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Endstation an der Frankfurter Mauer: Rode, Hinteregger und Touré (von links) stoppen den Hoffenheimer Schulz.

Eintracht-Defensive

Das neue Eintracht-Bollwerk

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Eintracht Frankfurt besticht durch bedingungslosen und begeisternden Offensivfußball. Doch auch in der Abwehr stimmt es.

Als Nils Petersen das doch ziemlich unbedeutende 1:3 erzielte, aus kurzer Distanz und ganz humorlos nach knapp 70 Minuten, im Januar dieses Jahres war das, da hätte Kevin Trapp seine Vorderleute am liebsten gewürgt oder zumindest mal kräftig durchgeschüttelt. Der Eintracht-Keeper hatte es kommen sehen, und dieses Gegentor, obgleich für den Spielausgang nicht relevant, ärgerte den 28-Jährigen doch ganz arg. Weil es unnötig war – und es seine weiße Weste besudelte. Weiße Westen sind für Torhüter nicht ganz unwichtig, und überhaupt: „Jedes Gegentor ist eine persönliche Niederlage“, erklärt Jan Zimmermann, die Frankfurter Nummer drei. Für den „überehrgeizigen“ Kollegen Trapp gilt das im Besonderen: „Er würde bei jedem Gegentor am liebsten den Pfosten aufessen.“ Muss ja nicht sein.

Für den Frankfurter Schlussmann hat nun gewissermaßen eine neue Zeitrechnung begonnen, denn das mit der weißen Weste klappt mittlerweile immer häufiger. In den vergangenen fünf Bundesligapartien kassierte der deutsche Nationaltorwart gleich viermal keinen einzigen Treffer, auch im Europa-League-Achtelfinale gegen das italienische Topteam Inter Mailand hielt er zweimal seinen Kasten sauber. Insgesamt hat er in zehn Ligaspielen des Jahres erst sieben Tore schlucken müssen – zum vergleichbaren Zeitraum der Hinrunde waren es sechs mehr. Zudem: Im alten Jahr konnte Trapp nur zweimal die Null halten (und Kollege Frederik Rönnow einmal am ersten Spieltag in Freiburg), nun bereits fünfmal. Daran hat der Torwächter selbst großen Anteil, er gibt seiner Mannschaft Halt und hat ihr mittlerweile einige Spiele gewonnen. Das ist eminent wichtig und ein Schlüssel zum Erfolg.

Eintracht Frankfurt:  Das Defensivverhalten hat sich verbessert

Doch Trapp ist für die neue Stabilität natürlich nicht alleine verantwortlich, das Defensivverhalten hat sich generell verbessert – ohne dass die Durchschlagskraft im Angriffsspiel großartig verloren ging. Das ist die vielleicht größte Leistung. Das neue Bollwerk fußt in erster Linie auf der individuellen Klasse der einzelnen Akteure. Und aus dem perfekten Zusammenspiel und der Anordnung der Defenisvreihe. Die Dreierekette ist dieser Mannschaft auf den Leib geschneidert, das hat auch Trainer Adi Hütter erkennen müssen, der bei seinen vorherigen Stationen fast immer mit einer aus vier Spielern bestehenden Deckung agieren ließ. In Frankfurt ist das aus zweierlei Gründen nicht opportun: Zum einen sind da die nominellen Außenverteidiger, die ja gar keine sind, sondern eher verkappte Außenstürmer. Danny da Costa auf rechts und gerade Filip Kostic auf links haben so viel Dampf in den Füßen und so viel Offensivpower in sich, dass sie hinten gar nicht zu halten sind (und gar nicht hinten bleiben sollen). Sie sind ganz entscheidende Faktoren im Eintracht-Spiel, durch ihre Vorstöße werden Überzahlsituationen geschaffen; etliche Tore sind über die Flügel gefallen oder vorbereitet worden.

