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Konsterniert: Die Eintracht-Profis, vorne mit Jetro Willems, nach dem gebrauchten Sonntag im Rheinland.

Eintracht Frankfurt in Leverkusen

Eintracht-Systemausfall – mit Folgen?

Nach der 1:6-Klatsche in Leverkusen stellt sich die Frage, ob diese Abreibung der Eintracht einen Knacks geben wird oder ob sie das Negativerlebnis schnell abschütteln kann.

Nach der schlimmen Abreibung unterm Bayer-Kreuz, die nach etwas mehr als einer halben Stunde schon in dieser Form feststand, ist der Trainer von Eintracht Frankfurt, Adi Hütter, sehr pfleglich mit seinem geknickten Personal umgegangen. Kein Donnerwetter, kein Gebrüll, keine Gardinenpredigt, keine Parolen. Der 49-Jährige, ohnehin psychologisch geschult, sah sich eher als Pädagoge gefragt. „Das ist einer der schlimmsten Tage für mich als Trainer“, sagte er. Seinen Spielern ginge es sicher nicht anders, ist ja klar, wer nach 36 Minuten historisch hoch mit 1:6 hinten liegt, der fühlt sich gewiss nicht besonders gut, sondern hundeelend. „Wenn jemand am Boden liegt, steige ich niemals drauf“, betonte Hütter. „Das mache ich nicht. Wir müssen die Jungs aufrichten und wieder in die Spur bringen. Das war eine fürchterliche Leistung, aber ich muss meine Spieler in Schutz nehmen. Wir haben ja trotzdem eine tolle Saison gespielt.“ Die noch immer nicht vorüber ist.

Dieser Sechserpack im Rheinland hat die Eintracht natürlich hart getroffen, es war ein unerwarteter Tiefschlag zur Unzeit – vier Tage vor dem großen Halbfinalrückspiel in der Europa League in London gegen den FC Chelsea (Hinspiel 1:1) und im Endspurt der Bundesliga, wo die Frankfurter zwei Spieltage vor Schluss noch immer um Rang vier und die erstmalige Teilnahme an der Champions League kämpfen. Die Aussichten, das große Ziel zu erreichen, sind nach diesem alptraumartigen Erlebnis von Leverkusen jedoch nicht besser geworden. Bayer 04 hat Boden gut gemacht, nach Punkten gleichgezogen und hat auch in puncto Torverhältnis aufgeholt, liegt nur noch fünf Treffer hinter den Frankfurtern, die am letzten Spieltag zudem nach München zum FC Bayern reisen müssen. „Die Chance ist auf Platz vier nach wie vor da“, bekundete Hütter fast trotzig. „Wir müssen daran glauben und gegen Mainz gewinnen, das ist ja klar.“

Eintracht Frankfurt: Verspielen die Hessen das Aufgebaute?

Verspielt die Eintracht auf den letzten Metern also noch das, was sie sich in dieser phänomenalen Saison aufgebaut hat? Bricht sie auf den letzten Metern ein? Wird diese Klatsche der Mannschaft, die aus den letzten vier Meisterschaftspartien gerade mal zwei Punkte geholt hat, womöglich gar einen Knacks geben und sie aus der Bahn werfen? Auszuschließen ist das nicht, der Trend geht klar in die falsche Richtung, das Team wirkt ausgelaugt, geistig und körperlich. Das ist allzu normal und kein Wunder nach den vielen Begegnungen und der intensiven, kraftraubenden Spielweise.

Die Frage wird sein, ob sich die Hessen noch mal zusammenreißen und zu einem Endspurt aufraffen können. Und ob sie es schaffen, die heftige Demontage aus den Köpfen zu verbannen. Gerade im Hinblick auf das große Rückspiel am Donnerstag gegen Chelsea, das am Sonntag locker und leicht gegen den FC Watford mit 3:0 gewonnen hat. Fürs Selbstvertrauen war das 1:6 in Leverkusen nicht gut, es war ein herber Dämpfer, ein Stimmungskiller.

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„Das war ein Niederschlag wie beim Boxen“, sagte Sportvorstand Fredi Bobic und forderte: „Wir müssen das jetzt so nehmen und wieder aufstehen.“ Der Sportchef warnte davor, „jetzt alles infrage zu stellen“, der 47-Jährige sprach davon, nun „eine neue Situation“ zu erleben und meistern zu müssen. „Vielleicht war es sogar ganz gut, mal eine mitzukriegen.“ Die Sinne kann so ein Negativerlebnis schärfen, und auch die Erkenntnis reifen lassen, dass es eben nur geht, wenn alle an ihre Leistungsgrenze gehen (wollen). Wenn diese Mannschaft auch nur ein paar Prozentpunkte weniger Willen und Opferbereitschaft auf den Platz bringt, dann kann sie auch mal, wie am Sonntag, hergespielt werden und auseinanderfallen.

Audio: Das Spiel in der Analyse des Rasenfunks

Adi Hütter, der die Niederlage unterm Bayer-Kreuz zu einem Gutteil auf seine Kappe nahm, weil seine Personalauswahl und seine Taktik nicht verfingen, ist der festen Überzeugung, dass sein Ensemble in London eine entsprechende Reaktion zeigen wird. „Ich gehe davon aus, dass es uns gelingt, die Mannschaft wieder aufzurichten. Was gibt es Schöneres, als ein internationales Halbfinale zu spielen? Wir werden die Köpfe freibekommen und am Donnerstag ein anderes Gesicht zeigen.“ Das wird auch notwendig sein, das weiß der Fußballlehrer. „Wenn wir so ein Zweikampfverhalten wie in Leverkusen zeigen, dann haben wir keine Chance.“

Fredi Bobic hofft auf diese besondere Europapokalatmosphäre und dieses besondere Flair in England. „Allein die Stamford Bridge und das gesamte Umfeld kann auch beflügeln“, sagte er. „Es liegt an uns, wir haben es in der Hand.“ 1:6 hin oder her.

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