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Vertrauter der Spieler: Materialwart Franco Lionti.

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Eintracht-Zeugwart: „Der beste Franco aller Zeiten“

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Eintracht-Materialwart Franco Lionti ist gute Seele und Kummerkasten, doch zurzeit sorgt er sich vor allem um seine Familie in Italien.

  • Franco Lionti ist die gute Seele bei Eintracht Frankfurt
  • Zeugwart arbeitet seit fast 25 Jahren für die SGE
  • Aktuelle Situation beschäftigt ihn

Frankfurt - Seit einigen wenigen Tagen ist Eintracht Frankfurt auf den Platz zurückgekehrt. Okay, als Training einer professionellen Fußballmannschaft geht das überschaubare Treiben natürlich noch nicht durch, das Team übt in ganz kleinen Gruppen, aber es geht ja auch eher um das Gefühl, mal wieder rauszukommen, den Rasen zu spüren, ein paar Kollegen zu treffen – und sei es mit gebotenem Mindestabstand. Und doch ist das Miteinander eine kleine Rückkehr in die Normalität, in den Alltag und ins Gewohnte. Auch für Franco Lionti, gute Seele und Kummerkasten.

Eintracht Frankfurt: Franco Lionti seit fast 25 Jahren dabei

Der Italiener, 53 Jahre alt, arbeitet seit fast 25 Jahren für den Klub aus dem Herzen von Europa, heute nennt er sich Materialwart, früher war er Mädchen für alles; Lionti hat bittere Abstiege erlebt, harte Abstürze, das Wunder gegen Kaiserslautern, magische Europapokalfeste und den historischen DFB-Pokaltriumph, er war da, als die Profis vom Riederwald in den Stadtwald umzogen, er wusch die Trikots, als die Trainer Reinhold Fanz, Felix Magath oder auch mal Christoph Daum hießen. Aber so etwas wie die vergangenen Wochen, nein, daran kann sich Franco Lionti nicht erinnern. „Das hier ist der Ausnahmezustand“, sagt er. „Jetzt kann man ein bisschen nachfühlen, wenn die Älteren erzählen, wie es damals im Krieg war.“

Lionti, früher selbst mal ein guter Techniker, aber kein Laufwunder, klingt nachdenklich in diesen verworrenen Tagen. Corona hat ihn noch mal härter getroffen, ein Teil seiner Familie lebt noch heute in Cattolica Eraclea, einer kleinen Ortschaft in der Provinz Agrigent unten in Sizilien. Die Angst geht um. Obwohl der Süden bei weitem nicht so stark betroffen ist wie der Norden Italiens, „bis jetzt haben wir zum Glück nichts im Dorf“, erzählt Lionti. Der Ort ist hermetisch abgeriegelt, es herrscht eine Ausgangssperre, ein Angehöriger darf die Wohnung nur mit staatlicher Genehmigung verlassen, „aber dann muss er auch gleich für ein paar Tage einkaufen“, die vorwiegend älteren Menschen leben in großer Sorge. „Sie denken sich, wenn es einen von uns trifft, sind wir alle tot.“ Das hört sich dramatisch an, bildet aber nur die Furcht der Bewohner ab.

Eintracht Frankfurt: „Wir waren wie im Rausch“

Lionti weiß, dass das Hauptproblem das Gesundheitssystem ist, es gebe eine kleine Klinik für mehrere Ortschaften. „Die medizinische Betreuung ist nicht wie hier.“ Er hat versucht, den Menschen in seiner Heimat zu helfen, hat Carepaket geschnürt und sie per Post gen Süden geschickt. Mehr kann er ja nicht tun. „Das beschäftigt mich sehr.“

Lionti, beinharter Fan von Juventus Turin, Eros Ramazzotti und Adriano Celentano, nimmt die hiesigen Regeln auch deshalb sehr ernst, in seinem Haus in Eschborn hat er während der Quarantäne Abstand zu Frau und Tochter gehalten, „ich habe auch mein eigenes Handtuch benutzt“, berichtet er. Auch jetzt, da die Isolation aufgehoben ist und er seinem Job im Stadion wieder nachgehen kann, achtet er auf Abstand zu seinem Kollegen Igor Simonov und einer weiteren Mitarbeiterin, oder er legt die Pläne so, dass nicht alle zusammen vor Ort sind. „Wir sind vorsichtig, das musst du auch sein.“

