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Neuer Mann im Stadtwald: Almamy Touré, Zugang aus Monaco.

Transferpolitik Eintracht Frankfurt

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Eintracht Frankfurt hat die Transferpolitik modifiziert. Sie investiert in junge Spieler, die talentiert sind und in denen Potenzial schlummert.

Für Martin Hinteregger waren die vergangenen Tage arg turbulent und ereignisreich. Erst seine fundamentale und irgendwie auch seltsame Kritik am Augsburger Trainer Manuel Baum („Kann nichts Positives über ihn sagen“), dann die Suspendierung, die ihn ja gar nicht so hart traf, weil er ziemlich weich fiel. Es folgte nämlich ein Blitzwechsel nach Frankfurt, wo er nach nur einem Training mit der Eintracht am Samstag dem Tabellenführer Borussia Dortmund ein 1:1 abtrotzte und eine grundsolide Leistung auf den Rasen warf. Der Aufstieg von einem Abstiegskandidaten (Augsburg) zu einem Europapokalanwärter (Frankfurt) ist für den Österreicher noch nicht abgeschlossen, in neun Tagen wird er mit seinem neuen Klub seine erste Auslandsdienstreise antreten, dann spielt die Eintracht in der Europa League in Charkiw gegen Schatjor Donezk.

Der für ein knappes halbes Jahr ausgeliehene 26-Jährige wird noch ein paar Tage benötigen, um zu realisieren, was da alles auf ihn eingestürzt ist, und er wird auch damit leben müssen, dass es in Augsburg längst hartnäckige Gerüchte gibt, wonach er seinen Abgang bewusst provoziert hat. FCA-Manager Stefan Reuter ist offenbar auch dieser Meinung. Auf eine entsprechende Frage der „Bild“ antwortete er: „Es scheint so.“

Für die Eintracht ist die Verpflichtung des Innenverteidigers ein eher untypischer Vorgang; der Spieler, der mit Trainer Adi Hütter aus früheren Salzburger Tagen gut bekannt ist und über die Maßen geschätzt wird, ist ihr, wenn man so will, vor die Füße gefallen, sie musste ihn nur noch aufnehmen.

Eine Kaufoption ist nicht vereinbart worden, die Eintracht will abwarten, wie sich der Kärtner einfügt. Zudem haben die Augsburger, die Hinteregger vor zweieinhalb Jahren für rund sieben Millionen Euro aus Salzburg kauften, eine Ablösesumme in zweistelliger Millionenhöhe aufgerufen. Zu viel für den Frankfurter Bundesligisten.

Der Hinteregger-Deal ist sicherlich der am meisten beachtete Eintracht-Transfer am letzten Tag der winterlichen Transferperiode, doch der Klub hat auf den letzten Drücker zwei andere Spieler geholt, die sehr viel besser das Leitmotiv der Eintracht dokumentieren und als Sinnbilder dienen. Denn der Verein hat sich seit der Inthronisierung von Fredi Bobic und Chefscout Ben Manga im Sommer 2016 anders aufgestellt, er hat sich gehäutet und hat eine klare Linie, an der sich die Verantwortlichen entlanghangeln. Insofern sind die Transfers von Almamy Touré, 22, aus Monaco, und dem Brasilianer Tuta, 19, aus Sao Paulo deutlich spannender und hintersinniger als der Hinteregger-Deal. Die Sportliche Leitung hat ihre Ideen und ihre Ideologie modifiziert.

Zur Erinnerung: Vor zweieinhalb Jahren ging es darum, Akteure auf Leihbasis zu verpflichten, weil das enge Budget nicht mehr zuließ. Fredi Bobic musste damals erst Spieler verkaufen, um überhaupt neue holen zu können, das Investitionsvolumen betrug lumpige 2,7 Millionen Euro. Mittlerweile bewegt sich die Eintracht in anderen Sphären, sie hat ihre Mannschaft mit einer klugen Personalpolitik nach vorne entwickelt, was sich auch an den Marktwerten ablesen lässt, 226,05 Millionen ist das Team mittlerweile wert, damit liegt es direkt hinter den Topklubs.

„Unser Ziel ist es, Spieler zu veredeln“, sagt Hellmann

Die Eintracht investiert in junge Spieler, die talentiert sind und in denen Potenzial schlummert. Es sind Transfers mit Tiefgang und Fantasie, es sind Investitionen in die Zukunft. In diese Kategorie fällt die Verpflichtung des jungen Lucas Silva Melo, genannt Tuta, der bis 2023 gebunden ist und für den die Frankfurter rund 1,7 Millionen Euro zahlen. Dafür ist das Gehalt für Bundesligaverhältnisse überschaubar, der Verteidiger streicht rund 250 000 Euro per annum ein, soll in Ruhe und perspektivisch aufgebaut werden. Das Risiko für den Verein ist überschaubar. Funktioniert der Spieler, hilft er logischerweise rein sportlich gesehen weiter und wird zum anderen seinen Marktwert entsprechend steigern. Klappt es nicht wie erhofft, ist zumindest kein wirtschaftlicher Schaden entstanden.

„Unser Ziel ist es, Spieler günstig zu bekommen, sie zu veredeln, sie weiterzuentwickeln und zu einem höheren Preis abzugeben. Unser Weg führt über eine Transferpolitik, die wertbildend ist“, erklärt Vorstand Axel Hellmann. Das müsse nicht immer auf dem Tuta-Niveau ablaufen, es kann auch gut sein, dass die Eintracht mal „für sechs bis acht Millionen einkauft und für jenseits der 20 Millionen verkauft“. So könnte es beim französischen Verteidiger Evan Ndicka laufen, der für sechs Millionen Euro kam und jetzt schon fast 20 Millionen wert ist.

Und auch bei Almamy Touré ist die Eintracht diesen Weg gegangen; der hochveranlagte Spieler, 2016 für den „Golden Boy“-Award nominiert, hat ebenfalls einen Kontrakt bis 2023 unterzeichnet. Der 22-Jährige gilt als großes Talent, für das die Hessen nicht mal eine Million Euro an den AS Monaco überwiesen. Der Malier laboriert noch an einer Oberschenkelverletzung, soll aber spätestens Ende Februar spielfähig sein.

Es ist kein Zufall, dass die Eintracht Touré in Monaco entdeckte, den französischen Markt hat sie längst als höchst interessant bewertet, was im Übrigen auch für den südamerikanischen Raum gilt. Längst denkt die Eintracht über die Landesgrenzen hinaus, hat sich international aufgestellt, einen Kader mit 18 Nationalitäten erbastelt. Das ist in Frankfurt, der internationalsten Stadt Deutschlands, zum Markenzeichen geworden.

Das ganze System steht und fällt natürlich mit der Sichtung der Spieler. An Scout Ben Manga, dem Perlensucher, ist es, Akteure zu finden, die bezahlbar und jung sind und eine gewisse Klasse mitbringen. Das kann nicht immer klappen – Profis wie Andersson Ordonez oder Chico Geraldes etwa sind ziemlich gefloppt – aber es klappt immer öfter.

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