1. Startseite
  2. Eintracht

Eintracht Frankfurt sprengt die Ketten

Erstellt:

Von: Ingo Durstewitz, Daniel Schmitt

Kommentare

Torschützen unter sich: Randal Kolo Muani schultert Daichi Kamada.
Torschützen unter sich: Randal Kolo Muani schultert Daichi Kamada. © dpa

Die Frankfurter Fußballer wirken nach einer turbulenten Woche wie befreit und schlagen harmlose Mainzer.

Es gibt einige Szenen in diesem doch recht einseitigen Bundesligaspiel zwischen der Eintracht und Mainz 05, die typisch waren für den doch etwas anderen Frankfurter Auftritt an diesem fluffigen Samstagnachmittag. Oder, anders ausgedrückt: „Bezeichnend.“ So nannte es Sebastian Rode, und der ist ja immerhin Kapitän des ins Schlingern geratenen Eintracht-Kahns, der sich kurz vor Saisonende noch mal aufgerichtet hat. Da ist zum einen jener Strafstoß von Daichi Kamada, der nicht schlecht geschossen war, aber eben doch so, dass der Mainzer Torwart Robin Zentner noch die Fingerspitzen an den Ball bekam. Der flutschte aber dennoch ins Tor, 1:0. Erlösend.

Dann dieser Van-Basten-Gedächtnis-Hammer von Aurelio Buta hinein ins Nullfünfer-Herz, ein herrlicher Vollspannstoß aus unmöglichem Winkel, 2:0. „Vor kurzem wäre der nicht reingeflogen“, urteilte Sebastian Rode treffend. Und dann noch dieser fast schon unfassbare Reflex von Keeper Kevin Trapp gegen den Kopfball des alten Kumpels Danny da Costa, als der Schlussmann katzenartig abtauchte und intuitiv die Pranke ausfuhr. In den Nachschuss warf sich der tapfere Chris Lenz unter Aufbietung all seiner Aufopferungsbereitschaft. „Bezeichnend“, sagt Seppl Rode.

Man muss nun nicht irgendwie esoterisch angehaucht sein, um zu konstatieren: In den vergangenen Wochen wären wahrscheinlich alle Szenen anders abgelaufen, nicht für, sondern gegen die Eintracht, also: Elfer gehalten, Schuss auf die Tribüne, da Costas Kopfball rein in die Kiste. Doch manchmal dreht es sich, manchmal wendet sich das Blatt. Ist das Schicksal oder Karma? Oder nur Zufall und Glück? Oder einfach die schnöde Tagesform? Nicht seriös zu beantworten. Aber: „Bezeichnend.“ Allemal.

Doch klar ist auch, dass man sich, gerade im Sport, etwas verdienen, Geschehnisse beeinflussen kann durch eine innere Überzeugung, Glauben und Willen. Und wer so auftritt wie die Eintracht am Samstag, griffig, gallig, energisch, der gewinnt vielleicht nicht gegen Bayern München, aber doch gegen harmlose Mainzer, locker 3:0 (2:0). Der erhöht einfach die Chance, erfolgreich zu sein und Situationen auf seine Seite zu ziehen.

Genau da hakte es bei der Eintracht in den zurückliegenden Wochen. Die unrunde Gemengelage, viele Misserfolge, ein immer nervöser werdender Trainer, ungeklärte Zukunftsfragen und Unruhe an der Spitze, schienen das ganze Konstrukt Eintracht zu lähmen, mit der Mannschaft als Spiegelbild. Zehn Spiele lang wartete sie auf einen Sieg, wurde durchgereicht bis ins Niemandsland des Klassements. Das zehrt. „Es ist sehr, sehr ärgerlich, wie die letzten Wochen ins Land gezogen sind“, rekapituliert Rode. „Es hat wenig Spaß gemacht.“

Der Abwärtstrend hat dazu geführt, dass Oliver Glasner am Saisonende seinen Hut nehmen muss. Ob es einen kausalen Zusammenhang gibt zwischen der angekündigten Trennung und dem plötzlich wie befreit aufspielenden Ensemble? Das lässt sich nicht beantworten, ohne ins Feld der Hypothesen abzudriften, aber zumindest auf dem Feld wirkte die Mannschaft, als sei der Ballast abgeworfen, die Ketten gesprengt worden. Das Team raffte sich zur besten Rückrundenleistung auf.

Ganz offensichtlich hat es unter der Unruhe und der wachsenden Anspannung, auch im täglichen Umgang, gelitten. „Es ist wichtig, dass Zukunftsthemen geklärt sind und man klare Entscheidungen trifft“, sagt Sportvorstand Markus Krösche. In diesen Kerbe schlug auch Torwart Kevin Trapp. „Generell ist es gut, dass wir jetzt Klarheit haben. Aber wir wollen ein schönes Saisonende haben, auch für Oliver Glasner“, so der Schlussmann. „Der Trainer soll bekommen, was er verdient – maximalen Erfolg.“ Die Eintracht ist bemüht darum, die Saison in Eintracht zu Ende zu bringen, das ist vernünftig und richtig.

Die Entscheidung des Vereins, den Coach am Saisonende von seinen Pflicht zu entbinden, kam für die Spieler nach den Vorgängen in den zurückliegenden Wochen nicht mehr überraschend. „Es hat sich abgezeichnet“, sagt Routinier Rode. „Wenn vieles passiert, wenn man so eine lange Durststrecke hat und die Erwartungen nicht erfüllt und wenn man sieht, wie der Trainer mit der Situation umgegangen ist und man dann am Sonntag das Interview von Axel Hellmann hört, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn man dienstags so etwas liest“, sagt er. „Da ist der Trainer das schwächste Glied.“

Der 32-Jährige, gewiss kein Glasner-Gegner, hofft, dass man dem Coach gebührend und mit dem Pokalsieg verabschieden kann. „Wir wollen ihm einen krönenden Abschluss bereiten.“

Glasner, der das Spiel aufgrund seiner Rotsperre gemeinsam mit seiner Frau aus einer Loge heraus verfolgte, moderierte das große Thema am Samstag wieder locker ab. Auch er wirkt eher so, als sei die Entscheidung für ihn persönlich ein Brustlöser, er hat seine Souveränität wieder erlangt. „Alles, was war, interessiert mich nicht mehr“, sagte er. „Ich richte meinen Blick nach vorne, wir sind im Tunnel. Wir haben ein großes Ziel, das heißt Europa. Wir halten den Fokus hoch bis zum 3. Juni.“ Dann endet die lange Saison mit dem Pokalfinale in Berlin. Und die Amtszeit von Glasner nach zwei höchst intensiven Jahren, die aus dem Österreicher gewiss einen anderen Trainer, vielleicht sogar einen anderen Menschen gemacht haben.

Vereinspräsident Peter Fischer rechtfertigte die Scheidung am Samstagabend im ZDF-Sportstudio, räumte allerdings ein, dass er auch all jene verstehene könne, die das kritisch sehen. „Ich habe hohes Verständnis dafür, dass der Fan sagt: Seid ihr bekloppt?“ Glasner sei „ein großer Trainer, die großen Spiele haben wir unter ihm gewonnen.“

Doch nach intensiven Gesprächen im Vorstand habe er „die Entscheidung verstanden und würde sie genauso unterschreiben.“ Markus Krösche sei ein besonnener Sportvorstand, „der sich emotional nicht verführen lässt“. Krösche habe keine andere Chance gesehen. „Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, das müssen wir ändern – auch wenn das schwer vermittelbar ist.“

Auch interessant

Kommentare