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Trainer, Sportdirektor, Vorstandsmitglied und Vizepräsident: Michel Preud’homme hat bei Standard Lüttich eine Menge zu tun.

Standard Lüttich

Standard Lüttich: Der Star ist der Trainer

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Ex-Weltklassetorhüter Michel Preud’homme ist bei Standard Lüttich der Mann für alle Aufgaben.

Die wallende Mähne ist mit den Jahren dann doch weniger wallend und mähnig geworden, vor allem sind die schwarzen Locken grau. Doch wer den Michel Preud’homme von heute betrachtet, der kann sich den Michel Preud’homme von damals immer noch gut vorstellen. Jenen belgischen Weltklassetorwart, der in den 80er- und 90er-Jahren zwischen den Stangen hin und her hechtete, der 1988 den Europacup gewann, der 1994 gar zum weltbesten Mann seiner Zunft gekürt wurde, der noch immer eine der größten fußballerischen Ikonen seiner Heimat ist.

Michel Preud’homme, in Ougrée bei Lüttich geboren, 60 Jahre alt, versprüht nahezu aus jeder Faser seines schlaksigen Körpers Charisma. Optische Ähnlichkeiten – zumindest für Fans der US-Zeichentrickserie Simpsons – mit dem rüpelhaften Barbesitzer Moe Szyslak, untermauert der Trainer von Standard Lüttich mit seinem Auftreten am Spielfeldrand. Preud’homme ist nicht nur einer, den man sich mühelos samt Bierchen in der schmuddligen Simpsons-Taverne vorstellen könnte, er ist auch einer, der sich gerne verbal auslebt. Nicht immer natürlich, aber genau dann, wenn es ihm nötig erscheint. Regelmäßige Beobachter des belgischen Fußballs sagen, dass er seine Meckerei selten aus der Emotion heraus vollführen würde, sondern meist mit Kalkül. Denn manchmal kann so etwas am Rande auch die Männer in der Mitte beeinflussen – ob nun Schiedsrichter oder Spieler. Ganz klar, Preud’homme ist eine Persönlichkeit in Belgien – und in Lüttich sowieso.

Eintracht Frankfurt: Der Trainer des Gegners als Mädchen für alles

Beim heutigen Europa-League-Gegner von Eintracht Frankfurt (21 Uhr/RTL Nitro und im Liveticker) ist der 58-fache Nationalspieler Trainer, Sportdirektor, Vorstandsmitglied und Vizepräsident in Personalunion. Da mutet es fast schon als ein Versäumnis an, dass er nicht auch noch die Trikots wäscht. „Er hat dem Verein eine Struktur verliehen“, sagt Bob Faesen, Reporter für die belgische Zeitung „Het Belang von Limburg“: „Er ist das Gesicht des Klubs.“

Schon in der Jugend spielte der Lockenkopf mit Dickschädel für den Royal Standard Club de Liège, als Trainer arbeitet er aktuell zum dritten Mal in Wallonien. 2008 bescherte er Lüttich als Coach den ersten Meistertitel seit einem Vierteljahrhundert. Zwischenzeitlich verabschiedete er sich mal nach Gent, wo er 2010 ebenso den Pokal holte wie fünf Spielzeiten später mit dem FC Brügge sowie im Jahr darauf in den Niederlanden mit Enschede.

2012 gewann er mit Al-Shabab Riad den Meistertitel in Saudi-Arabien, 2016 wieder mit Brügge in Belgien. Standard führte er schließlich vergangene Saison als Dritter in die Europa League und liegt auch nun wieder mit seinem Team an zweiter Stelle der Liga. Gerade erst gewannen die Rot-Weißen mit 1:0 gegen den Champions-League-Teilnehmer KRC Genk. Im Europacup nimmt Standard dagegen im fünften Jahr nacheinander Anlauf, die Gruppenphase zu überstehen. Die bisherigen Ergebnisse: 2:0-Heimsieg gegen Vitoria Guimaraes und 0:4-Schlappe beim FC Arsenal.

Ein wackliger Hüne

Das Team besteht aus vergleichsweise unbekannten Profis. Klar, Maxime Lestienne wurde einst eine Karriere als Weltstar vorhergesagt, da war er 16 und durfte schon bei den Großen mitkicken. Doch die Entwicklung stockte und statt in Madrid, Mailand oder München spielte Lestienne in Katar, Genua, Eindhoven, Kasan und Malaga. Mittlerweile ist er 27 und längst kein Weltstar, bei Standard aber immerhin einer der Schlüsselspieler. In dieser Runde gelangen ihm in zwölf Spielen ordentliche fünf Tore und zwei Vorlagen.

Preud’homme, der im 4-2-3-1-System agieren lässt, platziert den Linksfuß Lestienne nicht selten auf rechts, so dass der offensive Außenbahndribbler in die Mitte ziehen und vor dort schießen kann. Ohnehin mutet die Dreierreihe hinter Torjäger Renaud Emond, der in Frankfurt angeschlagen fehlen wird, als Prunkstück der Gäste an. Häufige Positionswechsel, flinke Bewegungen, viel Zug zum Tor – das kann eine Abwehr beschäftigen. „Lüttich hat in der Offensive einige Optionen“, sagt der schreibende Experte Faesen und ordnet die Hintermannschaft dagegen nur als „ganz okay“ ein – und das, obwohl die Belgier in der Liga bisher die zweitwenigsten Gegentore kassiert haben.

Im Abwehrzentrum taugt das Potenzial des 20-jährigen Zinho Vanheusden zwar für höhere Aufgaben, das Eigengewächs ist im Sommer auch für die vereinseigene Rekordablöse von 12,6 Millionen Euro von Inter Mailand zurückgeholt worden, der U-21-Nationalspieler schlägt sich aber zu häufig mit Verletzungen herum. Zwei Knieoperationen musste er über sich ergehen lassen. „Er ist nicht ganz fit“, sagt Faesen. Voll hergestellt, dafür längst nicht so talentiert, sind die beiden Außenverteidiger, der Franzose Nicolas Gavory auf links und der im bayerischen Hof geborene Mergim Vojvoda auf rechts. Sie könnten, so der Reporter, Mühe mit den Frankfurter Flügelspielern bekommen.

Und dann wäre da noch die Besetzung des Tores: Dort spielt im Europacup (und nicht in der Liga) Vanja Milinkovic-Savic, der jüngere Bruder von Mittelfeldspieler Sergej Milinkovic-Savic (Lazio Rom). Der 22-jährige Vanja sei „ein Riese“, schildert Faesen das offensichtlichste Merkmal des 2,02-Meter-Mannes. Daher sei der Hüne mit Handschuhen in der Luft gut, „aber am Boden ist er das nicht“. Eigentlich kaum vorstellbar bei einem Chef wie Michel Preud’homme.

Von Daniel Schmitt

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