Der Kommentar: Eintracht-Hype ohne Ende

Und da ist, zum anderen, der 35 Jahre alte Ruhepol Makoto Hasebe. Der Japaner ist in dieser Form und mit dieser Lesart des Spiels ein Ausnahmespieler, einfach unverzichtbar. Er ist das Hirn, das Herz und die Seele des Teams. „Er ist ein absoluter Leader“,sagte Sportvorstand Fredi Bobic und deutete eine weitere Vertragsverlängerung an: „Wir haben eine Verabredung im Herbst. Dann frage ich ihn, ob er sich fit fühlt und noch ein Jahr bleiben möchte. Dann schaut er mir in die Augen und sagt, dass es kein Problem ist. Dann schlagen wir ein und damit ist die Sache erledigt. Das ist faszinierend.“ So einfach ist das also manchmal im hochgezüchteten Millionengeschäft.

Martin Hinteregger dürfte teuer werden

Und dann ist da noch Martin Hinteregger, der Neue aus Augsburg, der sich binnen kürzester Zeit zu einem absoluten Leistungsträger und Stützpfeiler entwickelt hat, der so auftritt, als sei er schon seit einer halben Ewigkeit in Frankfurt. Der Österreicher ist zweikampfstark, schnell, spielt mit seinem linken Fuß mittlerweile sehr gute und scharfe Flachpässe durchs Mittelfeld. Eine Frage des Selbstvertrauens. Der 26-Jährige ist zudem vielseitig, hat schon jede Position da hinten bekleidet. Er spielt noch mal auf einem anderen Level als in Augsburg, hat sich schnell dem gehobenen Niveau angepasst, das kann man aber nur, wenn die grundsätzlichen Fähigkeiten vorhanden sind. Der Innenverteidiger ist nur ausgeliehen, die Eintracht müsste ihn für viel Geld herauskaufen, der FCA wird sicher um die zwölf, 13 Millionen Euro aufrufen. Muss sie eigentlich aufbringen, die Eintracht.

Auf der anderen Seite, der linken, hat sich der junge Evan Ndicka einen Stammplatz erkämpft, stand in 23 von 27 Bundesligapartien in der Startelf. Dabei ist der junge Mann erst 19 Jahre, aber er spielt abgeklärt und souverän wie ein alter Hase. Die Eintracht hat für ihn im vergangenen Sommer sechs Millionen Euro an AJ Auxerre überwiesen, was viele für ein wenig übertrieben hielten. Doch mittlerweile ist der Franzose das Vier- bis Fünffache wert, sein Marktwert wird schon jetzt auf 22 Millionen Euro beziffert. Und sollte einer der beiden, Hinteregger oder Ndicka, mal ausfallen, hat Trainer Hütter Spieler wie David Abraham, der Kapitän ist und noch unter Vorgänger Niko Kovac als die „Lebensversicherung“ galt, sowie Almamy Touré in der Hinterhand. Der 22 Jahre alte Franzose hat schon angedeutet, dass er ein ganz feiner Fußballer ist und eine richtige Verstärkung werden kann. Nicht zu vergessen: Der derzeit verletzte Marco Russ und der ins dritte Glied gerutschte Simon Falette sind ja auch noch da.

Zur Gesamtkomposition gehören jedoch nicht nur die Abwehrrecken, sondern gerade die beiden defensiven Mittelfeldspieler. Gelson Fernandes und Sebastian Rode sind unermüdliche Kilometerfresser und Balleroberer, die die Deckung nach Kräften unterstützen und entlasten. Sie sorgen für die rechte Balance und die erforderliche Kompaktheit, gleichzeitig sichern sie die beiden Flügelläufer Kostic und da Costa ab.

Rückkehrer Rode kommt da eine wichtigere Rolle zu, weil er mittlerweile nicht nur als reiner Zerstörer auftritt, sondern auch sein Scherflein zum Spielaufbau beiträgt. Rode, aus Dortmund ausgeliehen, müsste ebenfalls gekauft werden – auch da sollte die Eintracht nicht lange überlegen.

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