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Und dann flippen sie aus: Eintracht Frankfurt steht Kopf.

Eintracht - Hoffenheim

Die heißeste Nummer

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt ringt Hoffenheim in letzter Minute nieder, pflügt durch die Bundesliga und steht so gut da wie seit 26 Jahren nicht mehr.

Der unerreichte Jürgen Grabowski neigt gewiss nicht zu übermäßigen Gefühlsausbrüchen, Superlative sind dem besten Frankfurter Spieler aller Zeiten fremd. Und so urteilte die heute 74 Jahre alte Eintracht-Ikone nach diesem völlig irren Finale gegen die TSG Hoffenheim in der ihm eigenen Nüchternheit. „Das ist Fußball, das kann man sich ansehen. Da gibt es nix zu meckern.“ Man könnte das, was die Eintracht derzeit auf den Fußballfeldern dieser Republik so abzieht, auch etwas flammender beschreiben. Denn allerspätestens nach diesem wahnwitzigen Krimi gegen die TSG Hoffenheim samt 3:2-Siegtreffer in der sechsten Minute der Nachspielzeit ist klar, dass die Eintracht so mit die heißeste Nummer im deutschen Fußball ist und die Bundesliga in ihren Grundfesten rockt.

„So viel Leidenschaft, so viele Emotionen – da hüpft das Eintracht-Herz. Das, was hier passiert ist, gibt es nur in Frankfurt“, jubilierte Präsident Peter Fischer gewohnt enthusiastisch.

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Durch den mit viel Hingabe und noch mehr Willen herausgeschufteten 3:2-Sieg bleiben die Hessen vorne dabei, haben den Rückstand auf die Borussia aus Mönchengladbach, die auf Rang vier und damit auf dem ersten Champions-League-Rang liegt, auf drei Zähler verkürzt und die TSG Hoffenheim auf sechs Punkte distanziert. „Das ist schon ein Pfund“, bewertete Sportdirektor Bruno Hübner. Nach 24 Spieltagen hat die Eintracht 40 Zähler auf ihr Konto gepackt – so viele wie seit 26 Jahren nicht mehr. Einen Einbruch, wie in den vergangenen beiden Jahren, befüchtet niemand mehr ernsthaft. Die Frage ist eher, wie lange diese Welle der Begeisterung und des Erfolges noch anhält und wohin sie den Klub spülen wird. „Es ist wichtig, dass wir uns für diese gute Saison belohnen“, bekundet Manager Hübner.

Seit neun Spielen in diesem Jahr ist die Eintracht nun schon wieder ungeschlagen, sie hat die letzten drei Partien am Stück gewonnen und dabei immer mindestens drei Tore erzielt (4:1 gegen Donez, 3:0 in Hannover, 3:2 gegen Hoffenheim) – es ist die zweite Serie, nachdem sie schon im Herbst einen Lauf und elf Begegnungen nicht verloren hatte (zehn dieser Spiele gewann sie sogar). „Das“, sagt Trainer Adi Hütter, „macht mich stolz.“

Zufall ist der Aufschwung nicht, die Mannschaft vereint Mentalität mit Qualität. Die Eintracht pflügt förmlich durch die Bundesliga, walzt über die Konkurrenten hinweg. Und sie hat sich, wenn man so will, auch eine Portion Fortune verdient. Denn der Sieg gegen die starken Sinsheimer war in diesem vogelwilden Fußballspiel zwar nicht gänzlich unverdient, aber doch auch recht glücklich.

Der Hexenkessel treibt das Team zum Sieg

Zu Beginn der zweiten Hälfte taumelten die Frankfurter nämlich von einer Verlegenheit in die nächste, da waren die Gäste klar dominierend und spielerisch überlegen, sie drehten die Eintracht-Führung durch einen von Ante Rebic ins Tor abgefälschten Freistoß von Filip Kostic (20.) in eine 2:1-Führung um, Joelinton (43.) und Ishak Belfodil (60.) trafen. Und wer weiß, wie die Begegnung geendet hätte, wenn ihr Verteidiger Kasim Adams nicht völlig zu Recht nach 65 Minuten und einem Foul an Sebastien Haller mit Gelb-Rot vom Platz geflogen wäre. Auch Adi Hütter bezeichnete diese Hinausstellung als „Knackpunkt“. Was dann aber folgte, war großes Kino im Stadtwald. In der folgenden halben Stunde zogen die Hessen ein ungeheuerliches Powerplay auf, Angriffswelle auf Angriffswelle rollte dem Hoffenheimer Tor entgegen, und als Sebastien Haller dann tatsächlich den Ball nach einer Flanke von Mijat Gacinovic in die Masche zum Ausgleich geköpft hatte, das war in der 89. Minute erst, da hielten sich die Spieler nicht lange mit Jubeln auf, sondern sprinteten zurück zur Mittellinie, um das Spiel schnell fortsetzen zu können. Mit einem Punk waren sie nicht zufrieden. „Das zeigt die Mentalität“, sagt Bruno Hübner. „Riesenkompliment.“

Und dann, ganz zum Schluss, spielte Stratege Makoto Hasebe einen letzten feinen Pass zu Haller, der den Ball butterweich auf den eingewechselten Goncalo Paciencia flankte – und der Portugiese sich per Kopf zum Helden des Nachmittags aufschwang (siehe Seiten S2/3). Anschließend sind „alle emotionalen Dämme“ gebrochen, wie Hütter treffend sagte. Das Stadion glich einem Tollhaus, und es gab niemanden, der daran zweifelte, dass der Frankfurter Hexenkessel die Mannschaft zum Sieg getragen hatte. Diese Wucht von außen verlieh den Spielern die Kraft, den inneren Schweinehund mehr als einmal zu überwinden. Der Hoffenheimer Verteidiger Stefan Posch konstatierte schwer beeindruckt: „Das ist der ganz große Vorteil, den Frankfurt hier alle zwei Wochen hat. Vor diesem Publikum zu spielen, das hilft ihnen.“

Die Mannschaft, und das ist das Besondere, gibt niemals auf. „Nur eine Mannschaft wie wir, die diese Einstellung und Charakter hat, kann so ein Spiel noch drehen“, sagte Paciencia. Trainer Hütter stellte zufrieden fest, dass sein Team nach den vielen Unentschieden zu Jahresbeginn wieder mehr Hunger hat: „Diese zehn Prozent an Siegermentalität sind zurückgekommen.“ Für TSG-Trainer Julian Nagelsmann steht fest: „Wer solche Spiele gewinnt, landet am Ende weit oben.“

Zeit, um dieses Husarenstück zu genießen, bleibt den Frankfurtern nicht. Schon am Donnerstag wartet das nächste Highlight, das Achtelfinalhinspiel der Europa League gegen Inter Mailand. „Wir werden uns nicht verstecken“, kündigte Hütter selbstbewusst an. „Wenn wir weiterkommen wollen, müssen wir vorlegen.“ Und sei es in der Nachspielzeit.

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