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Eintracht-Coach Oliver Glasner: Ehrgeizig. Emotional. Emphatisch.

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Von: Daniel Schmitt

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Fachkraft, und gar nicht so farblos wie gedacht: Eintracht-Trainer Oliver Glasner.
Fachkraft, und gar nicht so farblos wie gedacht: Eintracht-Trainer Oliver Glasner. © AFP

Trainer Oliver Glasner erlebt in seiner Premierensaison für Eintracht Frankfurt ein wildes Auf und Ab - und der Höhepunkt könnte ihm gar noch bevorstehen.

Frankfurt - Als der Fußballlehrer Oliver Glasner im Frühjahr 2021 gerade drauf und dran war, das erste Mal in seiner Karriere die Champions League klar zu machen, mit dem VfL Wolfsburg, was ihm am Ende trotz veritabler Differenzen mit Manager und manch Führungsspieler auch gelingen sollte, tauchte er auch als Kandidat für den Cheftrainerposten bei Eintracht Frankfurt auf. Die stets kritische Anhängerschaft war, mal ehrlich, zumindest gespalten in ihren Meinungen ob dieser Perspektive. Ein Fachmann, ja sicher, diesen Ruf hatte sich Glasner bei den attraktiv Fußball spielenden Wolfsburgern verdient, aber ein farbloser - womöglich zu farblos für diesen vibrierenden Klub aus dem Herzen Europas?

Ein knappes Jahr später und kurz vor dem Halbfinalhinspiel in der Europa League an diesem Donnerstag (21 Uhr/RTL) bei West Ham United bleibt unabhängig von manch durchwachsener Ligaleistung der Frankfurter Fußballer festzuhalten: Die Befürchtungen waren nicht angebracht. Glasner lebt die Eintracht, ist schnell eingetaucht in die Frankfurter Fußballfamilie, nimmt die Schwingungen des pulsierenden Vereins und der Stadt wahr und in sein Handeln auf. Der dreifacher Vater, dessen Frau und Kinder weiterhin in Österreich leben, hat nicht umsonst ein Heim in Sachsenhausen bezogen, mitten in der City, nicht umsonst wird er regelmäßig in Restaurants an der Freßgass‘ gesichtet, oft genug begleitet von seinem Trainerteam, nicht umsonst cruist er mit dem E-Scooter gerne (und zum Glück überwiegend unfallfrei) durch den Trubel der Innenstadt. Glasner fühlt sich pudelwohl in Frankfurt, bei der Eintracht. Privat wie beruflich. Im Stadtwald wird die akribische Arbeit des 47-Jährigen geschätzt, der Mensch Glasner, der Oli, verfängt, bei seinen Spielern, bei den Bossen, bei den Mitarbeitern. Er ist höflich, verbindlich, vor allem nahbarer als manch einer im Vorfeld erwartet, beziehungsweise aus Wolfsburg gehört hatte. Glasner gibt sich Mühe, die Menschen mitzunehmen, sie teilhaben zu lassen an dem, was er plant.

Oliver Glasner: klar, ehrlich, direkt

Der Mann mit dem „milden Ministerpräsidenten-Lächeln“ („11 Freunde“) überraschte auch mit der einen oder anderen Gefühlswallung. Das Ballwegbolzen in Piräus, der Ich-kipp-mir-einen-hinter-die-Binde-Spruch nach der Hertha-Pleite, zuletzt vor allem der Diver samt zerrissener Hose in Barcelona. Wer den Fußballtrainer Woche für Woche dabei beobachtet, wie er an der Seitenlinie herumwirbelt, motzt mit eigenen Spielern wie Schiedsrichtern, mitgeht mit dem Spielgeschehen, der ahnt: Oliver Glasner ist anders, als manch einer dachte.

Im Grunde bekennt der vermeintlich Farblose deutlich mehr Farbe als sein Vorgänger Adi Hütter. Glasner mimt zwar nie den großen Zampano, das ist nicht sein Ding, er liefert aber sehr wohl in Pressekonferenzen oder Einzelinterviews stets mindestens eine, eher zwei markige Aussagen. Auch bei fußballfremden Themen, etwa dem Umgang in Deutschland mit der Corona-Pandemie, positioniert er sich. Klarheit, Direktheit, Ehrlichkeit - Eigenschaften, die der Trainer auch im Kontakt mit den aus seiner Sicht wichtigsten Protagonisten, den Spielern, pflegt.

