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Die Eintracht sollte gewarnt sein

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Von: Ingo Durstewitz

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Die Abreibung der Bayern führt dem Frankfurter Europa-League-Sieger vor Augen, dass diese Saison ganz sicher kein Selbstläufer wird und der ganze Klub wachsam sein sollte.

Frankfurt – An der Torwand im „Aktuellen Sportstudio“ zog sich der Frankfurter Fußballlehrer Oliver Glasner am späten Samstagabend zwar besser aus der Affäre als seine Mannschaft einen Tag zuvor im Eröffnungsspiel der Bundesliga gegen den FC Bayern München, das in einer denkwürdigen Abreibung gipfelte. 0:5 nach 45 Minuten, 1:6 nach 90 Minuten. Ein Debakel, eine Blamage für Eintracht Frankfurt vor den Augen der Weltöffentlichkeit.

Im ZDF gab der verantwortliche Cheftrainer ein deutlich besseres Bild ab, als eloquenter Studiogast sowieso, aber auch mit dem Ball am Fuß. Gekonnt ließ er den Ball ins Loch hoppeln, zwei Treffer unten rechts. Doch oben links ging nix für Glasner, und so musste er am Ende die zweite Schlappe binnen 24 Stunden hinnehmen: Merle Frohms traf insgesamt dreimal. Gut gemacht, Frau Nationaltorhüterin.

Eintracht Frankfurt: „Ausführliche“ Analyse der Bayern-Klatsche

Vorher, am Samstagmorgen schon, bat der 47-Jährige seine so knüppelhart auf dem Boden aufgeschlagenen Eintracht-Recken zur ausgiebigen Nachbereitung des freitäglichen Gruselabends. „Das war schon ausführlich“, berichtet der Chefcoach. „Es war wichtig, darüber zu sprechen.“ Und die vielen Verfehlungen auch per Videostudium aufzuzeigen. Denn im Grunde hat Oliver Glasner seine Mannschaft zum Auftakt kaum mehr wiedererkannt. Sie hat nämlich all das gemacht, was sie nicht hätte machen sollen. Verkehrte Welt im Stadtwald.

Eigentlich wollte die Eintracht den Bayern nämlich wenig Raum bieten, tiefer stehen, um den pfeilschnellen Offensiv-Assen der Münchner besser habhaft zu werden. So weit die Theorie. In der Praxis ist davon nichts, aber auch gar nichts umgesetzt worden. Im Gegenteil. „Wir waren zu offensiv, haben ihnen Platz gelassen und dann irgendwann den Kopf verloren“, sagte der Trainer. „Wir waren zu wild, wir wollten zu viel.“ Rausgekommen ist verdammt wenig. Außer lange Gesichter und die Erkenntnis: So wird das nix mit dem Aufmischen der Bundesliga. „Sie haben uns den Arsch aufgerissen“, formulierte Eintracht-Kapitän Sebastian Rode drastisch.

Zum Wegschauen: Jesper Lindström.
Zum Wegschauen: Jesper Lindström. © Uwe Anspach/dpa

Eintracht Frankfurt stellt sich im Auftaktspiel naiv an

Die Abwehr glich einem Torso, das Verhalten als Gruppe einem Hühnerhaufen. „Manchmal nimmt ein Spiel so eine Dynamik an“, urteilte Glasner und setzte sich gleich mit ins kippende Boot. „Ich habe es nicht geschafft, das von außen zu korrigieren.“ Das bittere Ende: Eine Klatsche der übelsten Sorte, gleich zu Beginn, vor einem Millionenpublikum. Tabellenplatz 18, logischerweise, Torverhältnis schon am ersten Spieltag verhunzt. Das geht besser. Das sollte besser werden.

