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Fan-Ausschluss in Neapel: Eintracht-Bosse üben schärfste Kritik – „Trauriger Tag“

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Von: Ingo Durstewitz, Georg Leppert

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Innenministerium schließt alle Frankfurter Fans für das Rückspiel in Neapel aus und zieht sich den Zorn der Verantwortlichen zu: „Offenbarungseid der Sicherheitsbehörden“.

Frankfurt – Philipp Reschke, 50 Jahre alt, ist ein erfahrener Funktionär, seit mehr als zwei Jahrzehnten im Zeichen des Adlers unterwegs, inzwischen zum Vorstand des Bundesligisten Eintracht Frankfurt bestellt. Der Mann ist gestählt, aus der Ruhe bringt den Juristen nichts. Außer vielleicht italienische Behörden. Die haben jetzt beschlossen, dass der Klub aus dem Hessischen zum fälligen Champions-League-Spiel in einer Woche beim SSC Neapel ohne eigene Fans antreten muss. Ungeheuerlich, findet das Philipp Reschke, der von einem „erstmaligen und einmaligen“ Vorgang spricht. Und schlussfolgert: „Es ist ein trauriger Tag für den europäischen Klubfußball.“ Das kann man so sagen. So etwas gab es in der Geschichte noch nie.

Fahnenmeer in Frankfurt, aber nicht am Vesuv: Eintracht-Fans werden für die Partie in Neapel ausgesperrt.
Fahnenmeer in Frankfurt, aber nicht am Vesuv: Eintracht-Fans werden für die Partie in Neapel ausgesperrt. © HMB-Media/Imago

Vor einer Woche ist das Vorstandsmitglied im Innenministerium in Rom vorstellig geworden, um die Sicht der Eintracht darzulegen. Den Verantwortlichen ist zuvor mitgeteilt worden, dass die Behörden sich außerstande sehen, für die Sicherheit der Gästefans zu sorgen. 2700 Tickets stehen der Eintracht zu, 2400 davon im Gästeblock. Das Ministerium begründete die drastische Maßnahme auch mit den Zwischenfällen rund um das Hinspiel in Frankfurt. Die gab es, waren aber im Rahmen dessen, was man erwarten konnte. „Dass das nicht völlig vorfallsfrei abgeht, war uns allen klar“, sagt Reschke, doch die Sicherheitslage habe sich in keiner Weise verändert. „Dass das Hochsicherheitsspiele sind, wussten alle am Tag der Auslosung. Die gibt es aber in Europa landauf, landab.“

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Fans der Eintracht sind hilflos ausgeliefert

Auch Kollege Axel Hellmann hat für die Sanktion kein Verständnis. Der Vorstandssprecher kritisiert in aller Schärfe: „Es ist ein schwerer und nicht hinnehmbarer Eingriff durch die italienischen Sicherheitsbehörden in die Durchführung und Kultur der europäischen Klubwettbewerbe“, sagte der kommissarische DFL-Geschäftsführer und fügte an: „Es gleicht einem Offenbarungseid des italienischen Staates, dass er sich nicht in der Lage sieht, ein mehrere Monate feststehendes Champions-League-Spiel mit 2500 Gästefans sicher durchzuführen. Es sei denn, dass andere Interessen hier eine Rolle gespielt haben.“

Eintracht Frankfurt gegen SSC Neapel: Verbot ist „ein Sündenfall“

Auch Reschke sieht „den Weg bereitet für Entscheidungswillkür“. Will sagen: Nach welchen Parametern wird entschieden? Und: Welcher Gegner darf denn überhaupt noch Fans nach Neapel mitbringen? Die staatliche Einmischung sei höchst problematisch. „Möglicherweise ist hier die Büchse der Pandora geöffnet worden, die einen Dominoeffekt nach sich zieht“, sagt Reschke und veranschaulicht: „Wenn man sich mit dem Polizeipräsidenten gut genug versteht, um dafür zu sorgen, dass die Sicherheitslage so hochgejazzt wird, dass man die Karten nicht an den Gast verkaufen muss, können wir einpacken.“ Reschke wollte das allgemein verstanden wissen, nicht auf den SSC Neapel bezogen – auch wenn diese Conclusio naheliegt.