Oliver Glasner: Auch Enttäuschungen für den Trainer

Die Ansprachen während der Übungseinheiten, während der Spiele sind meist sehr konkret. Seine Einschätzung der sportlichen Schaffenskraft von Profis wirken fair, gut begründet. Selbst Ersatzleute mucken nicht auf, zumindest dringt davon nichts an die Öffentlichkeit. Glasner versucht, alle einzubeziehen, ob Stammkraft oder Reservist, ob Oldie oder Youngster. Unter Adi Hütter war das nicht immer der Fall, auch in Gladbach zog der Coach bereits mehrfach den Zorn manch Spielers auf sich. Doch das nur am Rande. „Als Trainer bist du nichts, wenn du deine Spieler nicht auf deiner Seite hast“, sagt Glasner.

Was alles so wunderbar klingt aus Frankfurter Sicht, ist letztlich aber doch nur viel wert, wenn Leistungen und Ergebnisse stimmen. Und, so klar muss das benannt werden, die stimmten auf Strecke gesehen zu selten in dieser Spielzeit.

Natürlich sind da auf der einen Seite die sportlich wie emotionalen Höhepunkte, errungen im Europäischen. Etwa Piräus, Istanbul, Sevilla, vor allem Barcelona. „Der emotionale Lohn, den du dir für kein Geld der Welt kaufen kannst“, wie es Glasner nannte. Auf der anderen Seite aber stehen auch das Erstrunden-Aus im DFB-Pokal, die verpasste Qualifikation für die Europa League und vor allem das Ausbleiben fußballerischer Weiterentwicklung.

Oliver Glasner: Durchwachsener Punkteschnitt

Anfang November hatte der Frankfurter Sportvorstand Markus Krösche ja bereits erste unangenehme Fragen zu Glasners Zukunft beantworten müssen, niemand hielt damals zwar ernsthaft die Ablösung des Trainers für eine besonders gute Idee, „aber irgendwann braucht man eben Siege“, so Glasner selbst. Der Erfolgslauf bis Weihnachten ließ die Kritik rasch verstummen.

Des Trainers Ansage kurz vor dem Jahreswechsel, seine Mannschaften würden im zweiten Saisonabschnitt in der Regel deutlich konstanter, besser und damit erfolgreicher, ließ sodann hoffen auf eine überzeugendere Rückserie mit der Aussicht auf Europa. Es kam anders. 13 Punkte aus 14 Spielen sind eine miese Bilanz, der Punkteschnitt von 1,43 ist des Trainers zweitschlechtester in dessen Laufbahn und zeugt mehr von fußballerischen Rück- denn Fortschritten.

Auch Glasner ist mit der Ausbeute in der Bundesliga nicht zufrieden, natürlich nicht, alles andere würde seinem ehrgeizigen Naturell widersprechen. Kommende Saison muss dringend mehr Konstanz her, das wird die Hauptaufgabe für den Fußballlehrer sein, daran wird er sich messen lassen müssen. In der jetzigen Phase aber spielt all das kaum eine Rolle, eigentlich gar keine, der Wankelmut des Teams wird – verständlicherweise - einfach ausgeblendet. Die (bestenfalls) drei noch ausstehenden Europacup-Spiele überstrahlen alles. Negative Gedanken sind da unerwünscht und auch unangebracht.

Der Trainer, der noch einen Vertrag bis 2024 im Hessenland besitzt, erlebt also gleich in seiner Premierensaison für die Eintracht eine sportliche Achterbahnfahrt, ein emotionales Auf und Ab, das er so schnell sicher nicht vergessen wird. Und es ist ja noch nicht mal vorbei. Oliver Glasner könnte im zweiten Jahr in Folge das gelingen, was bei Eintracht Frankfurt noch nie zuvor einem Trainer gelungen ist: der Einzug in die Champions League - wenn auch über einen Umweg, einen, der den ganzen Klub mitsamt Cheftrainer vibrieren lassen würde. Der Titel in der Europa League. (Daniel Schmitt)

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