Positiv durch die Corona-Zeit: Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic.
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Positiv durch die Corona-Zeit: Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic.

Corona-Folgen

Eintracht Frankfurt: Struktur in der Krise

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt wird von den Corona-Auswirkungen gebeutelt, doch der Verein steht auf einem stabilen Fundament.

Im Zuge der Umklammerung durch das Corona-Virus geraten in der Bundesliga die Vereine noch stärker unter Druck, die nicht von Investoren oder Großunternehmen subventioniert werden. Klubs wie Werder Bremen, der 1.FC Köln, FC Augsburg, der SC Freiburg, Mainz 05 oder Eintracht Frankfurt treffen die Auswirkungen der Pandemie doppelt so hart, weil sie ihre Millionen selbst verdienen und die einstürzenden Einnahmen quasi aus sich heraus verkraften müssen. Und wer vorher schon schlecht gewirtschaftet hat, wie Schalke 04, kann sogar als Riese auf Zwergengröße schrumpfen und an den Rand des Ruins schlittern.

Eintracht Frankfurt hat die Krise auch getroffen, im Hessenland sind sie jedoch zuversichtlich, „dass wir sie meistern werden“, wie Sportvorstand Fredi Bobic sagt. „Uns muss nicht bange sein, wir sind organisch gewachsen, wir federn das besser ab als manch anderer Verein.“ Die Zahlen sind vordergründig dennoch besorgniserregend, die Umsatzerwartung beläuft sich auf 140 Millionen Euro, das ist die Hälfte der aktuellen Saison.

Eintracht Frankfurt: Verbindlichkeiten steigen

Zudem sind die Verbindlichkeiten im Geschäftsjahr 2019 von 42,8 Millionen auf 95,7 Millionen Euro gestiegen. Das hat etwas mit Forderungen anderer Klubs aus Transfers zu tun (70 Millionen sind in neue Spieler investiert worden) und auch mit dem Neubau des Proficampus, der rund 35 Millionen Euro verschlingt. Die Zahlen sind aber nicht bedrohlich. Denn der Verein steht nach fetten Jahren grundsätzlich auf soliden Beinen. Der Gewinn im Jahr 2019 betrug 36,9 Millionen Euro, das Eigenkapital wuchs auf 67,9 Millionen Euro an, der Umsatz lag bei mehr als 300 Millionen Euro. Natürlich wird vieles schmelzen und auf Normalmaß schrumpfen, es wird keine neuen Rekordzahlen geben. Aber trotz „der wirtschaftlichen Vollbremsung“ (Fredi Bobic) kann sich der Verein auf eine finanzielle Grundstabilität verlassen.

Eine Umsatzhalbierung hört sich erst einmal nach einem harten Einschnitt an, was es zweifelsfrei auch ist, aber 140 Millionen sind in diesen Zeiten immer noch eine starkes Fundament. Zum Vergleich: So viel setzten die Hessen noch 2018 um und konnten dennoch Spieler wie Lukas Hradecky, Ante Rebic, Sebastien Haller, Kevin-Prince Boateng oder Luka Jovic beschäftigen, sie wurden mit dieser Mannschaft und einem Personaletat von 50 Millionen Euro (2019: 92,9 Millionen) Pokalsieger gegen die Bayern.

Eintracht Frankfurt plant ohne Zuschauer

Zudem ist in der aktuellen Erwartung nur die Planung für die Bundesliga (und ein Halbjahr ohne Zuschauer) berücksichtigt, also noch keine möglichen Transfereinnahmen oder Zugewinne durch Pokalrunden – von einem unwahrscheinlichen, aber möglichen Weiterkommen in der Europa League am 6. August in Basel mal ganz zu schweigen.

Zudem hat sich der Verein in der Corona-Zeit gut präsentiert, mit der „Auf-jetzt“-Kampagne gemeinsam mit Fans und Mitgliedern 500 000 Euro an wohltätige Einrichtungen gespendet, in den kommenden Wochen ist noch mal mit einer Zuwendung in ähnlicher Größenordnung zu rechnen. Die Großprojekte wie Stadionausbau, Neubau des Proficampus und Digitalisierung sind nicht gefährdet, sondern gesund gegenfinanziert. Der Stadiondeal mit der Stadt und die Namensvergabe des Stadions an die Deutschen Bank (sechs Millionen Euro pro Jahr, vorher eine Million von der Commerzbank) zeugen von eine klaren Struktur inmitten der tiefen Krise.

Klar ist, dass das extreme Wachstum der Vergangenheit angehört, aber genauso klar ist auch, dass der Verein ohne dieses Wachstum der letzten Jahre nun in einer sehr prekären Lage wäre. So wie andere Vereine, die Notverkäufe anstreben, um ihr Budget decken zu können. Auch die Eintracht ist offen für die Veräußerung eines Leistungsträgers (Filip Kostic, Kevin Trapp), aber sie ist nicht dazu gezwungen. Einsparpotenzial liegt in einer Verkleinerung des viel zu großen Kaders (33 Profis unter Vertrag), und alternativlos ist, dass die Spieler weiterhin auf Gehalt verzichten sollen, auf gut 20 Prozent.

Eintracht Frankfurt will „Seele nicht verkaufen“

Dessen ungeachtet verschließt sich die Eintracht auch nicht kategorisch gegenüber Investoren. Aber nur unter bestimmten Bedingungen. „Niemand muss Angst haben, dass wir unsere Seele verkaufen“, sagte Aufsichtsrat Philip Holzer einmal der FR, es ist eine Einstellung, die bis heute gilt. „Ein Partner muss verstehen, welcher Kultur wir uns verschrieben haben und dass wir ein traditionsreiches Familienunternehmen sind, das unseren Mitgliedern gehört. Er muss verstehen, wie die Familie funktioniert. Sie hat eine Kultur, ein unveränderbares Wappen und eine über Jahre gewachsene Identität, die auf einer sehr wichtigen Fanstruktur basiert.“ Undenkbar ist, dass ein externer Geldgeber kommt und sich einfach von außen aufpflanzt – Corona hin oder her.

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