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Architekt der neuen Eintracht: Trainer Adi Hütter.

Eintracht Frankfurt

Das System Adi Hütter

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Wie der Fußballlehrer Eintracht Frankfurt in die Spitzengruppe geführt hat.

Wer nur ungefähr verstehen will, wie der Fußballgelehrte Adi Hütter tickt, der muss sich nur noch mal die Endphase der hochklassigen und kurzweiligen Bundesligapartie der Eintracht gegen Bayer Leverkusen aus dem Dezember vor Augen führen. Es war ein packendes, mitreißendes Duell zweier gnadenlos offensiver Mannschaften, und das Besondere war: Auch nach der 2:1-Führung zog sich die Eintracht nicht zurück, sondern spielte unerbittlich auf das dritte Tor, sie stürmte und powerte immer weiter nach vorne, hämmerte an den Bayer-Kasten, auch in der Nachspielzeit wollte sie den Sack endgültig zu machen. Allerdings vergab die Eintracht Chance um Chance, was dazu führte, dass am Ende, Sekunden vor Schluss, Torwart Kevin Trapp Kopf und Kragen gegen Kevin Volland riskieren musste, um den Dreier über die Ziellinie zu retten.

Diese Partie, diese Schlussphase steht sinnbildlich für die Denke des Trainers Adi Hütter, für den Ansatz und die Philosophie, die er verfolgt. Auch jetzt, nach dem klaren 3:0 bei Hannover 96, erinnerte er an diese Maxime: „Ich will, dass wir nachsetzen und uns nicht zurückziehen, wir wollen nicht mauern. Das ist mir wichtig.“ Es muss nicht unbedingt Zufall sein, dass seine Mannschaft mit dem Kontrahenten gerne mal kurzen Prozess macht, ihn mit einem Doppelschlag demoralisiert und auf die Bretter schickt. Allein in der Rückserie hat sie den Gegner schon dreimal binnen weniger Minuten weich geschossen, Freiburg (3:1), Donezk (4:1) und Hannover waren binnen kürzester Zeit entscheidend getroffen. Willkommen im System Adi Hütter.

Der Österreicher ist aber keiner, der nur eine Lesart des Spiels kennt und praktizieren lässt. Das hat er unter Beweis gestellt und darauf legt er großen Wert. „Ich habe immer gesagt, ich möchte attraktiven und begeisternden Fußball spielen lassen, aber auch variabel sein. Das ist meine Idee vom Fußball.“ Im Rückspiel gegen Schachtjor Donezk etwa wich er von seiner Leitlinie ab, wählte eine nicht ganz so zügellose, sondern eher kontrollierte Variante des Spiels. Es hat geklappt, und das hat ihn gefreut. „Plan B hat gut funktioniert“, sagte der Coach zufrieden. Der offensive Stil bleibt dennoch sein bevorzugter.

Hütters größte Leistung ist sicher, der Mannschaft eine andere Denke, eine neue Herangehensweise eingebimst zu haben. Das war gar nicht so leicht, denn dem Ensemble wurde ja unter Niko Kovac zweieinhalb Jahre etwas anderes gelehrt. „Die Mannschaft stand hinten kompakt, zog sich zurück, ließ den Gegner sein Spiel aufziehen und ist dann über schnelles Umschalten nach vorne gekommen“, analysierte Hütter einmal in der FR die alte Eintracht und folgerte: „Das ist nicht meine Idee. Fredi Bobic und Bruno Hübner haben mich nicht geholt, damit ich das weiterführe. Da hätten sich auch andere Trainer angeboten. Das ist nicht meine Art und Weise von Fußball, wie ich ihn denke.“

Haller, Rebic und Jovic waren in der vergangenen Saison schon da

Das Bemerkenswerte: Die jetzt als magisches Dreigestirn gefeierten Stürmer Sebastien Haller, Ante Rebic und Luka Jovic waren ja auch in der vergangenen Saison schon da. Sie haben aber selten zusammen gespielt, zumeist sogar nur einer von ihnen. Die Durchschlagskraft war entsprechend geringer, was sich an den nackten Zahlen ablesen lässt. Haller traf in der gesamten Bundesligaspielzeit neunmal, Jovic achtmal und Rebic sechsmal. Die Werte dieser Runde nach 23 Partien: Jovic hat 15 Treffer, Haller elf, Rebic acht. Von den Toren in der Europa League und den vielen Vorlagen mal abgesehen. Man stelle sich vor: An 41 der 44 Frankfurter Ligatoren war das Triumvirat beteiligt – das ist eigentlich unfassbar.

