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Wertvoll: Der Verbleib von Ante Rebic (re.) steht sinnbildlich für die Entwicklung der Eintracht.

Entwicklung

Eintracht Frankfurt strebt der Spitze entgegen

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Eintracht Frankfurt hat sich in fast schon unglaublicher Geschwindigkeit entwickelt.

Als Haris Seferovic die Eintracht dann endlich erlöste und die Herren Lukas Hradecky und David Abraham mit dem offensichtlichsten Zeitspiel, seit es Zeitspiel im Fußballsport gibt, die Rettung endgültig eingetütet hatten, sind die Notfallpläne von Eintracht Frankfurt ganz nach unten in die letzte Schublade irgendwo auf der Geschäftsstelle gewandert. Diese Notfallpläne gab es, damals, 2016, als der Verein mit einem Bein in der zweiten Liga stand und von Niko Kovac in einem bemerkenswerten Kraftakt doch noch gerettet wurde.

Wenn es die Eintracht nicht gepackt hätte, wäre wohl Sandro Schwarz, heute Chefcoach in Mainz, Trainer geworden oder Alexander Schur, der heute in der Marketingabteilung der Eintracht arbeitet und sich dort pudelwohl fühlt. Finanziell wäre der Abstieg ein Desaster gewesen, schon am Tag des Entscheidungsspiels in Nürnberg mussten Privatpersonen Bürgschaften bei der DFL abgeben, so eng war es wirtschaftlich. In der zweiten Liga hätte die Eintracht den Gürtel arg zuschnüren, sie hätte Einbußen im zweistelligen Millionenbereich hinnehmen müssen, viele Millionen Fernsehgeld wären verloren gegangen, es hätte Jahre gedauert, bis sich der Klub davon erholt hätte. 

Eine Entwicklung wie in den vergangenen zwei Jahren wäre völlig undenkbar, ja ausgeschlossen gewesen, es wäre darum gegangen, den Verein zu konsolidieren, irgendwie aufzusteigen und sich dann wieder im hinteren Mittelfeld einzusortieren, immer mit Tuchfühlung nach – unten. 
Wie gefährlich und angespannt die Situation im Sommer 2016 war, zeigt auch, dass Fredi Bobic, als er in Frankfurt anheuerte und den alten Fahrensmann Heribert Bruchhagen beerbte, erst einmal Spieler verkaufen musste, um überhaupt eine Mannschaft zusammenstellen zu können, die konkurrenzfähig war.

2,7 Millionen Euro standen dem neuen Sportchef lediglich für Neuzugänge zur Verfügung, auch weil schon im Winter zuvor im Vorgriff sechs Millionen Euro (unter anderem für Marco Fabian, der den Gremien übrigens als pfeilschneller Linksaußen angekündigt wurde) verpulvert worden waren. 2,7 Millionen Euro – das sind nicht mal Peanuts, das ist in der Branche heutzutage eigentlich gar nichts. Sportvorstand Bobic hangelte sich über das Geschäftsmodell mit Leihspielern über diese Zwangslage hinweg. Er machte das, wie man mittlerweile weiß, sehr erfolgreich. 

Heute, zweieinhalb Jahre später, ist die Eintracht ein prosperierender, boomender Klub, hinaus in die globale Welt strebend. Der Bundesligist expandiert nach China, Japan, die Arabische Welt, in die USA, er wächst auf allen Ebenen, sehr viel schneller als gedacht. „Eine solche Wachstumsentwicklung haben wir in dieser Form noch nie erlebt“, sagte Aufsichtsratsvorsitzender Wolfgang Steubing. 

Es sind viele Projekte in der Pipeline, Projekte, die zig Millionen Euro schwer sind: der Neubau der Geschäftsstelle, der geplante Ausbau des Stadions, die Digitalisierungsoffensive, zudem wird sich der Verein ab dem kommenden Sommer selbst vermarkten. Er traut sich das zu und es ist ihm zuzutrauen. So viele konkrete Pläne „gab es in der Geschichte von Eintracht Frankfurt noch nie“, verdeutlichte Marketingvorstand Axel Hellmann. 

Überdies ist die Europa League ein Wachstumstreiber, sie ist nicht nur gut fürs Image ist, sondern bringt den Klub auch monetär nach vorne. Erstrebenswert wäre natürlich allemal, auch das Sechzehntelfinale zu überstehen, auch wenn es der am Montag zugeloste Gegner und die dazugehörige Reise in sich hat: Schachtjor Donezk. Eine nachhaltige Entwicklung würde allerdings nur die Teilnahme an der Champions League, der Zasterliga, gewährleisten. Ist ja auch nicht mehr so unrealistisch. 

Die Aussichten sind rosig, auch wenn die Eintracht nicht zu den Big Playern in Deutschland zählt. Die Frankfurter gehen mit einem Gesamtumsatz von rund 160 Millionen Euro an den Start, noch mal 50 Millionen mehr müssten es sein, um das Lizenzspielerbudget auf ein Level zu heben, das eine dauerhafte oder zumindest regelmäßige Teilnahme am Europacup wahrscheinlicher machen würde. Einen Klub wie den FC Schalke 04, der von Sponsor Gazprom bis 2022 mit bis zu 150 Millionen Euro alimentiert wird und seit Jahren zu Gast in der Champions League ist, einzuholen, sei „auf absehbare Zeit unrealistisch“, sagte Vorstand Axel Hellmann. Die Gelsenkirchener seien von der Struktur und dem Umsatzvolumen „weit enteilt“. Der Gesamtumsatz von SO4 hat in diesem Jahr hat erstmals die 300-Millionen-Euro-Schallmauer durchbrochen. 

Aber auch die andere Topklubs, von Primus Bayern München (660 Millionen) und Verfolger Borussia Dortmund (536 Millionen) mal ganz abgesehen, bewegen sich bei mehr als 200 Millionen Euro. Selbst der VfL Wolfsburg soll noch bei rund 190 Millionen Euro liegen und davon 120 Millionen für seine Spieler und das Trainerteam um Bruno Labbadia aufwenden können. Davon ist die Eintracht, die bei rund 55 Millionen Euro Personalkosten liegt, noch weit entfernt, und solche eine Steigerung ist für sie, ohne externe Finanzspritze oder den Einzug in die Königsklasse, erst mal nicht zu erwarten. 

Umso erstaunlicher, was Fredi Bobic und Kaderplaner Ben Manga auf dem sportlichen Sektor geleistet haben. In die Phalanx der Spitzenverein einzubrechen, ohne über diese monetären Mittel zu verfügen, ist eine große Leistung. Es zeigt andererseits auch, wie etwa auf Schalke oder in Leverkusen und Wolfsburg das Geld verbrannt wird. 

Die Eintracht ist immerhin so weit, ihre Topacts binden zu können, vielleicht nicht dauerhaft, aber doch länger als viele glaubten. So war die Vertragsverlängerung von WM-Star Ante Rebic ein Coup, für den die Hessen freilich tief in die Tasche greifen und den Kroaten zum Topverdiener machen mussten. „Es zeigt, dass wir wirtschaftlich einen Schritt nach vorne gemacht haben und Spitzenspieler halten können“, sagt Bobic. Ob das auch in der neuen Saison so sein wird, wird wohl vom sportlichen Erfolg abhängen. 

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