Nicht mehr zusammen: Eintracht-Cheftrainer Adi Hütter.
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Nicht mehr zusammen: Eintracht-Cheftrainer Adi Hütter. 

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Eintracht Frankfurt: Die Wege aus der Krise

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Eintracht-Frankfurt-Trainer Adi Hütter ist in der momentanen Krisensituation als Fußballfachkraft, aber auch als Pädagoge und Leitfigur gefragt.

Frankfurt - In einer ersten Analyse nach der konfusen Hinserie hat der Frankfurter Trainer Adi Hütter die geistige Abgeschlagenheit seiner Spieler als Hauptgrund für die jüngste Malaise der Eintracht ausgemacht. Das höchst fordernde, strapaziöse und emotionale Jahr 2019, eines der bewegendsten der Vereinsgeschichte, hat ihren Tribut gefordert. Die vielen Glanzlichter, das Mammutprogramm mit 56 Pflichtspielen und die anstrengenden Reisen quer durch Europa haben zu einer gewissen Übersättigung geführt, auf fast allen Ebenen. Das merkt man am Publikum, an den Verantwortlichen, der Sportlichen Leitung und auch an der Mannschaft, alle wirken nicht frisch, sondern matt und uninspiriert. Taumelnd, wie ein angeknockter Boxer. Das mag normal sein, ein Leben am Limit und stetig im roten Bereich lässt sich nicht besonders lange durchhalten.

Das alles wäre auch nicht weiter schlimm, wenn die Mannschaft durch eine Verkettung vieler unglücklicher Umstände nicht immer weiter in den Abwärtsstrudel hineingezogen worden wäre und nun kurz vor der Abstiegszone gelandet ist. „Vielleicht“, schlug Trainer Hütter vor und griff nicht besonders tief in die Trickkiste, „sollten wir im neuen Jahr die Tabelle auf null stellen.“ Wenn es so einfach wäre.

Eintracht Frankfurt: Trainer Adi Hütter als Krisenmanager gefragt

Hütter, der Architekt des Erfolges und Geburtshelfer der neuen, ungezügelten Eintracht, ist längst als Krisenmanager gefragt. Der Österreicher wird beweisen müssen, dass er einem Team auch in schwierigen Phasen helfen und Leitplanken aufstellen kann. Bisher ging es für den 49-Jährigen in seiner Karriere fortwährend nach oben: Aufstieg in die erste Liga mit dem winzigen SV Grödig, anschließend Platz drei und Qualifikation für die Europa League. Es folgte das Double mit Red Bull Salzburg und schließlich der Wechsel in die Schweiz. Mit Young Boys Bern wurde er zweimal Vizemeister, ehe er den Klub 2018 zur ersten Meisterschaft nach 32 Jahren führte. Der Vorarlberger profilierte sich auch als Buchautor, erst vor Weihnachten kam sein zweites Werk auf den Markt: „Teamgeist: Wie man ein Meisterteam entwickelt.“ Ein Werdegang wie gemalt.

Auch in Frankfurt kletterte er nach anfänglichen Problemen schnurstracks Richtung Spitze, zwischenzeitlich war die Eintracht die heißeste, aufregendste Nummer in ganz Europa. „Adi Hütter hat die Eintracht revolutioniert, sie zu einer Marke gemacht und ihr eine eigene Identität gegeben“, schrieb die FR.

Dann ging es schleichend bergab, das Spielerische ist verflogen, nicht erst seit dieser Saison, seit Mitte April dieses Jahres rumpelt die Eintracht – von vereinzelten Highlights abgesehen – durch die Liga, es setzte in 23 Partien 13 Niederlagen bei nur fünf Siegen.

SGE: Hütter muss Flagge zeigen

Nun muss jener Adi Hütter Flagge zeigen. Die Zeit drängt, schon am Donnerstag geht es in die Staaten, in Florida will der Coach seine geknickte Truppe aufpäppeln – auf dem Trainingsplatz und durch Freizeitaktivitäten abseits des Fußballs. Freude und Lockerheit sollen wieder Einzug halten und die bleierne Schwere vertreiben. Das alleine wird aber nicht reichen. Die Probleme, das weiß das erfahrene Trainerteam, liegen tiefer.