Für den 49-jährigen Trainer ist diese Statistik der Beweis, dass er mit seinem Team auf dem richtig Weg ist. Dass Jovic die Torschützenliste anführt und auch Haller schon zweistellig getroffen hat, ja, „das sagt schon was aus“. Hütter ist der festen Meinung, „dass es den Jungs guttut, so zu spielen, wie wir spielen. Es liegt ihnen“. Das lässt sich ja auch an den Resultaten und den Erfolgen ablesen. Er hat die Mannschaft weiterentwickelt und besser gemacht, gar kein Zweifel. Er hat sie in die Spitzengruppe der Bundesliga geführt und ins Achtelfinale der Europa League. Und das nach dem großen personellen Aderlass im Sommer und dem Stotterstart. Hütters Leistung ist nicht hoch genug zu bewerten.

Und doch schaut der Fußballlehrer stets, dass er die richtige Balance findet. Makoto Hasebe, das erwähnte er erst jetzt wieder, sei für den Aufschwung ein Schlüsselspieler gewesen, weil er gerade im Herbst 2018 über fast ein Vierteljahr hinweg fehlerlos, also quasi perfekt gespielt habe. „So, wie er spielt, wie er das Spiel liest, das ist unfassbar. Es gibt keinen Besseren“, sagte Hütter. „Er ist einer der intelligentesten Abwehrspieler der Bundesliga. Es ist ein Riesenverdienst von ihm, dass wir so gut dastehen.“ Mittlerweile, auch das ist Ausdruck der Flexibilität, hat er den Japaner schon zweimal ins defensive Mittelfeld gestellt, wo er nicht ganz so prägend wie als moderner Libero auftrat, aber dennoch noch besser spielt als sehr viele andere Bundesligaspieler auf dieser Position.

Hütter ist zudem ein Trainer, der Wert auf eine gründliche Analyse des Gegners legt, der sein Team bestmöglich auf den Kontrahenten vorbereiten will. Aber er übertreibt es auch nicht, der Vorarlberger ist keiner, der sich allzu sehr am Opponenten orientiert. Das ist nicht in seiner DNA, da würde er in gewisser Hinsicht seine Ideale verraten. Daher lässt er auch im Training vornehmlich die eigenen Stärken vertiefen, anstatt der gegnerischen Ausrichtung über Gebühr Aufmerksamkeit zu schenken.

Hütter will sein Spiel durchbringen, die anderen sollen schauen, wie sie die Eintracht stoppen können und nicht umgekehrt. Das heißt aber nicht, dass er seine Elf blindlings ins Verderben stürmen lässt, es ist auch kein Dogma, dass immer alle drei Angreifer gemeinsam auf dem Feld stehen, obwohl sie so extrem torgefährlich sind. Hütter macht das auch vom Gegner und ein bisschen auch von seinem Bauchgefühl abhängig.

Da hilft es natürlich, dass er ein kluger Mann ist, der oft als Pädagoge gefragt ist, der schon genau weiß, was innerhalb der Gruppe geschieht, welche Prozesse da ablaufen, wo es vielleicht mal klemmt oder etwas zu besprechen gibt. „Jeder Spieler hat individuelle Bedürfnisse, da geht es dann auch darum, den Menschen besser kennenzulernen. Es sind ja nicht nur Spieler, es sind Menschen mit Sorgen und Problemen“, sagte der frühere Nationalspieler, der sich sehr stark mit Sportpsychologie beschäftigt und sich im Umgang mit den Medien schulen ließ. Er bleibt stets bejahend und aufbauend. „In unserer Analyse zeigen wir viel mehr gute Dinge. Ich denke, für den Menschen ist wichtig, dass er positive Signale erhält. Das Verhältnis ist zwei Drittel Lob, ein Drittel Kritik. Ich denke, so funktioniert ein Mensch.“

Und doch ist Adi Hütter, „der Entfessler“ (FR), kein enger Freund der Spieler, er findet eine gute Balance zwischen Nähe und Distanz. Wenn sich einer hängen lässt oder Allüren zeigt, kann er unangenehm werden und klare Ansagen machen, Schlendrian duldet er nicht. Denn Laissez-faire gefährdet den Erfolg. Und den strebt der Österreicher bedingungslos an. „Ich will immer nach oben“, sagte Adi Hütter. „Ich bin nicht so schnell zufrieden.“ Diese Einstellung hat sich, zweifelsohne, auf seine Mannschaft übertragen. Wer weiß, wohin es führt.

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