfinale beim 5:1-Sieg gegen den FC Bayern nach Verlängerung (und einem 0:2 aus dem Hinspiel) zwei Tore erzielt, war der Knipser, brachial, draufgängerisch, furchtlos, der „Horst Hrubesch aus Frankfurt“. Er war es, der das filigrane Spiel der Edeltechniker Grabowski, Hölzenbein, Nickel, Nachtweih, Borchers, Cha und Co. mit Toren veredelte. Auch beim Triumphmarsch durch Europa 1979/80 hatte er immer seine Tore gemacht, praktisch alle Spiele absolviert, ob gegen FC Aberdeen (1:1, 1:0), Bukarest (0:2, 3:0 n.V., inklusive des berühmten Sitzkopfballtores von Hölzenbein), Feyenoord (4:1, 0:1), Brünn (4:1, 2:3) oder Bayern München (0:2, 5:1 n.V.). Nur im Finalrückspiel war er nicht dabei, es tat weh. „Als die mit dem Pokal im Waldstadion ihre Ehrenrunde gelaufen sind, da stand ich nur am Rand. Alle sind vor Freude ausgeflippt, aber ich konnte mich gar nicht freuen, habe im Prinzip nur zugeschaut.“

Seine Karriere war kurz und außergewöhnlich. Abiturient Karger, zunächst erfolgreicher Leichtathlet, der 1977 bei den Hessischen Meisterschaften mit 10,7 Sekunden den sechsten Platz im 100-Meter Sprint belegte, spielte bis zum Alter von 22 Jahre noch in der Landesliga beim FC Burgsolms, erzielte dort mehr als 40 Tore. Vom Amateurkicker zum Uefa-Pokalsieger in weniger als einem Jahr – das war schon eine unglaubliche Karriere, ein Märchen, das Wirklichkeit wurde. „Wie in Trance“ habe er diese Zeit erlebt, Eintracht Frankfurt zählte seinerzeit zu den Top-Teams in der Bundesliga, Bruno Pezzey, Willi Neuberger, Horst Ehrmantraut, Werner Lorant, Jürgen Pahl im Tor – waren allesamt populäre Spieler der von Friedel Rausch angeleiteten Mannschaft: „Plötzlich stand ich mit Hölzenbein oder Jürgen Grabowski in einer Mannschaft. Drei Wochen vorher habe ich mir von denen noch Autogramme geholt. Das war so ein Hochgefühl, dass ich mich Tag und Nacht darüber gefreut habe.“ Der Traum währte viel zu kurz, „der Unvollendete“ hat die FR vor Jahren eine Geschichte über den Unerschrockenen aus der Provinz betitelt.

Heute ist Harald Karger 63 Jahre alt, er leitet eine Fußball-Akademie in Weilburg mit Stützpunkten in Wetzlar und Rennerod. Das Knie hält. Im Augenblick ist der zweifache Vater, der in seiner Geburtsstadt Weilburg lange Zeit ein Sport- und Fitnesscenter betrieben hat, wie viele ausgebremst worden. Der Trainingsbetrieb ruht wegen der Pandemie, „eine Katastrophe“. Zeit genug, um sich die 90 Minuten vom Bökelberg nochmals anzuschauen. „Das“, sagt „Schädel-Harry“, „habe ich lange nicht mehr getan“.

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