Sein Werken ist zurzeit entschleunigt, klar bereitet er die Kabine vor, legt die Utensilien raus, die Trainingsklamotten, die Fußballschuhe, aber das ist für ihn ja Routine. Die Ungewissheit nagt an ihm, das spürt man. „Man kann nichts planen, wir schauen von Tag zu Tag.“

Manchmal ertappt er sich bei dem Gedanken an die noch so junge Vergangenheit, die momentan so unendlich weit weg erscheint. Die vergangenen dreieinhalb Jahre seien der Wahnsinn gewesen, Relegation, Pokalfinale, Pokalsieg, Europa League, Halbfinale, Europa-League-Quali; Spiele en masse, Reisen ohne Ende, in die Ukraine, nach Estland, Zypern. „Der Verein ist komplett umgedreht worden, wir waren ja alle wie im Rausch.“ Und dann, Knall auf Fall, Stillstand.

Eintracht Frankfurt: Aktuelle Situation beschäftigt Lionti

„Es ging uns allen gut, wir haben alle gut gelebt, es ging immer nach oben – und auf einmal Ruhe, auf einmal drehen sich die Rädchen andersherum.“ Lionti grübelt, die Situation beschäftigt ihn. „Wer hätte gedacht, dass 2020 so etwas kommt?“, fragt er rhetorisch und folgert: „Fußball ist halt nicht alles im Leben.“ Als hätte man daran erinnert werden müssen.

Zum Glück geht es seiner Familie gut, „toi, toi, toi“, dem ebenfalls in Eschborn wohnenden Bruder mit den beiden Kindern, seinen Eltern. „Wenn du nicht gesund bist, nutzt dir alles nix.“ Lionti ist dennoch froh, wieder seiner geregelten Arbeit nachgehen zu können, Kontakt mit den Spielern zu halten, die ihm vieles anvertrauen, für die er ein offenes Ohr hat. Die er aber auch mal ruppiger anfasst, wenn er denkt, es sei nötig oder einer mal die Nase zu hoch trägt. Nicht nur für Routinier Marco Russ war Franco Lionti, den Ex-Trainer Niko Kovac „unsere graue Eminenz“ nannte, auch ein Ziehvater. „Er hat mir öfter auf die Löffel gehauen“, erzählte das eine Eintracht-Urgestein über das andere Eintracht-Urgestein einmal: „Er hat mich scharf zurechtgewiesen und mir gesagt: So kann es nicht weitergehen, sonst kickst du irgendwann in der vierten, fünften Liga.“

Der Mann aus Agrigent sieht sich selbst als Freund der Spieler, der aber auch ehrlich seine Meinung sagt und nicht alles abnickt. Loyalität und Verschwiegenheit gehören zu seinem Job, er weiß alles, aber verrät nichts, nur deshalb hat er sich so lange halten können. Die Profis wissen das zu schätzen, mit Torwart Kevin Trapp war er schon auf Sizilien, fast alle Ehemalige halten Kontakt, Jan-Aage Fjörtoft etwa, Maik Franz oder Pirmin Schwegler und viele, viele andere, auf den Fluren der Geschäftsstelle hing mal ein Mannschaftsfoto mit dem Zusatz: „Für den besten Franco aller Zeiten.“ Lionti hat viele kommen und auch wieder gehen sehen, er kann schon erahnen, wer die richtige Einstellung mitbringt, von Talent mal abgesehen.

„Wenn es einer in die Erste Mannschaft schafft, ist das die Chance seines Leben“, sagt er und hadert mit denen, die diese einmalige Gelegenheit wegwerfen. „Wenn du einmal oben bist, kann es ganz schnell wieder abwärts gehen.“ Ein Zitat aus einer anderen Zeit, dieser Tage treiben Franco Lionti ganz andere Sorgen um.

Unterdessen dürfen die Spieler von Eintracht Frankfurt wieder trainieren - in Zweiergruppen.

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