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Mit rechts über den Ball, mit links ins Tor - so geht der Fjörtoft-Übersteiger.

Jan-Aage Fjörtoft

Eintracht Frankfurt: Der Übersteiger für die Ewigkeit

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Der berühmte Übersteiger von Jan-Aage Fjörtoft jährt sich zum 20. Mal.

In einer der ganz wenigen stillen Minuten nach dem ersten Wunder vom Waldstadion sitzt Jan-Aage Fjörtoft einfach nur da, angelehnt an seinen Spind, mental down, ausgepumpt. In der Kabine von Eintracht Frankfurt herrscht ausgelassene Stimmung, hoch die Tassen überall und La Ola, Bier fließt, aber Jan-Aage Fjörtoft braucht, gänzlich ungewohnt für sein extrovertiertes Naturell, erst einmal einen Moment der Besinnung. Dann kommen die Gedanken: „Du musst verrückt sein, dass du einen Übersteiger gemacht hast in der Situation“, schießt es ihm durch den Kopf. „Stell Dir vor, ich hätte nicht getroffen.“ Ihm sei da ganz anders geworden.

Später dann, wieder der ewig aufgekratzte, aufgedrehte, meinungsstarke Jan-Aage Fjörtoft, musste er doch noch einen guten Spruch zum Besten gebe. Hätte er verschossen, und es war verdammt knapp, so knapp, dass ihm abends, als er seinen Treffer und die anderen Spiele im Fernsehen gesehen hatte, „richtig übel“ geworden war, hätte er also verschossen, „ich hätte nie wieder nach Deutschland einreisen dürfen“.

Der 29. Mai 1999 geht in die Eintracht-Geschichte ein

Doch Jan-Aage Fjörtoft hatte getroffen, zum 5:1 an jenem inzwischen legendären 29. Mai 1999 gegen den 1. FC Kaiserslautern, ein Champions-League-Anwärter. 20 Jahre ist das jetzt her, heute jährt sich dieser Volltreffer, der Eintracht Frankfurt half, nach einem sensationellen Endspurt und einem der dramatischsten Abstiegskämpfe der letzten Jahrzehnte mit einem einzigen Tor Vorsprung - nämlich dem, das Fjörtoft im allerletzten Spiel in letzter Minute erzielt hat -, noch die Klasse zu halten. Und der mächtige Norweger, kein filigraner Stürmer, eher ein kantiger Brecher, hatte den Ball nicht irgendwie ins Netz gestolpert, nein, er hatte den Lauterer Torwart Andreas Reinke mit einem Übersteiger übertölpelt. Das sah ziemlich elegant aus.

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Für ihn, hat er später erzählt, war diese Art, Tore zu markieren, nichts Außergewöhnliches. Diese Finte hat er sich als Kind antrainiert, er hat immer und immer wieder geübt, und in Norwegen mit Erfolg angewendet. „Lustigerweise habe ich die zwei vielleicht wichtigsten Tore meiner Karriere auf diese Weise erzielt“, erzählt der mittlerweile 52-Jährige, derzeit vornehmlich als TV-Experte beim Bezahlsender Sky tätig. 1993 erzielte er so das 2:0 für Norwegen gegen Polen, die Skandinavier durften dadurch zur WM in den USA und in seiner Heimat ist der Trick nach seinem Namen benannt. Jörg Berger übrigens, seinerzeit Trainer der Eintracht und einer der Väter des wundersamen Klassenerhalts, hat seinem Stürmer lange nicht abgenommen, dass er per Übersteiger schon mal irgendwo getroffen hätte.

Ein entscheidendes Tor

Der Treffer war auch deshalb so bedeutsam - und steht zu Recht in einer Reihe mit dem 6:3-Siegtreffer von Alex Schur gegen Reutlingen oder dem Tor von Mijat Gacinovic im letztjährigen Pokalfinale - weil er absolut entscheidend und notwendig war. „Ihr braucht noch ein Tor“, schrie an diesem 29. Mai gegen 17.20 Uhr an einem glühend heißen Tag im Waldstadion Reservespieler Thomas Epp an der Bande ins Feld. Ein 4:1 reichte nicht, weil alle anderen direkt im Abstiegskampf verstrickten Teams vor der Eintracht lagen. Und dann kam der Ball über den vor einem Jahr im Alter von 53 Jahren an einem Herzinfarkt verstorbenen Christoph Westerthaler, der ihn verstolperte, aber Fjörtoft war ja noch da, lief ein paar Schritte und bugsierte das Leder mit links ins Tor. Danach gab es kein Halten mehr, zumindest im Stadion und auf den Rängen nicht, nur Jörg Berger, über den Fjörtoft sagte, er hätte auch die Titanic gerettet, schaute geschäftsmäßig, aber auch ein bisschen ungläubig auf seine Armbanduhr. Dann war der Rasen schwarz vor Menschen.

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Oben auf der Haupttribüne, wohin die Mannschaft jubelnd längst gezogen war, entdeckte Fjörtoft, der Held des Nachmittags, plötzlich sein Herz für den Tanz - mit der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth, und wusste gar nicht, wen er da im Arm hielt. „Ich kannte diese sehr elegant angezogene Frau auf der Ehrentribüne nicht. Aber sie fiel mir natürlich sofort auf. Einer meiner Mitspieler hat mir gesagt, dass diese Frau die Oberbürgermeisterin ist. Da dachte ich mir: Mit der muss man tanzen. Also tanzten wir auf der Tribüne Walzer. Die elegante Frau und ich, der Stürmer mit den großen Oberschenkeln. Petra Roth hat besser getanzt als ich“, erinnert er sich.

Übersteiger sind übrigens in Frankfurt seitdem nicht ausgestorben: Sebastien Haller erzielte so in der Europa League das 3:1 gegen Schachtjor Donezk. „Mein Erbe geht weiter“, grinst Fjörtoft.

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