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Champions League: Eintracht Frankfurt surft auf der Welle

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Von: Thomas Kilchenstein

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Harter Zweikampf: Der Frankfurter Randal Kolo Muani (rechts) und Marseilles Abwehrmann Leonardo Balerdi im Infight.
Harter Zweikampf: Der Frankfurter Randal Kolo Muani (rechts) und Marseilles Abwehrmann Leonardo Balerdi im Infight. © afp

Die Hessen verzichten auf Egoismen und haben nach dem Kraftakt gegen Olympique Marseille alle Möglichkeiten in der Champions League.

Man hätte meinen können, nach so einer Gala wie gegen Olympique Marseille, die gekrönt war mit dem ersten Heimsieg in der Champions League in der Geschichte von Eintracht Frankfurt, bette der Frankfurter Trainer sein Haupt entspannt und glücklich zur Nacht. Aber das Gegenteil war am Mittwochabend der Fall: „Ich gehe“, stöhnte Oliver Glasner nach dem 2:1 (2:1)-Erfolg, „mit Fragezeichen ins Bett“.

Natürlich nicht wegen der herausragenden Leistung, die sein in wichtigen Teilen neu zusammengebautes Team gezeigt hatte, ganz bestimmt nicht. Aber der Fußballlehrer dachte schon wieder weiter, es geht ja Schlag auf Schlag, so ist es bei Tänzen auf drei Hochzeiten, am Samstag wartet Borussia Dortmund. Noch so eine Herausforderung, noch so ein großes Kaliber. Und die Eintracht beklagt einen neuerlichen Ausfall: Christopher Lenz ist mal wieder malad, unmittelbar vor der Halbzeitpause habe er einen Stich im Oberschenkel verspürt, die Faszien sind betroffen, bis auf weiteres steht der Linksverteidiger nicht zur Verfügung. Doch derartigen Kummer ist Oliver Glasner derzeit gewohnt, immer wieder bricht ihm ein fest eingeplanter Akteur weg, gerade in der Abwehr. „Viele können sich gar nicht vorstellen, wie viele Unwägbarkeiten wir haben.“

Das Gute daran: Es fällt nicht besonders ins Gewicht.

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Und deswegen geht der Frankfurter Trainer nicht nur mit Fragezeichen ins Bett, sondern auch mit einem ganz besonderen Gefühl: „Ich bin mega stolz auf meine Spieler.“ Stolz auf die Leistung, auf das Gebotene, auf den nimmermüden Willen, selbst das Letzte aus den müden Körpern zu pressen, auf den Geist, der im Kollektiv herrscht, einfach immer weiter zu machen, bis einem niemand mehr den Sieg streitig machen kann, auch „eine sehr, sehr gute Mannschaft“ wie Olympique Marseille nicht, wie Sportvorstand Markus Krösche später betonte.

Der eminent wichtige Dreier im stimmungsvollen Waldstadion war das Ergebnis einer beeindruckenden Mannschaftsleistung, „wenn es je einen Teamsieg geben sollte, dann war das heute einer“, schwelgte der 48 Jahre alte Österreicher förmlich. Es war ein Sieg der Mentalität, des Charakters, des Willens, über sich hinauszuwachsen, dem alles untergeordnet wurde. Jeder habe sich in den Dienst der Mannschaft gestellt, hob Glasner den Daumen, etwa Kristijan Jakic, der als Innenverteidiger in dieser Saison bereits auf seiner vierten Position spielte, dabei ist er gelernter Sechser, oder Eric Dina Ebimbe, der erneut als zentraler Mittelfeldspieler den rechten Flügel beackerte oder Hrvoje Smolcic, der erstmals im Zentrum der Dreierabwehrkette agierte und der sich von Markus Krösche ein „Sonderlob abholen durfte, „aus der kalten Hose“ rufe er sofort eine solche Leistung ab, Chapeau. Dass diese Hintermannschaft, in der im Grunde nur Evan Ndicka auf seiner gewohnten Position spielte, einen - vermeidbaren - Gegentreffer durch Matteo Guendouzi kassieren musste, geschenkt, „da drücke ich ein Auge zu“, sagte Glasner milde.

Klar habe die Abwehr manchmal auch gewackelt, „aber wenn sie gewackelt hat, war Kevin Trapp da“. Der Torwart hielt unter den Augen von Bundestrainer Hansi Flick die Eintracht in entscheidender Manier im Spiel und goss ein Füllhorn an Hochachtung aus: „So wie wir am Ende den Ball laufen lassen haben, merkt man schon, dass wir als Mannschaft gewachsen sind“. Jeder stelle sein Ego hinten an, jeder stelle sich in den Dienst der Mannschaft, skizzierte Glasner und nannte Sebastian Rode als leuchtendes Beispiel, der erneut nicht von Anfang an spielen durfte, dies aber klaglos akzeptiert habe und dann, nach der Hereinnahme, „mit seiner Ruhe am Ball, seiner Vororientierung“ gleich wieder die - auch wegen einiger Ballverluste speziell von Torschütze Randal Kolo Muani - verlorene Kontrolle über das Spiel zurückgewann. „Mit welcher Hingabe sie sich gegenseitig unterstützen, ist unglaublich“, sagte Glasner. „Ich bin stolz, Trainer dieser charakterstarken Truppe zu sein.“

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Die Frankfurter scheinen unter der Regie von Glasner ein neues Level und einen bisher kaum dagewesenen Zusammenhalt in der Mannschaft erreicht zu haben. Die Eintracht ist eine Einheit. „Momentan sind wir auf einer Welle. Wir haben Spielfreude in der Offensive und sind sehr effizient“, sagte der Schweizer Nationalspieler Djibril Sow. Und die Hessen konnten sich mal wieder auf ihre Offensivabteilung verlassen, Jesper Lindström riss immer wieder Lücken, Daichi Kamada erzielte erneut ein Tor, seinen zehnten Pflichtspieltreffer, Kolo Muani traf ebenfalls und Mario Götze führte filigran den Taktstock. Das alles sieht sehr rund, sehr einstudiert aus, da greift, trotz personeller Engpässe, ein Rädchen in das andere,

Nun haben die Frankfurter ihr Endspiel, „genau das wollten wir“, sagte Götze, am nächsten Dienstag kommt es in Lissabon gegen Sporting zum Showdown. Mit einem Sieg stehen die Hessen definitiv im Achtelfinale der Champions League, genauso gut ist aber auch ein Gruppen-Aus möglich. Interessant ist die kuriose Konstellation, wenn Sporting und die Eintracht unentschieden spielen und Marseille sein Heimspiel gegen Tottenham gewinnt. Dann hätten Tottenham, Sporting und die Eintracht hinter Marseille (neun Punkte) jeweils acht Punkte, es zählten dann allein die Punkte, die die drei Teams in den Spielen gegeneinander errungen hätten, die Ergebnisse gegen Marseille würden nicht berücksichtigt - dann wäre die Eintracht Letzter (zwei Punkte), Tottenham Dritter (fünf Zähler) und Lissabon Zweiter (sieben Punkte).

Aber das ist mit Variablen jongliert, fest steht: Eintracht Frankfurt hat es weiter in der eigenen Hand. Selbst eine Niederlage bei gleichzeitigem Sieg von Tottenham Hotspur in Marseille würde zumindest das Überwintern in der Europa League sichern. Alle Rechenspiele findet Glasner überflüssig, denn an der Ausgangssituation ändert sich nichts. „Wir wären sowieso nach Lissabon gefahren, um zu gewinnen.“

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