Gerade nach dem frühen 0:2 ist die Eintracht blindlings ins Verderben galoppiert. „Wir haben die Kontrolle verloren, als Mannschaft schlecht verteidigt und uns naiv angestellt“, analysierte Sportvorstand Markus Krösche. Exemplarisch die völlig groteske Szene, als sich nach 23 Minuten beim Stand von 0:2 alle Frankfurter Feldspieler tief in der Münchner Hälfte tummelten, die Bayern-Spieler Serge Gnabry und Thomas Müller unbewacht an der Mittellinie lauerten und Sekunden später ganz alleine auf Torwart Kevin Trapp zusprinteten. Dass es da nicht 0:3 hieß, hatte die Eintracht nur einem rassigen 60-Meter-Vollsprint von Filip Kostic, dem schlampigen Querpass von Serge Gnabry und Thomas Müllers Slapstick-Einlage zu verdanken. Sehr viel größere Chancen gibt es im Fußball nicht. „So kannst du nicht spielen“, monierte Krösche. „Das geht einfach nicht.“

Klassenunterschied zwischen Eintracht Frankfurt und Bayern München

Zur Wahrheit gehört auch: Die wie entfesselt aufspielenden Bayern haben eine bemerkenswerte Spielkultur auf den Rasen geworfen, gerade in der Offensive ein wahres Feuerwerk mit raketenhaften Zauberern gezündet. Fast schien es, als seien sie befreit vom System Lewandowski. Die ersten 45 Minuten waren nahezu perfekt, eine Demonstration der Stärke. In dieser Verfassung sind die Bayern nicht zu stoppen. „Am Freitag waren wir nicht so weit, um mit der Crème de la Crème mitzuhalten“, sagte Glasner.

Die scheinbar nicht enden wollende Begeisterung in Frankfurt ist erst einmal verflogen, wer dachte, die Eintracht würde als Europa-League-Sieger die Spitze attackieren und sei schon so weit, um in die Phalanx der ganz Großen einzubrechen, wurde eines Besseren belehrt. Auf dem Rasen war im ersten Abschnitt ein Klassenunterschied zu sehen – mindestens. Mit dem Fünferpack waren die Hessen noch gut bedient. „Wir sind in der Realität angekommen“, stellte Krösche fest.

Eintracht Frankfurt war „zu euphorisch“

Insgeheim hatten sie gehofft, weiter zu sein, sie wähnten sich nicht auf Augenhöhe mit den Bayern, aber waren überzeugt davon, ihnen einen harten Fight liefern zu können. In Wirklichkeit ist die Eintracht, zumindest in dieser Form, weit weg von der Bundesligaspitze, reicht nicht mal annähernd an das Leistungsniveau des Branchenführers heran. Das ist keine Überraschung, musste den Frankfurtern aber vielleicht schmerzlich vergegenwärtigt werden. Natürlich ist der Kader besser geworden, in der Breite und in der Spitze, und natürlich ist es für die Eintracht auch jetzt noch drin, am Ende auf einem internationalen Startplatz zu landen.

Es wäre auch keine große Überraschung, wenn sie am Sonntag bei Hertha Berlin mit, sagen wir, 3:0 gewinnen würde. Aber man sollte nicht vergessen: Die vergangene Runde war nur in Europa eine sehr spezielle, außergewöhnliche, ja fantastische. Was freilich an besonderen Umständen lag, einer Eigendynamik, einer Welle, die immer höher wurde und die Eintracht zum monumentalen Triumph trug. Aber: In der Bundesliga herrschte Tristesse, viel Gezuckel und Geruckel, Platz elf, Niemandsland. Nur durch den Europa-League-Sieg glänzt nicht alles, was vorher im Dunkeln lag. Zumal es selten ratsam ist, sich auf seinen Meriten auszuruhen.

Ob durch den Coup von Sevilla eine gewisse Laissez-faire-Haltung Einzug gehalten hat? Das könnte sein, bestimmt nicht bewusst, aber unterbewusst, und wäre auch menschlich: Wer zweieinhalb Monate in den Himmel gehoben und ohne Ende hofiert wird, kann sich schon mal für besser und stärker halten als er eigentlich ist. „Wir waren vielleicht etwas zu euphorisch“, räumte Kapitän Rode ein. Da liegt es nun an der Sportlichen Leitung, entsprechend gegenzusteuern. „Manchmal ist es besser, gleich einen Nackenschlag zu bekommen, damit nicht jeder denkt, es geht so weiter wie letzte Saison“, urteilte Glasner. Er hat Recht. Vielleicht kann so ein böses Erwachen ja sogar etwas Gutes haben. Die Sinne sollten jetzt geschärft, die Eintracht gewarnt sein. Ein Selbstläufer wird diese Runde sicher nicht. (Ingo Durstewitz)

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