Hütter muss die schwere Aufgabe analytisch angehen und einen Schlingerkurs vermeiden, zuletzt ließ er sich von der allgemeinen Verunsicherung anstecken. Mal versuchte er, hinten dichtzumachen, was schiefging (Mainz, Köln), dann wechselte er in Paderborn plötzlich das System und stellte von Dreier- auf Viererkette um. Das hatte er kurz zuvor noch ausgeschlossen. Und auch personelle Rochaden (insgesamt 16 Wechsel in den vergangenen drei Spielen) verfingen nicht. Keiner wusste mehr, für was die Mannschaft steht, sie konnte sich auf nichts zurückziehen; sie ist ein biederes Kollektiv ohne Wiedererkennungswert geworden. Daran ist auch die Angst und das fehlende Selbstvertrauen schuld.

Hütter muss Eintracht Frankfurt taktische Disziplin einbimsen

Die Eintracht hatte sich unversehens in einen Teufelskreis manövriert: Den Spielern fehlte die Kraft, die geistige Frische und auch die Qualität, um die Art des Hütter-Fußballs durchzuziehen, die die Eintracht stark und unverwechselbar gemacht hatte. Zu ihrer besten Zeit waren die Frankfurter Quälgeister, die Vollgasfußball mit hohem Stressfaktor für den Gegner zeigten – davon ist nichts mehr geblieben.

Im Gegenteil, im Zuge des Abwärtstrends ist das Pressing quasi abgeschafft worden, ohne dadurch aber zu mehr Kompaktheit zu gelangen. Die Mannschaft greift nicht geschlossen an und verteidigt nicht zusammen, die Abstände sind zu groß, weshalb es auch die Räume für den Kontrahenten sind. Selbst eine etwas defensiver Ausrichtung brachte keinen Ertrag. Hütter muss seinem Team taktische Disziplin einbimsen, die kann für Sicherheit sorgen.

Er wird das unproduktive und eindimensionale Spiel über die Flügel (384 Flanken sind nahe dran am Weltrekord) auf den Prüfstand stellen und die gefährliche Abhängigkeit von Standards (nur Union Berlin und Köln hängen mehr am Tropf der ruhenden Bälle) aufbrechen müssen.

Zu viele verletzte Spieler bei Eintracht Frankfurt

Hütter, der Pädagoge, wird mit allen Spielern viel sprechen und ihnen Vertrauen aussprechen müssen. Verbale Aufbauarbeit nebst Feinjustierungen auf dem Trainingsplatz können zu Formverbesserungen führen. Das ist nötig. Die Eintracht kann es sich nicht mehr erlauben, Akteure in unterdurchschnittlicher Verfassung aufzubieten, und von denen gab es reichlich. Profis wie Bas Dost, André Silva, Dominik Kohr, Djibril Sow, Gelson Fernandes, Mijat Gacinovic, Almamy Touré und Erik Durm müssen sich erheblich steigern, andere wie Makoto Hasebe und Sebastian Rode noch mal eine Schippe drauflegen.

Die Mannschaft wird sich zudem nicht mehr so viele kapitale Böcke (Touré, Wiedwald) leisten können und auch nicht so viele Rote Karten (Kohr, Fernandes, Abraham). Und die Eintracht wird irgendwie ihre Verletzungen in den Griff bekommen müssen. In der Statistik lag sie in der vorherigen Saison auf Platz vier, nun ist sie auf Rang 15 abgeschmiert, durchschnittlich fällt ein Eintracht-Spieler 32,65 Tage aus. Das kann Zufall sein, muss es aber nicht. Fest steht: Der keineswegs so harmonische Austausch des Ärzteteams und von einigen Physios vor der Saison hat auf diesem Feld keinen durchschlagenden Erfolg gebracht.

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