Und natürlich liegt auf der Hand, dass das Fanverbot ganz sicher kein Vorteil für die Frankfurter Mannschaft ist, die von ihren Fans lebt, von ihnen getragen wird. Für Reschke ist daher ganz klar: „Das greift massiv in die Wettbewerbsstatik ein, die Integrität des Wettbewerbs wird dadurch gefährdet. Das ist eine neue Qualität.“ Schwer genug wird es für die Eintracht sowieso, sie hat bereits das Hinspiel 0:2 verloren. Der Klub steht dem Ganzen ziemlich ohnmächtig gegenüber. „Bis zum 15. März gibt es für uns keinen Hebel“, betont Reschke. Auch die Uefa sei machtlos. „Staatliches Recht steht über Verbandsrecht, und das Verbandsrecht sieht keine Konsequenzen gegen Neapel vor.“ Doch klar sei, dass die Eintracht Druck auf die Uefa ausüben werde, „damit sie das Reglement zukünftig so aufsetzt, damit so etwas nicht Schule macht“. Organisatorisch sei dieses Verbot „ein Sündenfall“.

Die Eintracht-Fans sind entrüstet. Ina Kobuschinski, die Vorsitzende des Fanclubverbands, fühlte sich „unsagbar traurig“. Die Behörden in Italien „nehmen uns die Chance, ein Achtelfinale in der Champions League zu sehen“. Der Verhalten des italienischen Staats sei „total inkompetent“, findet Kobuschinski. Offenbar gebe es in Neapel kein Sicherheitskonzept, das die Austragung solcher Spiele ermögliche.

Eintracht Frankfurt ohne Fans gegen Neapel: Wie geht es für Fans mit Tickets weiter?

In den nächsten Tagen wird Kobuschinski mit den Fluggesellschaften darüber verhandeln, zu welchen Bedingungen die Charterflüge nach Neapel nun noch storniert werden könnten. Zwei Maschinen hatte der Fanclubverband gebucht, die Fans hatten längst für ihre Tickets bezahlt. Insgesamt sollten sechs Chartermaschinen nach Süditalien fliegen – sie alle sind jetzt abgesagt. Immerhin habe die Eintracht ihr in Aussicht gestellt, sie bei der Regulierung des Schadens zu unterstützen, so Kobuschinski.

Unterdessen herrscht in den Fanforen der Eintracht pure Fassungslosigkeit. Maximilian Klöckner, der in Frankfurt im Magistrat sitzt, schrieb: „Die einzige logische Konsequenz wäre ein Wettbewerbsausschluss für Napoli. Und die Eintracht sollte sich überlegen, ob sie einen solchen Eiertanz wirklich mitmacht.“ Auch andere Fans forderten die Eintracht auf, zu dem Spiel nicht anzutreten.

Dazu wird es nicht kommen. Reschke stellte aber klar, dass der Verein das Spiel nur noch auf kleiner Flamme angehen wird, die Delegation wird entsprechend überschaubar sein und zurückhaltend agieren. „Wir canceln alles, was an diplomatischem Defilee dazugehört, wird machen keine gute Miene zum nicht so guten Spiel“, bekräftigt Reschke. „Wir werden an keinem Dinner oder ähnlichem teilnehmen. Es gibt keine Veranlassung, dort noch bei Spielchen außerhalb des Spielfelds mitzumachen.“

Unterdessen planen manche Anhänger aus der aktiven Fanszene weiter eine Reise nach Neapel. Auch vor knapp fünf Jahren waren rund 500 Frankfurterinnen und Frankfurter nach Marseille gereist, obwohl die zuständige Polizeipräfektur damals ein (im Nachhinein als rechtswidrig eingestuftes) Betretungsverbot gegen sie verhängt hatte. Diesmal aber ist die Gemengelage eine andere, die Sicherheitslage könnte hochproblematisch sein. Philipp Reschke rät deshalb von Reisen ab. Ganz entschieden sogar. (Ingo Durstewitz, Georg Leppert)

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