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Eintracht Frankfurt steht an der Spitze der Bewegung

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Von: Ingo Durstewitz

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Gerührter Held: Kevin Trapp (rechts) - und Martin Hinteregger.
Gerührter Held: Kevin Trapp (rechts) - und Martin Hinteregger. © dpa

Der Europa-League-Sieger aus Frankfurt gilt als Vorreiter für andere Großklubs mit Tradition

Jeder Fan, der wollte, durfte ihn anfassen. Das Objekt der Begierde, den sehnsüchtigen erwarteten Pott, den heiligen Gral, den Europapokal. Tja, und dann, als alle weg waren, als sich der Römerberg irgendwann doch leerte, Hundertausende glückstrunken auf dem Weg nach Hause oder in die nächste Kneipe waren und auch drinnen im Kaisersaal so langsam zusammengekehrt wurde, stand er da mutterseelenallein: der große, mächtige, schöne Europa-League-Pokal. Unbeachtet, fast schon verschmäht.

Die Security fragte schließlich den letzten Eintracht-Funktionär, Axel Hellmann, wohin mit dem achtlos vergessenen Stück, um das sich seit Tagen und Wochen scheinbar die ganze Welt dreht. Axel Hellmann, verdutzt, nahm „das elende Miststück“, wie Peter Fischer den Pott scherzhaft nannte, dann in den Arm und trug es nach Hause, stellte es neben sein Bett, schlummerte selig und kutschierte es am nächsten Morgen, sicher angeschnallt auf dem Beifahrersitz, mit ans Stadion zum abschließenden Brunch und zur Verabschiedung der Mannschaft, der Eintracht-Helden. Die Eintracht und ihre Trophäen, offenbar ein klarer Fall der alten Fußballerweisheit: „Nimm du ihn, ich hab’ ihn sicher.“ Schon 2018 wurde der DFB-Pokal im Römer vergessen. Auch damals erbarmte sich Axel Hellmann.

Der Vorstandssprecher war es auch, der den gigantischen Empfang in der Stadt und am Römer dazu nutzte, den historischen Erfolg von Sevilla richtig einzuordnen. „Wir haben gezeigt, dass man Grenzen verschieben kann“, sagte der 50-Jährige. „Nicht nur in einem Spiel, sondern im ganzen Wettbewerb. Wir haben die Romantik in den Fußball zurückgebracht.“

Die Tränen des Kevin Trapp

Trainer Oliver Glasner, der Architekt des sportlichen Erfolgs, wies auf die besonderen Verbindungen auf vielen Ebenen hin. „Man kann Titel gewinnen, indem man ganz viel Geld ausgibt – oder indem man eine ganz große Einheit bildet. Eine große Einheit in der Mannschaft, eine große Einheit im Verein, eine große Einheit mit den Fans – nur so haben wir es geschafft.“

Das ist ohnehin die Botschaft der Eintracht an die Fußballwelt da draußen, egal, ob national oder international: Wenn alle zusammenstehen, wenn eine Einheit gebildet wird, wenn ein „energetisches Band“ (Hellmann) entsteht, dann kann Außergewöhnliches und Denkwürdiges dabei herauskommen.

Hellmann glaubt sicher nicht zu Unrecht, dass die Eintracht der Vorreiter einer neuen Bewegung und einer neuen Denke sein wird, dass sie ein Vorbild für viele andere ist und Nachahmer finden wird. Er ist der festen Überzeugung, dass Klubs mit Geschichte und einer gewachsenen Fanbasis in Zukunft wieder eine tragendere Rolle spielen werden. „Was wir jetzt erleben, ist die Renaissance der alten Traditionsklubs“, sagte er und nannte exemplarisch Schalke, Werder, den HSV, Köln und Union. „Nach der Pandemie erkennt man die besondere Kraft der großen Traditionsvereine.“ Mit der Eintracht und ihrem wilden Ritt durch Europa an der Spitze der Bewegung. „Wir sind zurzeit sicherlich der geilste Verein der Bundesliga oder sogar in Europa“, jubilierte Vereinspräses Peter Fischer in gewohnter Tonalität ins HR-Mikro.

Hellmann glaubt nicht daran, dass dieser Erfolg Zufall ist, er stellt sogar einen Zusammenhang her, mit dem nicht alle, aber doch genügend Menschen etwas anfangen können, was man mit Schicksal oder Karma bezeichnen könnte. Der Vorstand nennt es „Metaphysik, die im Fußball eine Rolle spielt“. Dass die Eintracht nämlich ausgerechnet in diesem Jahr, in dem die Ikone Jürgen Grabowski verstarb (und davor auch Bernd Nickel), den Titel nach 42 Jahren zurück nach Frankfurt bringt, sei so etwas wie Bestimmung. „Etwas anderes kann mir niemand erzählen.“ Nickel und Grabowski gehörten der 80-er-Mannschaft an, die letztmals den Uefa-Cup gewann. Der Europa-League-Titel werde folglich dem „Grabi“ gewidmet, „dem größten Fußballer, der je für Eintracht Frankfurt spielte“.

An diesem Triumph hatte Torwart Kevin Trapp riesengroßen Anteil, er wurde von den Fans entsprechend abgefeiert und konnte sich der Tränen nicht erwehren. „Neuer auf die Bank, Neuer auf die Bank“, hallte es alsbald über den Römerberg, was Kollege Martin Hinteregger so gut gefiel, dass er am Mikro munter miteinstimmte. Hinti war generell bester Laune, feierte später ausgelassen und feuchtfröhlich mit den Fans. Wurde per Handyvideo natürlich schnell verbreitet, ist aber auch nicht schlimm: Europa-League-Sieger wird man ja nicht jedes Jahr.

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